Gelte 486
Pädagogische Post
Nr. 31
Hntcitancnfssxiit tv-'rden aufgehoben. Nicht der individuelle Wille
sammt mchr zur Geltung, sondern der Wille der Majorität über die
Minderheit. Der« Willen des souveränen Volkes ist alles unterzu
ordnen. Der erste Prograrnuientwurf (von V reu st entworfen) gftrg
auf den Einheitsstaat zurück, er wurde aber bedeutend abgeschwächt
(Tendenz des UnitarismuZ.) Walter Götz bezeichnet ihn „ge-
mäßigten Unitarisnms" (Tendenz zur Vereinheitlichung und doch
durch den Föderalismus daran gehindert). Erstrebt ist die Ein
heit des Reichs unter Beücksichtigung der Eigenart der Stämme.
Kulturpolitik:
Die Schule ist eine Angelegenheir des Staates, der Religions
unterricht gehört in die Schule. Die geistliche Schulaufsicht ist zu
beseitigen und durch Facharnsicht zu ersetzen. Erstrebt wird eine
simultane Einheitsschule. Es soll ein allgemeiner religionskundlicher
Unterricht erteilt werden, auf die Wahrung der Gewissensfreiheit
von Eltern, Kindern und Lehrern ist zu achten. Der rcligionskund-
liche Unterricht soll neben dem Unterricht im Bekenntnis erteilt
werdcn. Jedes Kind must entweder cm Unterricht in der Moral
oder am Bekenntnisunterricht teilnehmen. Tie Trennung von
Kirche und Staat und eine oessere Wertung der geistigen Arbeit sind
sehr erwünscht.
Sozial- und Wirtschaftspolitik:
Erstrebt wird die Deniokratiff rung der Wirtschaft, nicht Auf
hebung des Privatcigentnms, sondern Aufrechterhaltung, keine Ver
gesellschaftung der Produktionsmittel. Die Monopole Lxwrschast
Einzelner wird nicht geduldet, der Großgrundbesitz 'oll daher auf
gelöst werden. Für den Betrieb der Wirtschaft must eine vollstän
dige Umstellung erfolgen. Es wird der Betrieb aus einem Herr-
schafts- zum Gemeimchaftsverbältnis führen, aus dern Betriebs-
Untertan wird der Betriebsbürger Tic Steuer soll nicht nur die
Bedürfnisse des Staates decken, sondern auch d'n übermäßigen Un
terschied im Besitz ausgleichen. Bei allen Mastnahmen must auf
die Möglichkeit der Neubildung des Kapitals Rücksicht genommen
werden.
Außenpolitik:
Die Demokraten verlangen die Revision der Friedensverträge
iwn Versailles und St. G'rmain und crl-c'beir Anspruch cnn Kolo
nien. Aufgabe des Reiches ist es, in enger Verbindung mit den
Ausländsdeutschen zn bleiben, um sic genügend zu schützen. Ein
Bund aller freien Staaten, ein Völkerbund, wird befürwortet.
i>) Die Deutsche Volkspartei.
Die Deutsthe Volkspartei steht den Dentschnationalen am näch
sten und daher auch in ßcharfer Opposition gegen die linksstehenden
Parteien.- „Deutsches We'en zu pslegen rmd ibrn Geltung und Ach
tung in der Welt zu erringen, ist das Bestreben der Deutschem
Vrlkspartei." Sie sucht ihre ganze parteipolitische Macht für die
Erreichung ihres Zieles einzusetzen, alle geistigen und sittlichen
Kräfte d»? Volkes zu konzentrieren zur Erziehung zu echt deutschem
Bolksempfinden. zu ernster Pflichterfüllung und wahrer Liebe zum
Vaterlande. Die Grundsätze der Partei sind niedergelegt in dem
Programm, das auf dem Parteitag in Leipzig am 39. Oktober 1919
aufgestellt wurde.
Ihre VeriassungSpolitik:
Ju Anlehnung an die Dentschnationalen ist der Deutschen
Bolkspartei das auf gesetzmäßigem Wege ausgerichtete Kaisertum
als Sinnbild deutsckrer Einheit die geeignetste Staatsform. Sie ist
allerdings auch nicht abgeneigt, im Interesse des Wiederauibaues
des Reichs an der augenblicklich gegebenen Staatsform unter Wah
rung ihrer Politischen Grundsätze mitzuarbeiten. Das Volk ist bet
der Regierung milvcrantwortlich. Die Partei fordert den deutschen
Einheitsstaat, will aber auch die Eigenart der kulturell, geschichtlich
und wirtschaftlich zusammenhängenden Landschaften berücksichtigt
wissen. „Wir fordern die Wiederherstellung der ruhmvollen schrvarz-
weiß-roten Reichsfarben."
Kulturpolitik:
In ihrer Kulturpolitik erstrebt die Partei st)ewissensfreiheit und
Selbständigkeit, sie sucht auf eine gegenseitige Berständgung der
einzelnen Religionsgcscllschaften hinzuarbeiten und fördert die Idee
der verständnisvollen Zusammenarbeit mit dem Staate an der
großen Aufgabe der BottSerzrehung. „Die Kirchen sollen frei von
staatlicher Bevormundung sein. Im Ehristeutnnl ist der Grund
pfeiler deutschen Kultur- und Volkslebens gegeben." — Gefördert
wird die nationale Einheitsschule. „Auf einer allgemeinen Grund
schule soll sich der reichgegliederte und vielgestaltige Aufbau des
deutschen S-ckmlwesens erheben" Je nach dem Willen der Er
ziehungsberechtigten sei die Schule simultan oder konfessionell, der
Religionsunterricht muß beibehalten werden. „Die Lehrerbildung
ist ans ihrer Sonderstellung zu lösen und in den großen Zusammen-
l>ang des gesamten nationalen Bildungs- und Erziehungswcjens
einzufügln."
Sozial- und Wirtschastspoutik:
Die Partei hält fest an dem Recht auf Privateigentum und dem
gesetzlichen Erbrecht, setzt andernteils dem-Streben nach Gewinn
wieder sittliche Schranken und betont eine billige Rücksichtnahme
auf hrs Wobt und die Bedürfnisse der übrigen Volksgenoffen. Im
volkswirtschaftlichen Leben wünscht ne (irr aufrichtiges Zusammen
wirken von Arbeitgeber und Werkangehörigen; die Verwaltung
der Betriebe bleibt dem Unternehmer. „In einer blühenden Land
wirtschaft und einem kräftigen, selbstbewußten Bauernstand sieht dir
Deutsche Volksparter die wichtigst-,' Grundlage deutscher Volkskraft"
— „Das .Handwerk auf dem Lande ist zu neuer Blüte zu erwecken,
das Verkehrswesen auszubauen."
Bei der Neuordnung der Finanzen ist aus Ehrlichkeit. Ordnung
und Sparsamkeit zu achten. ,-Die Zusage an die Zeichner der
Kriegsanleihe ist einzulösen."
Außenpolitik:
Dem deutschen Volke muß im Kreise der Völker die gebührende
Achtung und Freiheit werden, eine politische und wirtschaftliche
Völkcrv'nsöhn.ung ist nicht möglich, solange die Ehre dos deutschen
Volkes von unseren Feinden mit den Füßen getreten wird und der
uns ausgezwuugene Gewalt frieden bestehen bleibt. Das für un>er
Volksleben unbedingt notwendige Kolonialgebiet muß wiederer
langt werden, ebenso gilt der Wille Deutschlands, an oer geistigen
und sittlichen Hebung der aus niedriger Kulturstufe stehenden Völ'
ker mitzuarbeiten, als berechtigt.
! ~ ~~~| ScfmfpoSiftjjCfie SSstlJumgen ([
Die „Zertrümmerung" der Volksschicke.
Von Dr. Hermann Rolle, Bautzen.
Das beliebteste Schlagwort im Kampfe gegen den Reichsschul-
giletzentwurs lautet: Der Entwurf zerschlägt die geforderte eine
einheitliche Schule für alle Kitider des Volkes n lcistungsunrahig-
Zwergichul^b dadurch daß er statt der verlangten für alle gemein
samen weltlichen Schule mehrere Schularten zuläßt. Bis zum
Ueberdruß ist diese Behauptung immer wieder verkündet worden,
oft genug auch mit der wirkungsvollen Uebertreibung, daß, wenn
jedes der in Deutschland bestehenden 259 oder gar 2.73 Religions
bekenntnisse seine eigene Schule erhalt-, das deutsche Schulwesen
dem Schichal einer völligerr Atomisierung verfalle. Es ist die
Schwäche dieser Beweisführung, daß sie sich aus rein äußere, ledig
lich rechnerische Faktoren stützt. Wer freilich für die Frage der
Gestaltung der Schule nur guantitatier?. zahlenmäßige Argumente
gelten läßt, für den ist das Problem der Volksschule von vordrem
gelöst: für den ist cS zuletzt nichts anderes als eine bloße bevölke-
rungsstatistische Ausgabe, bei der die einzelnen Kinder bloße
Nummern find, die möglichst zweckmäßig zu Zahlengruppen zusam
mengefaßt werdcn. damit der äußere Ausbau der Schule tunlichst
günstig gestaltet werden kann. Dieser organisatorische
Ausbau der Schule ist ein.s der Hauptziele der gegenwärtigen
Schulpolitik. Es gilt beinahe als pädagogischer Glaubenssatz, daß
eine Schule umso leistungsfähiger ist. je mehr Klassen fie umfaßt,
daß der Grad der Leistungen geradezu entsprechend der in einer
Schule vorhandenen Klassenzahl wachse oder fall» und daher erst
eine Schule mit acht Jahresklassen für die acht Schuljahre den vollen
^Uerrichts- und Erziehungserfolg verbürge. Die in einer Schule
vorhandene Klasi'engliederung wird direkt zum Wertmesser ihrer
Leistungssähigteit erhoben. Dieser Maßstab für die Abschätzung
der Bildungsleistungen der Schule findet im gegenwärtigen Schur-
kampi'e vor allem Verwendung, um di? Gestihrnchteit besonderer
Bekenntnisschulen für die Entwicklung des Schulwesens daezutun.
F^as Nebeneinander getrennter Bekenntnisschulen zersplittere das
Schulwesen, führe zur Bildung von leistungsschwacheren oder
leistungsunsähigen Zwergschulen und verhindere den ohne die
Trennung der Kinder möglichen orgarmatori'chen Ausbau des
Schulwesens zu mehr- und oiclgliedrigen Systemen. Nur die Ver
einigung aller Kinder ohne Rücksicht darauf, ob sie diesem oder
jenem Bekenntnis oder auch gar keinem angehören, gestatte den
Ausbau der Schule zu einem möglichst vollgliedrigen und damit
rrst den wahren Bildungserfolg gewährleistenden System. Darum
der Ruf nach der Einheitsschule, entweder rn Form der Gemein
schaftsschule oder gar der weltlichen Schule. ^
Solche Argumentierung mag dem Laien in den Fragen der
Sck'ule gegenüber eine gewisie Beweiskraft besitzen, der von dem
Körnlein Wahrheit, das darin steckt, die damit verbundenen Ueber
treibungen und Unrichtigkeiten nicht zu scheiden vermag. Man
sollte solche Beweisführungen aber nicht vor Fachleuten wagen.
Diese können sich mit vielen Gründen dagegen lvehren. daß man
für die Beurteilung von Leistungen, die doch wesentlich geistiger
und sittlicher Natur sind, so äußerliche, rein rechne
rische Maßstäbe als tauglichen Wertmesser ansieht. Hier liegen
zunächst starke Uebertreibungen vor. tzkwiß sind die Arbeits
bedingungen in einer reicher gegliederten Schule gürrstiger als in
ciner solchen mit wenig Klaffen. Dort kann vor allen: ein um
fänglicheres Maß vou Wissen vermittelt ivcrden, es ist dort erne

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