3Ca(hoüJche Zciffcfariff für Crzicftung und Stfdung:
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fimipfBfnff der 3»e!gnerl3ndc des Kulfi. scftpcrocpßondes des Vrulfrken flclcsics: Hsiclnfand, Westfalen, Coffet dHfdesfielm, Osnaftp&di
und B?aunfcftu>eis — Dcpolfenlstdiunasopgon der Hermann-H»»kektus-8ttftung 3ür Westfalen: Aortsetzung der Lüdagogiscken IvorLe
F. Sohumaohev. Bochum fiouptfdtrifttcifUWQ S 1 *; 0h ' ® “** f ' Mr ®
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2 n o st 11 •— Ukra rievunue'l dec teetijchen Emwlcktung des Kcnws. — Dlchmng und Jadustct. — D>e Sl"tz n der verge stigten ^.rocil fchlUe.—
De Germanen um die Zeit Chriti. — Im nolksttaat: Weltw rt,chaftsnot und W.ltw rtzchafksftlidartsmus. — Gestnnungspolittjche
Skizze vom Standpunkt oes Erziehers. - Echnlpolttische Zeit-ragen: ZeitzemOe Ecziehaag. - Bersastainsumgeh^ng. - Zar»
pre>ßifchcn Schulreform. — Lehrer warte: Ka;h. Le »rerverband, Provinz Westfalen. — Bereinsanzerg n. — Anzeigen. v
1. Jahrgang
10« 3anuat* 1922
Olummcr 3
Voraussetzungen der seelischen Entwick
lung des Kindes.
Ein Beitrag zur Vertiefung von Erziehung und Unterricht in der
Grundschule.
W. Ebel, Dortmund.
ir streben in der Gestaltung der Bildungsarbeit mit
Flachdruck und Bewuytsem dayin, sie dem geistigen
Standpunkte des Kindes anzupassen. Das Bemühen in
dieser Richtung ist nicht geraoe neu, aber auch noch nicht
alt; wir müssen auch gern zugestehen, daß uns heute noch manche
Voraussetzungen für eine wirkliche kinderpsychologische Pädagogik
fehlen. Bis wir dahin kommen, müssen wir ein noch fast unbe
kanntes Gebiet durchforschen, das Meumann die Arbeitslehre des
Kindes genannt hat. Wenn das erreicht ist, darin wird das Eome-
niuswort „Alles nach Ordnung und Lauf der Natur" in erneuter und
vertiefter Bedeutung unserm Schaffen vorangestellt werden dürfen.
Aber, wie gesagt, bis dahin ist du langer und mühevoller Weg.
Man kann davon einen Hauch spüren, wenn man die Festlegung
von E i n z e l Untersuchungen etwa über Gedächtnisleistungen, über
Beobachtnngssonderheiten, über Aufmerkfamkeitsbetätigung usw.
durcharbeitet. Oder auf andere Weise: Welch ungeheure Arbeit
geleistet ist und vor allem noch zu leisten sein wird, davon zeugt
t , B. die neueste Auflage von William Sterns differenzieüer
rsychologie, die über 100 Seiten Literaturnachweise bringt. Was
davon vorläufig, was endgültig, was davon richtig oder irrig ist —
auch das kann nur von großen Arleit-ue^bänacn und in lg""^n
Jahren zu einem vorläufigen Abschluß gebracht werden. Alles
das aber sind nur Voraussetzungen für einen wirklich kinder-
und differenziert-psychologischen Bildungsprczch. Und vielleicht ist
noch ein anderes Moment imstande, die Achtung vor dieser wissen
schaftlichen Arbeit zu wecken und zu erhöhen: Auch dieses Forschen
ist nicht voraussetzungslos, ebensowenig wie irgendein Forschen auf
anderen Gebieten; auch hier, im Anfange der Forschungsarbeit, sind
eine ganze Reihe verschwiegener Mitfaktoren, die alle auf die Rich
tung der wissenschaftlichen Arbeit und vielleicht noch mehr auf die
Gestaltung ihrer Ergebnisse einen mehr oder minder bestimmenden
Einfluß gewinnen können. Ihnen sollen die nachstehenden Worte
gewidmet sein.
Wenn das Kind zur Welt kommt, dann liegen manche Bestimmt-
heiten durch Vererbung und Auslese bereits fest, ohne daß uns diese
inneren Bedingungen bekannt wären. Wir bezeichnen ste im allge
meinen durch den Begriff „Anlagen". Worin das Wesen dieser
Anlagen besteht, weiß niemand. — Herder hat einmah überwältigt
von der Macht vier entspringender Gedankenaänge, gemeint, die Er
ziehung eines Menschen wäre bei seiner Geburt vollendet. Indes
dürren uns doch Ueberlegung und Mltagserfahrung sagen, daß diese
Meinung irrig sein mnß. Denn an das heranwachsende Kind treten
in Gegensatz zu den Anlagen von außen her Bedingungen heran
(Umwelt; soziale Stellung, Umgang usw.). Wer wollte leugnen,
daß nicht auch diese die Entwicklung des Kindes richtunggebend be-
einftnßten?
An erster Stelle dürften freilich die inneren Bestimmtheiten,
die Anlagen, sieben. Wir unterscheiden ste zweckmäßig in einzelne
Grupven: 1. solche, welche dem Menschen als Gattnngsding eigen
sind. 2. solche, die Eigentümlichkeiten eines der Geschlechter dieser
Gattung sind, 3. solche, die die einzelnen Rassen kennzeichnen, 4. Art«
eiaenschaften, die einer Familie eigentümlich sind und von den Vor
fahren den Nachkommen vererbt werden, 5. Individualanlagen.
1. Die Gattungsanlagen unterscheiden den Menschen von
den anderen Lebewesen, insonderheit also vom Tier. Die Ant
wort ans die Frage freilich, worin dieser Unterschied bestellt, wird se
nach der oanzen Stellung des Einzelforschers febr verschieden sein
können. Man wird zunächst wohl eine gewisse Uebereinstimmung
finden in der Ansicht, daß alle Menschen gemeinsam gewisse physi
sche Züge ausweisen, unter den gewöhnlichen Umständen wahr
nehmen, fühlen, wollen, handeln, sich entwickeln, auch manche für die
Erhaltung und Entwicklung des Organismus oder des Menschenge
schlechts nützliche Handlungen ausführen (Trieb-, Jnstinkthandlun-
wn) und maneyes andere. Aber darüber hinaus aetzen die Meiuun-
Affoziationstätigkeit, ob das Wollen unter Mitwirkung eine-
freien Geistes geschehe, ob der normale Mensch für seine Handlungen
verantwortlich sei, ob der Mensch eine geistige, vom Tiere wesenbafh
verschiedene Seele habe: all diese Dinge sind heute und werden
es auch morgen sein — der Forschung noch problematisch. Und doch
ist eine klare Einsicht in diese Fragen und ein fester Standpunkt zn
ihnen so ungemein wichtig für den praktischen Erzieher, denn in
jeder Stunde stößt er auf solche Grundproblem-. Äon diesem Ge
sichtspunkte möge einmal das sog. biogenetische Grundgesetz betrach
tet werden, das bekanntlich besagt, die Ontogenese sei eine abge
kürzte Phylogenese (ans deutsch: die seelische Entwicklung des Kinde
sei nur eine abgekürzte Wiederholung der geistigen Entwicklung btt
Menschheit.?> Was etwa richtig an diesem Gesetz ist, daS ist auf
Kosten der Gattungsaulagen zu setzen.
2. Die physischen Geschlechtsanlagen zeigen sich dem
naiven Beobachter am deutlichsten und ursprünglichsten beim Ge
fühlsleben. Aber nicht nur hier tritt das zutage, auch die wissen
schaftliche Untersirchung hat diese Erkenntnisse des „naiven Realis-
mus bestätigt. Man hat, gerade im 20. Jahrhundert, umfastende
Umftagen über die Charakter- und Temperamentkeigenschaften an
gestellt; man hat di°se Umfragen tmrcfr sinnreiche Aussaacexperi-
mcntc ergänzt, man verwandte die Analyse von Schulaufsähen. das
Befragen von Schülern und Schülerinnen über beliebte und unbe
liebte Unterrichtsfächer, die Leistungen gleichaltriger Knaben und
Mädchen in den verschiedenen Lehrfächern, die stärkere Neigung der
Mädchen kür lyrische Gedichte.... all diese Erhebungen gestatten
gleichgerichtet den Schluß, daß das Gefühlsleben der Mädchen
reicher ist als das der Knaben, und bestätigten damit eine tausend
jährige Menschheitsüberzeugung. Damit hängt, soweit man da-
beute übersehen kann, die größere Begabung und das stärkere Inter
esse' des weiblichen Geschlechts für die sprachlichen Fächer zusammen.
Mitbestimmend ist in dieser Beziehung vielleicht auch noch die Tat
sache, daß die Frau den Svrechbewegungsapparat leichter beherrsch^
was besonders in der rascheren Entwicklung der Sprache beim
Klcinkinde zum Ansdruck kommt. — Nach außen treten noch andere
physische Geschlechtsunterftlltede in die Erscheinung: die stärkere
Veranlagung der Knaben für Mathematik. Physik und Geographie,
die geringere geistige Entwicklung der Knaben in allem, was mit
Farbenwallrnehmnng und Farbenunterscheidung zusammenhängt
und manches andere. Vielleicht darf man auch als typisch für das
Geschleckt die besonderen Leistungen in Literatur und Kunst betrach
ten, z. B. die bedeutsame Tatsache, daß in der gesamten Weltliteratur
noch keine Frau ein lebensfähiges Drama geschrieben bat*> Diele
Differenzierungen basten sich und gelten durchaus nur im Reich des
Normalen. Bei stärkeren Steigerungen gestalten sich die Verhält
nisse anders. ErzentrisckM Gefühlsleben ist z. B. bei Knaben häufi
ger als bei Mädchen, das beweist die Kriminalstatisttk. Die stärkere
Beteiligung der Knaben an der Kriminalität ist nicht ohne Zusam
menhang mit dem häufigeren Auftreten der Gefttlllsansbrüche bei
ihnen. Besonders deutlich beweist das Endergebnis solcher Gefühls»
l ) Bei Oaeckel hat Aas Gesetz noch einen ausgedehnteren Sinn: Der einzeln^
Mensch . durchläuft die Entwicklung seiner ganzen Vorfahren, also .vo»
Bazillus zum Affenmenschen'.
■) Ich habe vor Jahren einmal eine werdende Dichterin auf diese T.ib>
fache hingewiesen; ste ist mir darob fast böse geworden und erklärte mir, biß
Antwort schon durch die Tat geben zu wollen. Aber biS heute kann tch meines
Standpunkt noch «ngeändert behalt«»

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