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Pädagogische Post
*Ur. 32
totrrfj den solidarischen Geist des Fürcmanderseins und -arb.itens
SU überwinden.- (305/6).
Karl Marx sagt in dem Vorwort zur ersten Auflage von
Band I seines Kapitals: „Zur Vermeidung möglicher Mißver
ständnisse ein Wort. Die Gestalten von Kapitalist und Grund
eigentümer zeichne ich keineswegs in rosigem Licht. Aber es handelt
sich hier um die Personen nur, soweit sie die Personifikation öko
nomischer Kategorien sind, Träger von bestimmten Klasscnverhält-
nisien und Interessen. Weniger als jeder andere kann mein Stand
punkt, der die Entwicklung der ökonomischen Gesellschaftsformatio
nen als einen historisch-notwendigen Prozeß auffaßt, den einzelnen
verantwortlich machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er sozial
bleibt, so sehr er sich curch sribjektiv über sie erl-eben mag."'°)
lind gegen Ende des ersten Bandes heißt es: „Die Konkurrenz
herrscht jedem individuellen Kapitalisten die immanenten Gc^setze
der kapitalistischen Produktionsweise als äußere Zwangs gesctze
auf.'"") Er m u ß den Arbeitslohn möglichst niedrig zu halten trach
ten, die Arbeitszeit tunlichst verlängern, die Arbeitskraft möglichst
ausnutzen; die Produktion und sein ganzes Unternehmen stetig
auszudehnen suchen; er nurß größten Mehrwert und Profit erstre
ben. höchste Plusmacherei — alles bei Strafe des Unterganges, des
Niedergeboxtwerden durch seine Konkurrenten.
Das muß man stets berücksichtigen, wenn man den einzelnen
Unternehmer Kapitalisten nicht ungerecht beurteilen will. Aber
alles das ist keine Rechtfertigung für das kapitalistische System.
Die kapitalistische Produktionsweise begünstigt die Entwicklung,
eines gemeinen habsüchtigen, allein aus Plusmacherei gerichteten
Sinnes in unheilvoller Weise. Es ,st eine unbestreitbare Tatsache,
daß alle Arten von Laster durch das Streben nach Gewinn sehr
stark gefördert werden.
Christentum und Nechenunierricht.
Jos. Ried. Esten.
Ueber den Aufsatz „Christentum und Rechennnterricht" (Päd.
Post vom 25 3. 22) von £>. Hilger, Leversbach, Post Nideggen, kann
man sehr geteilter Meinung sein; sicher hat er hier und da oder gar
bei vielen Lesern Kopfschütteln erregt. Die Sckiule hat die Ausgabe,
auf das Leben vorzubereiten und daun ist das Leben so zu nehmen,
wie es ist, wie eS sich in Wirklichkeit abwickelt. 1 + 1^2. 2 ist
mehr als 1. Ist damit gesagt: Wenn du 1 Griffel liast und du willst
L haben, so mußt du den 2. dem Nachbar heimlich oder mit Gewalt
wegnehmen? Beileibe nicht! Welcher Unterklassenlehrer kann sa
gen, infolge der gewonnenen Einsicht 14-1 —2 sind meine Schü
ler Diebe geworden. Und „Gewinnen im Spiele ist eine begueme
Sache." Ich habe an meinem Jungen, 6 Jahre alt, gefunden, daß
er sich freut, wenn er beim Spiele, beim „Knickern", gewinnt; aber
ebenso gelassen erträgt er das Verlieren. Bringt nicht auch das
Leben Gewinnen und Verlieren? Beides ist hinzunehmen und wird
durch das Spiel vorbereitet. Nur muß es ehrlich dabei zu gehen.
8luf die „Redlichkeit" kommt es hier wie dort an.
Und „Geben ist seliger denn Nehmen", setzt das Geben können,
also ein Haben voraus. Und gar so schlimm soll das Zinsennehmen
sein! Sagt nickst der Heiland selbst: Reicht mir die „Zinsmünze!"
Billigt er hier nicht das Zinsen schon allein durch die Fragestelllmg?
Und im Gleichnis von den Talenten !äßt er den Herrn zu
dein sauleir Knechte sagen: „ darum hättest du mein Geld
ans Zins ausleihen sollen, damit ich es bei meiner Ankunft mit Ge
winn wiedererl-alten hätte!" Und lvcil er dieses, das Geringste,
selbst Müheloseste, nicht getan hat. wird er in die „Finsternis gewor
fen, wo !" In der Bibel oder auch mit der Bibel läßt
sich das Für und Gegen für vieles beweisen. Wem die Beisp. im
Rechenbuche nicht gefallen, der kann und soll und muß dieselben um-
gestalten, daß sie keinen sittlich bedenklichen Hintergrund mehr haben
Der Rentller einerseits, die arme Witwe und der Ackerer in Not
andrerseits, haben das Zinsgesck-äst so schlimm gemacht. Ist das
das Leben? Ich glaube nicht. Wie mancher von uns, der aus .Haird-
werkcr- oder Bauernsamilie stammt, wird wissen, für wielange Zeit
der Vater dem Nachbar oder Freunde aus der Not geholfen hat, ohne
einen Pfennig Zins zu berechnen. Das war so und wird so bleiben
und es ist gut so. Sagt nicht schon das Sprichwort: „Ein guter
Nachbar ist besser als ein ferner reicher Verwandter."
Das Kapital, „berechtigt oder nicht, ist da," damit mutz man sich
abfinden, aber man muß ebenso gut einsehen, daß es nicht über Nacht
gekommen ist, sondern sich aus den Verhältnissen, der Wirtschafts
ordnung. entwickelt hat; im Altertum schon und heute noch. Und
nicht umsonst heißt es: „Was du ererbt von den Vätern, erwirb cs,
um eS zu besitzen." Und kennen wir nicht aus der Erfahrung Bei
spiele genug, daß „Unrecht Gut nicht zum dritten Erben kommt." Wer
Kapital I. 53t). Volksausgabe, 1914. E. XXXVI1I/1X.
v A. a. O. I. 627 l.
kennt nicht Dörfer in der Eircl, im HunsrÄck, im Westerwald, deren
Bewohner auswandern mußten, da der Boden sie nicht oder nur
äußerst kümmerlich ernährre und gibt es nicht ebenso unfruchtbare
Gegenden, ich erinnere an Oberhaupt, (RhlÜ.) , die aber
heure blühen und tausende von Menschen ernähren, und es gehl
ihnen dort gut, weil die natürlichen Grundlagen für die Industrie
von dem vereinigten Kapital zur Entfaltung gebracht wurden. Das
Kapital sorgte sich, mühte sich, wagte, arbeitete stets und hat Leben
und Gedeil-en gebracht. Zum Danke dafür soll es zerschlagen wer.
denl? „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan." Aber die Welt-
wirtschaft wird ohne den 3. Fuß im Stuhl, der Kapital heißt, nie aus
kommen. Große Tinge, große Unternehmungen, verlangen immer
großes Kapital. Und aus der andern Seite: man sieht nur immer
das blühende Kapital, aber an das daran gewagte und verlorene
Kapital, an dem Tränen kleben, denkt nieruand. Und ist es denn
wirklich ivahr. daß die Kapitalisten Hantel, Thyssen, Stinnes nicht
arbeiteten? Mühten sie sich nicht ab, um ihr Lcbenswerk aufrecht
zu lralten, es zn erhalten, das doch schwerer als erwerben" sein soll,
cf auszubauen und werter zu vergröbern; da „Stillstand Rückgang
ist.'' Ist denn alles Gold was glänzt, und hat nicht auch der Kapi
talist sein Kreuz zu tragen, das; „jeder hiniedcn duldend tragen muß.*
Der Rochenunrerricht darf, mutz hier versöhnend zwischen dem Fabrik«
besitzer und den» -arbeiter wirten. Geht die Fabrik Zugrunde, ist oie
Familie des Fabrikarbeiters brotlos.
Und die Gelder der Sparkassen und Hypothekenbanken, zeigen
die nicht deutlich, was viele Tropfen vermögen, daß zum Hauken
viele Körner gehören; geben sie nicht die erster' Hypotheken, das; ge.
baut, Arbeit geschaffen und gewohnt werden kann. Und unsere
Architekten, vereint mi! dem fortwährenden Geld ström aus Spar-
kassen und Hypothekenbanken, haben sie nicht Licht. Luft, Raum,
Sonne auch schon in die 2, 3 und Mehrzimmerwohnung vor dem
Kriege gebracht. Leider ist das Geschäft erlahmt, da es an Geld,
bcm Kapital, fehlt. Wäre all das Gute besser ungeschnsfen ge.
blieben?
Jeder echte Deutsche wird an denr wüsten Börsenspekulantentum
keinen Gefallen finden. Und auch dieses, genau't besehen, ist nicht
so schlimm, wie es scheint; denn der Gewinn von heute ist kein Gold,
gewinn, sondern Gewinn in Papiermark. Und selbst grotze Ge
winn: in Papiermark sind bald aufgezehrt, da die ganze Lebenshal
tung auf Papiermark zugeschuitt n ist. Das ist eine Frage, bic die
Wcllwirtsck-ast angeht, und die nur vonc internationalen Llapilal ge
löst werden kann. Sollen wir Deutsche auch hier wieder der
Michel sein, der bedingungslos zum 2. Aöal die Waffen streckt? Und
der ganz schlcmme Zinseszins soll durch ein Beispiel aus der Wirk-,
lichkcit beleuchtet werden:
Ein Lehrer, spät geheiratet, hat 1 Jungen, 2 Müdck-cn und noch
1 Jungen am Schluß. Der Mann, sehr solide, schickt den Aeltcsten
zum Gymnasium, zur Universität, er wird glücklich Oberlehrer. Tis
beiden Mädchen nur Volksschule, erste davon später Handelsschule —*
.Bürodienst, zweite ein Jahr Pensionat — HanSmütterchen, der
Jüngste ebenfalls Gymnasium. Als der älteste Sohn sein bestände»,
nes Staatsexamen dem Vater telegraphisch mitteilt, hält dieser zit
ternd das Telegramm in der Hand und sagt: „An dieser Nachricht
-hängt ein ganzes Vermögen. Ja, mehr noch, Zinseszinsen haben
mitgeholfen!" Denn von l A Jahr zu V 4 Jahr wanderte der Mann
mit dem erkargten Geld: vom spärlichen Gehalte zur Sparkasse, um
den 1. Sohn später studieren lassen zu können. Während des Uni»
versitätsstudimus werden die Zinsen verbraucht worden sein, ja mehr
noch, Vermögen dazu. Denn das Gehalt allein reichte für beides,
Studium und Unterhalt der Familie nicht auS. Der Erstgeborme
hat das Studium beendet, kurze Zeit daraus der 2. Sohn har Ober-
sekunde erreicht, stirbt der Vater — und der Skachgeborene mutz das
Gymnasium verlassen, weil Pension, trotz Vermögen, trotz Zuwachs
durch Zmseszins, nicht ausreichen wollm. Wer will den» Vater
einen Vorwurf daraus machen, daß er Erspartes aus Zinseszins n,u
legt? Am wachsenden Kapital kann man den Kindern zeigen, daß
es fleißig ist, srets unermüdlich fleißig, und daß steter, selbst kleiner
Tropfen den Stein höhlt.
So hat alles seine 2 Seiten und rnan hüte sich, aus dem einen
Extrem ins andere zu fallen, denn immer wird man finde,:, daß dgr
Mittelweg der goldene Weg ist.
Johann Baptist de la Salle.
P. Seggewiß, S. J., Aachen.
Die Regierung Ludwigs XIV. (1643—1715) weift zwei scharf
geschiedene Perioden auf: eine große äußere und innere Macht»
entfaltung und ein starker äußerer und innerer Niedergang. Bei»,
des sind Zeiten, wo auch die Tagesfragen recht klar und unange»
nehm hervorzutreten pflegen. Damals besonders das Jugend»
Problem. Weil nun gerade heute wieder die Sorge um die Jugend
einen ,veiten Raum im öffentlichen Leben einnimmt, dürste es für
Jugendfreunde von Jnteresie sein zu sehen, wie ein genialer und
heiliger Jugendapostel, Johann Baptist de la Salle, diese Frag*
erkannte und zu lösen versuchte.

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