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Pädagogische Post
Hauswirt mit dem Fremden zum Nachbar, wo das Essen und
Zrmfcn-feine Fortsetzung fand- Es war eine Ehrensache, daß dabei
der Wirt und seine Gäste sich betranken, denn man. hatte erst dann
die rechte Gewähr, den Gast so gut als möglich versorgt zu haben.
Allgemein üblich war die Sitte des Zutrinkens. Es geschah derart,
daß der Wirt ein bestimmtes Matz austrank, dasselbe füllte und
dem Gaste darbot, der es gleichfalls, wenn er. den Wirt in rechter
Weise ehren wollte, bis auf den Grund leeren mutzte.
Noch schlimmer als dieses sinnlose Sichberauschen war aber die
Reizbarkeit der 8lngetrunkenen. Infolge der »venig gewählten Reden
fühlte sich mancher leicht in, seiner Ehre verletzt^ und da die auf
geregten Gemüter es für Feigheit hielten, . solchen Schimpf mit
Worten zu schlichten oder zu erwidern, wurde gewöhnlich zur
Waffe gegriffen, und Verwundungen und Totschlag waren die
Folge, wenn nicht, was jedenfalls selten geschah, andere in den
Streit beschwichtigend eingriffen. Schon darin liegt der unver
kennbare Zug des in den alten Bardenliedern gerühmten schwert
schnellen Heldentums. Etwas ebenso Verhängnisvolles war das mit
großem Einst und gewaltigem Einsatz geübte Würfelspiel. Ohne
ein Wort der Klage hören zu lassen, verspielte man Haus und Vieh,
Weiber, Kinder und sich selbst. Ohne weiteres ließ der durch das
Spiel um seine Freiheit gekommene Mann sich von dem Gewinner
binden und verkaufen. Derrn der Gewinnende, um das doch innner-
hin Peinliche solcher Vorgänge zu beseitigen, verkaufte seinen
„Gewinn" schnell an einen anderen. Die Sklaven und durch Spiel
versklavten Leute wohnten in einzelnen .Häusern mit Weib und
Kind und waren nur verpflichtet, für ihren Herrn Arbeit zu leisten.
Ihr Herr hatte Recht über Habe und Leben der Sklaven. Sie
bildeten das spätere leibeigene Bauerntum, besaßen keine Stinrm-
rechte in Volksversammlungen, wie übrigens auch nicht die durch
eiiw bestimmte Summe zu Freigelassenen werdenden Sklaven.
Wie gesagt, hatte auch der Fremdling kein Recht und keine Ehre.
doch milderten sich, wie gleichfalls erwähnt, solche Sitten mit der
Zeit. Immerhin galt er, sofern er nicht von einem Stammesange
hörigen begleitet wurde, für vogelfrei und jeder konnte ihm nach
Gut und Leben trachten. Erst durch den Austausch des Blutes
konnten Fremde, als solcher galt schließlich jeder,, der nicht zur Ver
wandtschaft gehörte, zum Freunde werden. Das Wort Freund und
Freundschaft bedeutete im Altgcrmanischen dasselbe wie verivandt,
versippt. Es ist also so aufzufassen, daß alle, mit denen man nicht
verivandt war, zu den Fremden gehörten, lvas gleichbedeutend mit
Feind war. Der Blutaustausch fand, wie noch heute bei Albanern,
Beduinen und anderen Naturvölkern, in der Weise statt, daß rnan
sich gegenseitig mit einem Messer den Arm oder ein Bein ritzte und
das beiderseitige Blut miteinander vermischte, vielleicht auch trank,
wie dies auch jetzt noch bei den und jenen Völkern üblich ist. Und
wie bei diesen, so lvar auch bei den westfälischen Gernranen die
Blutrache eine althergebrachte Einrichtung. Für den Ermordeten
trat die Familie als Rächer auf, und nur durch eine Summe Geld
oder Vieh, deren Höhe die Familie des Getöteten be-
stimmte, konnte sich der Mörder von der Verfolgung fr» kaufen.
.Gewerbetreibende, also Handwerker, Kaufleute, kannte man-bei
den westfälischen Germanen nicht. Erst im zweiten Jahrhundert
n Ehr. bürgerte sich auf den Edelho-en solches Gewerbetum aus.
Es gab danuals wohl Goldschmiede. Schneider, Schuster. Sattler,
aber diese Arbeiten wurden nicht von waffenfähigen Männern, son
dern von Sklaven betrieben.
Die Frauen wurden durch Raub oder Kauf erworben. Die
westfälischen Germ,anen begnügten sich im Gegensatz zu anderen
Stämmen mit einer Frau. Untreue kam höchst selten vor und
wurde in grausamster Weise mit Martern und nachfolgender
Tötung bestraft.
Wir sehen aus allem, daß die Kultur der Gernianen noch sehr
roh war, daß die Gerinanen in Wahrheit ein Barbarenvolk genannt
werden durften und daß in der Ablösung der Blutrache durch ein
Wehrgeld der erste leise Schimmer milderer Sitten aufzuleuchten
beginnt. Aber auch hier ist es noch ein recht rohes Gemisch von
Streben rmch der Wiederherstellung der durch den Mord verletzten
Familienehre, wie von Eigennutz, der sich das Leben des Getöteten
mit Geld bezahlen ließ. Bon dem christlichen Gedanken der Ver
gebung und Versöhnung war noch nichts zu spüren. Ein zweiter
Lichtblick ist die Wahrhaftigkeit, die gegebenes Versprechen, sei eS
auch beim Spiel und sei es auch von noch so schwerer Bedeutung,
unweigerlich erfüllt. Durch alle Rol-eit und allen abstoßenden
Barbarismus jener germanischen Zeit strahlt diese Treuherzigkeit,
diese Vertrauensseligkeit und dieser Drang nach Wahrhaftigkeit
als goldener Boden, der fähig und bereit ist, anderen Schmuck de«
Seele aufnehmen und leuchten zu lassen. Allerdings müssen wir
hier wahrheitsgemäß betonen, daß Wahrhaftigkeit und Treue wie
uneigennützige Gastfreundschaft bei allen unverbildeten Natur
völkern in gleichem Maße noch heute anzutreffen ist, also an sich
nichts Außergewöhnliches zu bedeuten hat.
Das Gleiche gilt von der Religion. Auch sic war roh und hatte
noch nicht den ausgebildeten Götterglauben, wie ihn die ersten christ
lichen Glaubensboten zu bekämpfen hatten. Man kannte neben den
Opfern von Tieren auch die von Menschen. Die verehrten Gewal
ten waren jene der Natur, die num in Wind, Wasser, Donner.
Feuer und int Rauschen der hohen Bäume zu erkennen glaubte.
Mild ist die Kunde von Baldur, dem Lichtgott, und Freya, der
Frühlingsgöttin, und vielleicht noch von höherer Bedeutung für die
Veredelung der damaligen Germanenseelen die Ahnung von einem
Fortleben nach den, Tode. Ob man schon steinurnfriedete Tempel
plätze, Götterbildsäulen oder gar aus Bohlen errichtete Tempelhatten
hatte, ist nicht bekannt. Zweifellos aber ist, daß man, ob mit oder
ohne besondere Tempel, bleibe dahingestellt, die Götter in heiliger«
Hainen voll ragender, alter Bäume verehrte. Einen Priesterstand
kannte man damals noch nicht. Doch hatten einzelne Familien schon
das Amt der Opfernden und lvaren im Besitze alter vererbter
Zaul»ersprüche, Weissagungen. In den Frauen glaubte man die
Macht und Stimme der Götter vielfach tätig. Man nannte solche
seherisch begabte Frauen „Seherinnen".
Wenn ettoas die ivestfälischen Germanen vor anderen Völkern!
auszeichnete, so war es eigentlich rmr die geringere Sinnlichkeit, die
Einfrauen-Ehe und das gänzliche Fehlen von Lastern der Sinnlich
keit-
f... : ■ ."1. Qm Dolfesftaat II 1
Weltwirtschastsnot und Weltwirtschafts-
solidarismus.
ie Welt Wirtschaftsgemeinschaft ist uns Deutschen
durch den Krieg sehr fiihlbar zun, Bewußtsein gekommen.
Würde allen Staaten eine solche praktische „Wirtschafts-
lehre" am eigenen Leibe demonstriert worden sein, der
Weg aus dem wirtschaftlichen Weltsumpf fände sich schneller und
leichter.
Aber die führenden Politiker der „Sieger"stauten glaubten bis
vor kurzem, daß sie Nationalpolitik und Weltpolitik treiben könnten
ohne Rücksicht auf die wirtschaftlichen Lebensnotwendigkeiten
Mitteleuropas und besonders Deutschlands. Die unausbleibliche
Wirkung war bei ihnen eine wirtschaftliche und finanzielle Selb st-
blockade, deren Wirkungen sich von Tag zu Tag steigerten.
Englands Handel, um nur ein Beispiel zu erwähnen, erlitt von
Mo,mt zu Monat sich steigernde Verluste. Die englische Ausfuhr
blieb tm letzten Vierteljahr um 19 Millionen Pfund Sterling
hinter dem Voranschlag zurück. Die Arbeitslosigkeit in diesen, Lande
nahm einet Umfang an. der zum Vergleich mit der für die Er
werbslosen gezahlten Unterstütznngssnmme herausforderte. Und
da scheint es, als ob das „Geschäft" nach der bisherigen Methode
sich nicht mehr rentierte. >
In ähnlicher Lage befinden sich so ziemlich alle Staaten, für die
Deutschland vor dom Kriege der beste Kunde war.
Nich* zuletzt auch Amerika. Für dieses Land ein Hauptgrund
der Forderung der Rüstungsbeschränkungen. Das für letztere an
gewandte Geld läßt sich rrach der sehr vernünftigen Ansicht der
Bankers viel besser verwenden, um der notleidenden Weltwirtschaft
mrd damit den notleidenden Völkern und natürlich gleichzeitig dem
amerikanischen Wirtschaftsleben auf die Strümpfe zu helfen.
Es ist soweit gekommen, daß die amerikanischen Farmer ihre
Genossen aufrufen, das Getreide x. u verbrennen, mit
demselben die Ofen zu heizen und so die teuren
Kohlen zu sparen, weil man es nicht verkaufen kann und
teilweise auch zu den möglichen Preisen nickst verkaufen will. Und
da liegen denn Tausende von Schiffen und rasten und rosten, die
das Getreide dom hungernden Mitteleuropa bringen könnten. Es
fehlt eben am Geld oder vielmehr an der durch die politische und
wirtschaftliche Strangulation verursachte Kreditunfähigkeit der
Völker, die bei einer ungehemmten Entfaltungsmöglichkeit ihrer
wirtschaftlichen Kräfte Tauschwerte genug zur Verfügung stellen
könnten, um dafür ihren Voksgliedern ein einigermaßen erträgliches
Dasein zu sichern.
Wie der Weltkrieg durch die auf Krieg eingestellte Weltgesin
nung vorbereitet und heraufbeschworen wurde, so ist die wirt
schaftliche Weltkriegs- und Notlage letzten Endes verursacht durch
die herrschende Wirtschaftsgefinnung.
Das gilt innenstaatlich wie weltlich gesehen.
So lange die Glieder der nationalen Arbeitsgemeinschaft eines
jeden Landes sich nicht als auf Gedeih und Verderb miteinander
verbunden fühlen und auch in ihrem Handeln darauf einstellen»
solange die Forderungen der Erwerbsstände nur vom egoistischen
Internssenstandpunkt erhoben und vertreten werden, so lange ist
keine Aussicht vorhanden, daß der wirtsckjastsegoistische Krähwinkel-
standpunkt einer volkswirtschaftlich gerichteten Auffassung Platz
macht, geschweige denn, daß man sich in die weltwirtschaftlichen

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