Ule, 22
Pädagogische Post
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wehe den Nichtmathematikcrn! Die Lösung der Aufgaben ohne jede
vorherige Vcrarbcitung oder mit nur angedeuteten Hinweisen ist für
solche eine Qual. Ich behaupte nicht, da» das bei allen höheren
Lehrern der Fall ist und da» das bei uns überhaupt nicht vorkommt.
Ausnahmen sind auf beiden Seiten vorhanden. Ungeschickt zu leh
ren und Unkenntnis der Psychologie kommt überall vor. Aber das
wird jeder zugeben: der Dlangel einer Uebungsschule an den Uni
versitäten und schlechte methodische Vorführungen wahrend
der Kandidatcnjahre werden nicht gerade fördernd auf die
Schul tcchnik einwirken. Die U?öungsschulen an den Seminarien
sind noch das Beste an diesen Schulanstalten. Vergleichen wir mit der
Arbeit der Stuüienräte die unsrige. Welcher Unterschied besteht da?
Bei uns die größere Kinderzahl, der Mangel an Lehrmitteln, die
größere Stundenzahl, die größere Verantwortung und die schlechtere
Bezahlung und alles das, weil wir nur seminarisch gebildet sind.
Gut. aber wir müssen größere Leistungen vollbrin-g.cn; haben Misere
Eltern nicht eine so lange Studienzeit für unS bezahlt, so rechne
man zum lvenigsten unsere Arbeit für voll an. Damit ergibt sich die
Gehaltsregelung von selbst in dem Sinne, wie sie seit langem erstrebt
wird. Für die Zukunft, speziell für die neue Lehrerbildung müssen
wir erreichen: 1. Eine gründlickie wissenschaftlich? Vorbildung. Sind
eigentlich aus der gesamten Lehrerschaft endgültige Vorschläge her
ausgegangen? Mir scheinen wichtig neben Deutsch und Geschichte
und Psychologie, Latein, Französisch, Mathematik u. e, a. 2. Tie
methodische Schulung wie bisher. Methodiker, wie der oben
erwähnte, dürfen nicht kalt gestellt werden Was nützt uns eine
minutiöse geschichtliche, jedoch hoch wistenschastliche (!) Methodik,
wenn die Praxis fehlt. Ich bin der letzte, der die Wissenschaftlichteil
verachtet; verdanke ich doch der Wissenschaft so manckx' glückliche
Stunde. Aber in der Methode gibts nur einen Weg. die Prazgs und
das Sehen und Hören der Praxis. Ich bleibe dabei, unter den
Volksschullehrern herrscht die bessere methvdisck-e Schulung; sie fin
den aus ihrer Praxis heraus von selbst das Richtige. Wie habe ich
mich gefreut, in der Debatte über den Schulstaat so gesunde Ansich
ten gelesen zu haben. Auch das ist ein Beweis für meine Behaup
tung. Ich stehe sogar der Einrichtung der Selbstverwaltung bei
sogenannten reiferen, d. l> bei älteren Schülern sehr skeptisch gegen
über. Ich habe diese Einrichtung als Primaner selbst ^nitgenmcht
und gebe selbst zu. wir waren damals nicht reif dafür. Ob es heute
anders sein wird? Wenn man die zigarettenrauchenden, herum-
fürtenücn ppp. Herren Primaner sieht, dann zn>eisclt man daran. —
Ob ich in meinen AusführrlNiwn etwas Neues gebracht habe, weiß
ich nicht. Ich hoffe aber, der Mehrzahl der Kollegenschaft nach dem
Sinn gesprochen zu haben -
Strikte Forderung nach einer gerechten
Eingruppierung der Lehrer in die preuß.
Besoldungsordnung.
Vo-n Nektar Christ-Niedermendig.
Das B. D. G. vom 17. 12. 1920 hat den Lehrern der Volksschule
ihre Eiugangsstclle in Gruppe VI l zugewiesen, nicht ohne d«ß es
zu diesern „Erfolg" harter Kämpfe bedürfte- Die Lehrerschaft aller
politischen Schattierungen konnte dabei nicht umhin, dem damaligen
Kultusminister Hanisch für sein namhaftes Eintreten gegenüber
starken Gegenströmungen von bekannter Seite her unumwunden
Dank zu zollen. Unsere alte Forderung: Annäherung an das Ge
halt der Lehrer an höheren Schulen um eine Sture! ist allerdings
leider nicht Tatsache geworden. Es ist unverständlich und betrü
bend zugleich, daß es Kollegen waren, die Mitglieder des preußischen
Lehrervereins., die- zufrieden gnveien wären mit der Gleichstellung
der Lehrer den Sekretären der allgemeinen Staatsverwaltung ge»
gerrüber. An Besch-ndenheit waren wir ia zwar von jeher gewölmt;
aber sowas nenne ich derb nnd hart: Selbstentmannung! — Rast
loser, mühevoller Arbeit ist es endlich bis heute gelungen, den Leh
rer nach sage und schreibe 25 Drenftiahrcn in Gruppe VIH einzu
reihen. Damit käme dann der Lehrer frühestens, aber allerfrühe,
stens glücklich mit 45 Lebensjahren in den Gmnß der Bezüge
dieser Stufe. Die allermeisten — von den heutigen Kriegs- und
Junglehrern gar nicht zu reden — erreichen jedoch daS patriarcha
lisch« Alter von 4L und 56 Jahren. —
Und wie stehts heute mit den Beamten, mit denen wir vor ektva
Jahresfrist gleich gestellt wurden, mit den Obersekretären?
Am 2. Juli 1921 wurde in Köln zwischen „der rheinischen Ar
beitsgemeinschaft der Städte und Kommunalverbände". bestehend
aus:
den größeren Städten der Rheinprovinz, mit Ausnahme von
Köln.
2. dem Rheinischen Städtebund,
3. dem Verband Rhein.-Weftf. Gemeinden,
4. dem Rhein. Gemeindetag.
5. Sem Rhein. Unterverband des Verbandes Preuß. Landkreise
einerseits
und der „Bezirksgruppe Rheinland des Verbandes der Kom-
munalbeamten und -Angestellten Preußens ^ B.-. sowie den
mit der Bezirksgruppe in einer ArbeitSgemZnschasr befind
lichen Verbänden,
1. dem Reichsverband deutscher Polizeibeamten im B reich der
Bezirksgruppe Rheinland,
2. dem deutschen Werkmeisterverbande,
3. dem Bezirksverband Rl-einprovinz deS Verbandes deutscher
Berufsseuerwehrmänner andererseits
zur alsbaldigen Durchführung der nach dem preußischen Beamten-
DiensteinkonnuenSgesetz vom 17. 12. 1020 erforderlich gewordenen
Besoldungsreform Vereinbarungen getroffen, die in den Ausfüh-
rungsanwcismcgen des Ministers des Innern vom 6. 10. 1920 ihre
Grundlage fanden.
Diese Vereinbarung, die sog. Kölner Richtlinien, gibt den ge
nannten Beamten und Angestellten der Kommnnalverwaltungen
so günstige Bestimmungen, daß der Lehrer nicht länger dazu schwei
gen darf. Ich will.nicht mißverstanden sein; ich bin der letzte, der
diesen Beamten ihren schönen Erfolg nicht gönnt; im Gegenteil, ich
freue mich dessen für alle die davon Betroffenen von Herzen. Wozu
wir Lehrer aber nicht schrvcigcn dürfen, daS ist das weitere Du.de»
und Sichzusriedengelren mit 1. der veralteten und ungerechten Ein
stufung der Lehrer in VII nnd 2. der Aufrückungsmöglichkcit nach
sage und schreibe 25 Dienftjalwen. Einige Proben aus den „Kölner
Richtlmicn" mögen dies näher beleuchten.
Es sind z. B. eingestuft die Stadt-, (Gemeinde-. Bürgermeisterei-,
Kreisausschuß- und Kassenassistenten in VI, die bei denselben Be
hörden tätigen Sekretäre in VII, die bei den gleichen Aemtern be
schäftigten Öbersekretärc in VHI. Dazu kommt, daß all den gcnann-
tcn Beamten eine weitere Aufrückuugsstelle geschafft wurde in die
nächsthöliere Gruppe, und zwar nickt nach 25, sondern bereits nach
10 Dienstjahren innerhalb dieser Stelle. Und wie wurde dabei ia
sehr vielen Fällen vorgegangen? In meiner allernächsten Umgebung
hat man, um den Kommnnalbeamten höl>ere Bezüge zukommen
lassen zu können, einfach junge Assistenten von 28. 27, ja 24 Jahre»
zu Sekretären befördert, und desgl. die Sekretäre an andern Orte«
zu Obersekretären geschlagen. Wir erleben es also, daß Kommunen,
die sonst tiic genug darüber klagen können, daß die „schweren- Ge
hälter der Lehrer den Gemeindcsäckcl ausplündern, hier schlankweg
ihren Beamter!, die dazu in den allermeisten Fällen ohne jedwede
Prüfung, angefangen als Lehrling mit Boltsschulbildung, rund 10
Jahre früher ein höheres Einkomnien zahlen, als der Lehrer eS
erhält, der erst mich langem, mühevollem, . teurem Studium mit
21—25 Jahren ansängt, sein Dasein zu fristen , das „zu wenig zmn
Leben, zuviel zum Sterben" bedeutet. Dort Gruppe VHI mit 34,
37 u. 38 Jahren hier im grauen Alter; dort Gruppe IX den Ober
sekretären auf allen möglichen Büros, hier höchstens einigen weni-
gen die im Verhältnis zur Gesamtzahl der 180000 Lehrer ver-
schwinden wie der Schnee vor der Sonne. Es ist also Tatsache ge
worden, daß der Lehrer einfach 2 ganze Gruppen zurückversetzt
wurde gegenüber der ursprünglichen gesetzlichen Regelung. Wolle»
wir dazu länger schweigen? Nie und nimmer? Jeder Ortsverein
muß dringende Eingaben dem Prow-Berband übersenden, der seb»
nerserts mit größtem Nachdruck unsere Fordermig: Alle Lehrer
nach IX mit Aufrücknngsmöglichkeit nach X und XI! nach obenhin
Vertretern muß. Und noch etwas folgert aus den Abmachungen der
„Kölner Richtlinien" für uns: Regelung der Titelfrage. Wir sehe»
bei den Kommuna-bemnten ja augenscheinlich. daß marr, sobald die
Amtsbezeichnung eine andere wird — Assistent, Sekretär, Ober-
sekretär Bürodirektor — ohne Murren seitens der Kommunen jedes
mal eine höhere Gruppe bewilligt hab Daher zum Schluß kurz tnchi
Vorschlag hinzu: Bon der einstweiligen Anstellung ab 10 Jahre Leh
rer in IX, 10 Jahre Lehrer mit Ausrückung in X, Rest Oberlehrep
in Xk. J
Preußischer Landtag.
Airs der 88, Sitzung am 44. Dezember 1921.*
Vizepräsident Garn ich: Das Wort hat der Herr Abgeordnet-
Holl mann.
Hvllman« sLlchtenberg). Abgeordneter (D V.-P.-: it'Utuc politi
schen Freunde begrüßen zunächst die Erklärung des Herr,^ Minister-
vom vorigen Freirag, daß eS sein Bestreben sein werde wie das seine-
Herrn Amtsvorgongers. möglichst Ruhe und Stetigkeit in der Kultur«
Politik herb« zuführen. In der Tat. Ruhe und Stetigkeit braucht, wi«
unser gcsamte« Schul, und ErzirhungSwesen, so besonders auch unser
Voltr-sedulwesen, nachdem es zum Test schon während der Kriegszeit
m damals allerdings kaum zu vermeidender Weife durch mancherlei
Störunge. dann aber ganz besonders nach der Staatsumwälzun»
avtzerordentlrch beunruhigt worden ist, vor allem dadurch, daß eine
Fülle noch nicht ausgcreifter, noch nicht erprobter, überhasteter Re»
fvrmversuch« über die Volksschulwesen ausgeschüttet wurden, di« sich
nachher vtelfach nicht durchführen ließen, zurückgenommen oder doch
wesentlich eingeschränkt werden mutzte«.
(Sehr richtig! bei der D. V-P.)
Nun sind wir allerdings durchaus nicht der Auffassung, daß Ruhe
und Stetigkeit gleichbedeutend sein soll mit Stillstand oder gar Rück-
schritt, sondern daß sich damit gesunde Bahnen deS Fortschritts durch-
j
• Fortsetzung eit« Nr. 10, 11, 12 und 17. Mußte wegen Ram»
mangels immer wceder zurückgestellt werden. (Schrift!.).

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