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Pädagogische Post
Nr. Za
Diese Einrichtung hat sich in den fünf Jahren ihres Bestehens
-rach dem Urteil der Borgesetzten, der pädagogisch gebildeten Mit
glieder der Schuldeputation, die ö'ter Gelegenheit hat^rn, solche
Klassen zu besuchen, der an dielen Klassen unterrichtenden Lehrer,
der Vätucrn Vierer äimüci Uiu) euüuu) der Äuetje, öu* die Knaben
narb ibrer Entladung übernommen baben, durchaus bewährt; sie
geht aber aus Sparsamkeitsgründe und weil die Lehrerschaft eS
wünscht zu Aftern ds. Js. em. 3&eu wir mm am Abschluß eines
immerhin lehrreichen pädagogischen Versuches stehen, so sei einem,
der drei Jahre in dieser Arbeit gestanden hat und immer mft ande
ren Kollegen dieser Klassen in engster Verbindung vmr, ein Wort
über die Ergebnisse in pädagogischer Hinsicht gestattet.
Zunächst mutz festgestellt werden, datz neun Zehntel der Schüler
das Ziel deS erweiterten Lehrplans voll erreicht haben, ein Beweis
dafür, daß das persönliche Augenmaß der früheren Lehrer in Be
zug auf die spätere geistige Leistungsfähigkeit der ausgewählten
Schüler in den meisten Fällen Recht behalten hat, auch ohne Frage
bogen und experimentelle Begabtenauslese. Das soll aber nicht
heißen, daß diese ganz überflüssig wäre. Im Gegenteil: es stellte
sich im Laufe der drei Jahre bei den eilizelnen Schülern eine so
große geistige individuelle Verschiede:,heit nach den Hauptbe-
gabungörichtungen und der Höhe des geistigen Horizontes über
haupt heraus, datz nur die kleine Klassenfreauenz eine gleichmäßige
und dabei doch individuelle Förderung ermöglichte. Trotzdem
zeigte die bei der Entlassung erreichte geistige
Ausbildungshöhe sehr große Verschiedenheiten
und Abstuftrngen. Vi*lleickss fit« *n einem aewissen
Grade vermieden worden, wenn eine Begabte:rauslese auf exakter
Grundlage, ettva :mch Berliner ooer Hamburger System, stattgefun
den hätte.
Wichtig für die Erreichung des Lehrzieles war unsti-eitig der
Amstand, daß die Klasse während der letzten drei Schuljahre in
derselben Hand blieb. Es hat bei mir etwa zrvei bis drei Monate
nach der Uebernahme gedauert, ehe die Basis hergestellt war, auf
der weitergebaut werden konnte. Nach meinen Feststellungen ist
das etwa das Nornmle. Wieviel Zeit bleibt dann aber vom Schul
jahr noch übrig, wenn, wie es in den Lberklassen häufig geschah,
der Lehrer gewechselt wurde und die letzten Monate für den Ab
schluß und die Abrundung des geistigen Baues gebraucht wurden?
»tan sieht daraus und die /^-Klassen haben es erneut gezeigt. wie
hinderlich ein Wechsel deS Lehrers im letzten Schuljahr der vollen
Erreichung deS Klassenzieles und damit deS Zieles der Volksschule
überhaupt ist. Andererseits folgt daraus notwendiger Weise: soll
eine BegabtenauSlese erfolgen, so ist eS je früher
desto besser: desto mehr ist zu erreichen. Daß man
nicht vor dem fünften Schuljahr beginnen wird. ist wohl psycholo
gische und pädagogische Selbstverständlichkeit. Gerade diese letzte
Erfahrung mit den ^-Klassen hat für Essen augenblicklich aktuelle
Bedeutung, weil man hier nach Ostern das 7. und 6. Schuljahr zu
trennen gedenkt. Man ist im Allgemeinen so verfahren, daß von
je zwei benachbarten Systemen eines nur ein 7.. daS andere nur ein
8. Schuljahr haben soll. Das ist aber in Wirklichkeit nichts ande
res als eine Art BegabtenauSlese; denn inS 7. gelangen nur reife
Kinder deS 6. und ii»S 8. nur solche deS 7. Schuljahres; nur zeigt
diese Art gerade die großen Mängel, die oben dargelegt worden
sind: siesetztvielzusvätundobne jede besondere
Grundlage ein; ferner ist sie durch die Zusammen
legung von Kindern aus verschiedenen Schulen
häufig mit einem Wechsel der Lehrperson ver
bunden, der so nahe vor Beendigung der Schulzeit
schädlich auf die Erreichung des Zieles wirken muß.
Und noch einer Erfahrung sei ganz kurz gedacht. In einer ver
hältnismäßig kleinen Klasse, in der die durchschnittliche Begabungs-
linie höher liegt als gewöhnlich, wo. Uebung und Einprägung nicht
die lange Zeitdauer beanspruchn, wo in den weitaus meisten
Fällen die Mitwirkung des Elternhauses gesichert ist usw., bleibt
trotz des weitergehenden Lehrplans dem Lehrer noch ein Teil seiner
Energien für Versuche psychologischer oder methodischer Art, für
Beobachtungen, die erzieherischen Wert haben, für Einrichtungen,
die mit der eigentlichen nnd hm Le^riel an sich nichts
zu tun haben, ihren erzi.'hlichen Wert aber in sich tragen. Ich
denke z. B. an Einrichtung eurer Ktasjens parkasse für dre verschie
densten Zwecke. Blumenpflege, Teilnahme an sportlichen und
Jugendpflegeveranstaltungen, Verbindung des Kunstlebens in
größeren Orten mit dem Cchulleben der Klasse. Gewiß kann alles
düses auch in jeder anderen Schulklasse geschehen; aber für ge
wöhnlich wird es die Durchschnittskraft des Lehrers besonders m
Rücksicht auf die starken Klassen übersteigen oder nur auf Kosten an
derer wichtigerer Sachen geschehen können.
Auch in sozialer Hinsicht haben die ^-Klaffen Erfahrungen ge-
zeitigt. Sie waren bei dem ständig steigenden Schulgeld im Be
griff, die Schule des .kleinen" Mannes zu werden, was
eru lerne rechte Bedeutung erhärt, wenn man sieht, welche Aus-
stiegsmöglichkeiten aus den Begabtenklassen der Volksschule in Essen
und Wohl auch an anderen Orten vorhanden waren. Nach ein
jährigem Besuch dieser Klassen wurden w Fähigsten in d ie
Quarta der verkürzten Realschule, die mit der Hum
boldt-Oberrealschule verbunden ist, ausgenommen, wo sie mit 16
Jahr-n die Ohrsekunda-Resse erreichen konnten. Ferner ist i m
Anschluß an dre Städtische Handelsschule ein
zweijähriger K u r s us mit ecner rrrcmorprache zur Ausbn-
dung in den Handelssächern eingerichtet worden, der sich in der
Hauptsache aus Schülern der Bcgabtenklassen zusammensetzt. Sein
Besuch befreit von der Forrbildungsschulpflicht. Eine weitere Auf
stiegsmöglichkeit liegt in der Richtung der kommenden deutschen
Aufb au sch ule, die ihr Ziel, Hock/schulreife in sechs Jahren aus
Grund des Volksschulzielcs, sicher nur dann wird erreichen können,
wenn ihr die Volksschule Vollmarerial zur Verfügung stellt. Es
ist wohl richtig, daß auch für die übrigen Volksschüler die Bildungs
stätten offen stehen, da aber bei der großen und immer größer wer
denden Schülerzahl die Durchbildung des einzelnen Schülers not
wendiger Weise leiden muß, und ferner der Lehrplan für Ueber-
begabte auch nicht entsprechend ausgebaut ist, so erschwert einerjeits
dce BotlsjaMle ihren ^cuenten den Aufstieg und läuft anderericnS
Gefahr, ihrem Ruf zu schaden, indem sie kein konkurrenzfähiges
Rkaterial für die fortschreitenden Anstalten liefert. Das führt daun
zu der Praxis, datz Aufnahmeprüfungen abgehalten wer-
den, bei denen der glückliche oder unglückliche Zufall oft ungerecht
entscheidet. Gewiß ist es schwer, seine besten Kräfte f.üher als es
unbedingt nötig ist, fortzugeben und auf ihre doppelte Zugkraft an
der Gesamtheit der Klasse zu verzichten, aber im Interesse der
Volksschulbegabten ist es doch notwendig. Man sollte die Leh
rerschaft dadurch entschädigen, daß man möglich st
vielen Gelegenheit gibt, an den Begabtenklassen
ihre Erfahrungen zu machen. Ich bin überzeugt, daß dann
diese Einrichtung sehr bald viele neue Freunde hätte. Wir kön
nen es unS harrte überdies nicht gestatten, unsere
Intelligenz brach liegen zu lassen. Sie ist der letzte
Rest unsere- früheren Reichtums, von dem wir den Aufstieg er
warten.
Die Kreise, denen wir unsere Volksschulentlassenen übergeben,
sind sich der Bedeutung der Begabtenklassen in immer steigendem
Maße bewußt geworden. Das beweist am besten die Stellenversor
gung bei der Entlassung. Ich bin in vielen Fällen von Reflektan
ten um ein Urteil oder ein Zeugnis oder einen geeigneten Jungen
gefragt worden. Wepn dann aus der Oberklasse, dem 7. Jahrgang
und der /^-Klasse Vorschläge erfolgten, fiel in den meisten Fällen
die Wahl cnss den /c-Ksassenscbüler. In manchen Berrssen war es
sogar so, daß die Jungen unter einer Anzahl von Stellen die Aus
wahl hatten. Am durchschlagendsten aber ist die Tatsache, daß z. B.
an unserer Schule aus der ^.-Klasse alle Entlassenen mit einer
Stelle versorgt waren, während ein Teil der übrigen noch keine
Stelle hatte. Ebenso war auch die Beschaffenheit der Stellen sehr
verschieden zu gunsten der Begabten.
Diese Zeilen sollen nicht den Zweck haben, einer jetzt der Ver
gangenheit angehörenden Einrichtung des Essener Schulgebietes
nachzutrauern oder ihr gar zum Wiederaufleben zu verhelfen, son
dern sie wollten zunächst mit der Einrichtung der B^abtenklassen
nach unserem Muster bekannt rnachen und damit interessierten
Kollegenkreisen eine Menge von Anfragen ersparen; dann aber
wollten sie vor allem eine Anregung sein zum Austausch von Er
fahrungen auf dem Gebiet der praktischen Auswertung der
Idee der Begabtenfori'chung, die in der Praxis bis zu cinem
gewissen Grade noch pädagogisches Neuland ist. Daß ein starkes
Interesse für diesen Gegenstand bei der Behörde und in der Leh
rerschaft vorhanden ist, zeigen deutlich die häufigen Besuche, deren
sich die /c-Klassen seitens der Vorgesetzten und der Lehrerschaft,
z. B. gelegentlich der pädagogischen Veranstaltungen des Zentral
instituts für Erziehung und Unterricht, erfreuen durften.
ßcftpcriwartG
)l
Bemerkungen zur Gehaltstcssel.
1. Nach dem V- D. G. stehen den auftragsweise vollbeschäftigten
«ud einstweilig angestellten Lehrern (Lehrerinnen) 70. 80, 85, 00,
05, 95, 95 Prozent des Grundgehaltes der festangestellten Lehrer
(Lehrerinnen) zu. Diese Sätze sind in die entspr. spalte der Ge-
haltstacel ausgenommen worden. Durch verschiedentlich abgeänderte
notgesctzl iche Bestimmungen sind di: Bi rüge aber wesentlich erhöht.
Gegenwärtig haben nach dem Gesetz vom 31. 3. 22 bezw. den Auch.*
Auw. dazu folgende Bestimmungen Gültigkert:
(Fortsetzung siehe Seite 50t *

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