Nr. 28
Pädagogische Post
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erfolge —, dak dem Dkenschen volle Gewißheit möglich sei. Aber
ebensowenig hat die Atenschheit ja sich in Unklarheit darüber be-
funden, daß Irrtum ihr Los. ^Der starre Dogmatismus und die
absolute Wissenslehre finden sich auch nur im Kreise weniger ver
schrobener Gelehrter. „Nur dem Absoluten-, sagt der edle
Hetlinger-), „kommt eine absolute, den Dingen völlig adäquat? Er.
kenntnis zu, da es Intelligenz und Sein. Idee und Wirklichkeit zu
gleich ist, und alle Wahrheit in sich als ihrem Ursprung und Mittel.
Punkt eint, ein intelligibler Licktguell. wie es die Sonne ist in dieser
Sichtbarkeit. Deni endlich?» Geiste dagegen ist sie ein Ideal, dem
dieser nachstrebt, das er aber nie erreichen wird. Gerade das Höchste
und das Niedrigste. Gott und das Atom. entziehen sich vielfach dem
Blick des Geistes. Wenn unser Wissen nur so weit reicht, als das
Gebiet dessen, was unser Wahrnchmungs- und Unterscheidungs-
Vermögen ersaht, dieses aber beschränkt ist und abhängig von den
Anregungen, die es von der» Objekten einpfängt. so sieht hier der
Geist sich eine Schranke gezogen, die er weiter und weiter zurück
drängen, die er aber nie ganz durchbrechen wird." Damit deutet
Hettinger die Wurzel der Beschränktheit unserer geistigen Erkennt
nis an: sie ist an die Sinnlichkeit gebunden. Der Mensch gelangt
daher immer nur zu einer gröhcrn oder kleinern Summe von Ein»
zelerkenntnisftn. Mrt Recht sagt Alex. v. Humbold'): „Es gleichen
die Ergebnisse unseres Denkens, wo im Gebiete der tieferen For
schung über die dunkle Werkstätte d:r Natur und die schassende
Urkraft es abgewandte unerreichbare Regionen gibt, den Erkerrnt-
nisien über den Mond, dessen drei Siebentel der Oberfläche gänzlich
und wenn nicht neue, unerwartet störende Mächte eindringen, auf
immer unseren Blicken entzogen bleiben."
II,
Dem Menschen ist eine gewisse Erkenntnis möglich aber er wird
stets nur zur Erkenntnis einzelner Wahrheiten, nie ober im Dies
seits zur ganzen Wahrheit kommen. „Das höchste Ideal der Gelehr
samkeit, des Scharfsinnes und der Tiefe, welches die Vergangenheit
oder die Zukunft in einem Menschen verwirklicht oder verwirklichn
sollte, wird immer nur, uni ein Wort Newtons zu gebrauchen,
einige Kieselsteine aus dem Ozean der Wahrheit sich erwerben und
nur einen engen .Horizont mit voller Klarheit überschauen. Seine
Erkenntnis gleicht einer Insel, welch einige Ouadratineilen festen
Bodens ihm bietet, wahrend ringsrrm die Wellen des unergründ
lichen Ozeans fluten."-)
In jcfcem einzelnen Aäenschen ist nun der Erkenntnistrieb wirb
fam, in jedem strebt er hin nach dem oben bezeichneten unendliches
Ziele. Jedes menschlich Individuum sammelt Sinnesbilder, ver»
eint sie im Gedächtnis mit der von der Einbildungskraft erzeugten.
Der Geist bildet Begriffe, sammelt sich. wahllos von den Zufällen
des Lebens getrieberr. eine Summ? von Einzelerkenntnissen, Er
fahrungen. Durch Induktion bilden wir uns Gattungsbegriffe,
Gesetze.
Der Mensch ist aber nicht blos; Einzelwesen, er ist ein animal
social, Glied einer Sozietät. Er nimmt teil an dein Geistes
leben der andern, den Gliedern der Gesellschaft. Die Sprach ist
das Vehikel, wodurch in erster Linie die Gemeinsamkeit des Geistes
lebens eines sozialen Ganzen grundgel?zt wird. Eine Sprache er
lernen. heißt, in die durch eine jahrhundertelange Geistesarbeit auf
gespeicherten GeisteL'chätze einer Nation eimwführt werden und an
Diesen teilnehmen. In ähnlicher Weise wirken die traditionellen
£, stoven des Volkslebens: Gebräuche. Sitte. Recht, die Güter an
geschichtlichen Erinnerungszeichen, die Kulturgüter, die ein Volk er
rungen. Der Geist des Einzelnen wird dadurch bereichrt griffen, feststehenden Anschauungen, Meinungen u. s. f. So wächst
der 7t!enschlich Geist heute heran, die so gewonnenen Begriffe.
Urteile. Gesetze mit einander „verknüpfend und verschlingend, wie
es die Associationen der Vorstellungen und die Subalternation der
Begriffe bedingt/")
Dicserart ist das Heranwachsen der Erkenntnis des Menschen
im sozialen Leben. Seine Erkenntnisse werden dabei flarer over
verworrener sich aneinanderreihen, „je nachdem die Seelen sich
selbst überlassen bleiben oder von einem Erwachsenen und Gebilde
ten gerührt sind, und ie nachdcm der Geist selbst eine regsamere
oder trägere Urteilskraft hat, wird er früher oder später die ein
zelnen Begriffe und Sätze zum Ganzen ordnen. Ganz ungeordnet
werden sie aber niemals bleiben. Ein natürlich?r Drang treibt
jeden Verstand zu dieser Ordnung der Erkenntnis und eben damit
-um Wissen im engeren Sinne oder zur Wissenschaft."*)
Was ein Geschlecht so an Wissen erworben, das geht mit dem
Absterben dieses Geschlechtes nicht verloren. Ein Geschlecht über
antwortet durch Lehre und Zucht sein-? gewonnenen Kenntnisse dem
andern, in Schriftwerke werden diese Wissensschätze niedergelegt.
Die nachfolgenden Geschlechter arbeiten daran weiter. Prüfen,
scheiden aus, ergänzen, vervollkommnen. Es bilden sich die verschie
denen Wissenschaften, indem von dem ursprünglich ziemlich engbe
*) Hetlinger: Der Organismus der Universitätswisjeufchoften in
der Katholik. 41. Jg. 1862. S. 16.
# ) Aelx v. Humboldt. Kosmos. I S. 164.
*) Haffner: Grundlinien der Aufg. d. Philosophie, S. 2.".
Haffner, a. a. O. 25.
% Ebendort. 2d
grenzten Wissenskreise — Willmanns Geschichte des Idealismus
1. Band hat überzeugend dargetan, daß der religiöse Wissenskreis
der zuerst gepflegte ivar — immer neue Teilgebiete des großen un
endlichen Reiches der Wahrheit in Angriff genommen und ausge
bildet wurden. Es steht also fest: Ter methodisch aufgebauten
Wissenschaft geht eine Summe von Einzelerkenntnisseu voraus, die
wahllos, von den Zufällen des Lebens bedingt, entstanden. Die
Wissenschaft ist ja eben nichts weiter als die schematisch geordnete
Erkenntnis eines Teilgebietes der Wahrheit aus ihrem nächsten
Prinzip, da müssen naturgemäß Einzelerkenntnisse vorausgehen, ehe
eine schematische Ordnung möglich ist.
Erkenntnis der Wahrheit aus ihrem Prinzip ist also die Wissen
schaft. 9kach Aristoteles, von welchem der Ausdruck Prinzip in die
wissenschaftliche Terminologie eingeführt wurde, und bei dem wir
deshalb über den Sinn desselben Aufschluß suchen müssen, ist
Prinzip dasjenige, durch welches etwas ist, wird oder erkannt wird.
Hier handelt es sich zunächst um das Erkenntnrsprinzip. Dieses
kann mit dem Seins- und Werdenspriirzrp zusammenfallen, es kann
aber mich die Erscheinung des Wesens, die Wirkung der Ursache
sc in?) Danach unterscheidet man die Wissenschaften in rationale,
welche aus dem Wesen und der Ursache die Dinge erkennen und;
hiervon ausgehend deduktiv die Wirkungen Mid Erscheinungen er--
klären, sowie in empirische, ivelche von den Erscheinungen und!
Wirkungen aus induktiv das Wesen und die Ursachen aufhellen.
Diese Einteilung der Wissenschaft hat ihren Einteilungsgrund also
in der Art und Weise des Vorgehens der Erkenntnis. Ein anderer/
Einteilungsgrund ergibt sich aus der Art der Zusammenfassung des
Teilganzen der Wahrheit, welches die einzelne Wissenschaft umfaßte
Diese Zuscrmensassung kann unter drei verschiedenen Gesichtspunk
ten geschehen: 1. nach ihrer innern sachlichen Verwandtschaft des;
Wesens, 2. nach der Verumnötsllmst ihres Ursprungs oder Werdens'
und 3. nach der ihres Zrveckes.
Es ist eine große Zahl von verschiedenen Wissenschaften, welche
durch weitere Verfolgung dieser Einteilungsgründe sich feststellen!
ließen. „Es erscheint uns dasselbe", sagt der schön öfters angerufene
Haffner"), „wie ein vrelverschlurrgenes Netz, durch welches der
menschliche Geist der Wahrheit sich bemächtigt. Bon altern und
jedem, was ist, gibt es eine Wissenschaft und nicht nur eine, sondern
eine Mehrheit von Wissenschaften, da ja ein jedes in verschiedenen
Stufen der Allgemeinheit. ans verschiedenen Prinzipien und in ver
schiedenen Richtungen erkannt werden kann. Nichts ist zu gering,
uni nicht wissenschaftlicher Untersuchung würdig; nichts zu hoch. um
ihrer nicht irgendwie fähig zu sein. Die Grenzen der Wissenschaften
fallen mit den Grenzen der erkennbaren Wirklichkeit oder der
Wahrheit zusammen."
Die Wissenschaft ist von großer Bedeutung für das Leben d?s
Einzelnen. Weil von vielen geprüfte und erprobte Erkenntnis, gibt
sie sicheres und klareres Licht über die Dinge, wie die rein individuell
gewonnene Erkenntnis. Die Wissenschaft ist ja eben sozial bedingt.
Abraham a Santa Clara drückt sich in seiner drastischen Sprach
über beit Wert der Wissenschaft folgendermaßen sehr richtig aus:
„Ein Mensch ohne Wissenschaft ist wie ein 'soldat ohne Degen, wie
ein Acker ohne Regen; ein Mensch ohne Wissenschaft ist wie ein
Wagen ohne Räder, wie ein Schreib-r ohne Feder; ein Mensch
shne Wissenschaft ist wie ein Himmel ohne Stern, wie eine Nuß
ohne Kern: Gott selher mag die Eselsköpf nicht leiden." Bekannt
ist ja, mit welchen begeisterten Worten Nikolaus Cusanus über
Wissen und Denken Hch ausließ, »vre er die Freude ctm Suchen und
Finden der Wahrheit schildert.
Noch mehr Wert, wie für das Leben des Einzelnen, hat aber
die Wissenschaft für das Leben der Sozietät und für deren Schaffen,
die Kultur. Die Wissensärast ist ja selber Külturprodukt, wenn es
auch ein Naturtrieb ist, der zu ihr hinürängt. „Wissenschaft und
Kultur stehen int gleichen Verhältnis zu einander wie Ursache und
Wirkung. Eine hohe und vollwertige Kultur ist abhängig von der
Pflege der Wissenschaft und ihren bedeutsamen Ergebnissen. Die
Güte einer Kulturrvelt richtet sich ferner nach ihren Grundrichtun
gen u,:d ihren Werten an hohen, glückbringenden, Ewigkeitsgehalt
in sich tragenden Ideen."") Die Wissenschaft ist kür den Sozial
organ ismus dasselbe, lvas festes, sicheres Wissen ftir den Einzel
menschen ist. Was bringt aber ein Merrsch ohne festes, sicheres
Wissen überhaupt fertig? So kommt »ine Sozietät ohne Wissen
schaft nie zu einer Kultur. (Schluß folgt.)
Schule und Miss-on.
Von Christine Plum, Aachen.
Die Missionskommissien des K. L.-V. zu Stachen hat beschlosst^
zur planmäßigen Berücksichtigung der Mission und Diaspora in
allen einschlägiger: Lehrfächern der kath. Lehrerschaft einen ins Ein
zelne gehenden Lehrplan an die Hand zu geben. Dadurch wird die
Sache nicht nur für die einzelnen Lehrkräfte erleichtert, sondert-
auch einheitlich gestaltet.
') Ebendort. S. 25 ff. dem wir uns hier im Wesentlichen an
schließen.
u ) Ebendort. S. 24.
**) Abrahmn a Santa Clara, Leben und Sterberr.
Hist. Polit. Blätter. Bd. 141, S. 6Vö.

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