katholische Zeitschrift für Erziehung und Dildung:
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Hauptlast der Zwsigveröände 6er Hain. Cefivevverüandes des Deuffefien Heieße»: Me!nland. Westfalen, Caffet, 6\tde%fie\m, Osnofotieft
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Ä Nh crit: Ueber den gesunden Menschenverstand. — Einige phtlo sophljche Grundsragen auf Bolksschulstofs bezogen. — Gesichts, und
Wlllenöstürkungen beim schtvachsinittgen Kind. — Zusammenhän ge. — Die Schärfung und Dehnung im ersten Schuljahr. — Gottesrat
und Scheiden. — I m BolkSstcvat. Vom Ziel der staats Inirgerlichen Erziehung. Ans Wirtschaft und Leben. — Schulpoli
tt s ch e Zeitfragen. — Offene Worte! Lehrerwarte.' Ist eine beschleunigte Unterbringung von unbeschäftigten Lehrpersonen
möglich i Beamtensragen in den Gemeinderats-, Stadtverorvne teil- und KrerstagSsihungen. Aufruf. Verfügungen. — Aus den Ver
einen. — Bereinskalender.
1. 3ahrgaug
Samsfacü, 13. ctTtal 1922
(Kummer 34
Ueber den gesunden Menschenverstand.
Von Professor Siegfried Vehn, Bonn.
ES l>at zu allen Zeiten kräftig gewachsene, mit ordentlicher
Denkkraft zulänglich ausgerüstete Männer gegeben, welche auf dir
markige Gesundheit ihres Leibes und Hirnes trumpften, da ihnen
so die beisallslvürdige Richtigkeit ihrer meist untermittelwertigen
MemuNti verbürgt galt. Voller Mißtrauen gegen die zartere Edel»
rosse versonnener und sinderischer Menschengeister panzern ste sich
gegen die niederdrückende StinnnungScinsicht in ihre eigentlich:
Unrerlcgenheit, indem ste dm Genius verdächtigen, nur Werl dessen
Gesundheit erschütterlich preisgegeben ist. Sol>aldnur irgend eine
Heizstrom ung ihnen Mut einblüft, lverden sie unverdrossen auch
Goethe seine Truggcsichte Halluzinationelt) vorrücken, Schillers All-
denken mit den. faulen Aepfeln aus seiner Schreibttschlade belver^en
und Napoleon über seht Nlagenleiden stürzen lasten, nicht ohne auf
die eigene ungestörte Nachtruhe beschcidentlich zil verweisen. ES
sind dieselben Schriftsteller, die ihren erhol Uilgsbedürstigen Scharf,
sinn an den ehrst! rchüveckonden, liebenswürdigen und leidenschast-
lichen Gestalten de-. Heiligen üben. die den Mutzeugen ihre Wund
male Leilies mid der Seele vorwurfsvoll nachrechnen, die alle Mystik
ins Irrenhaus verbannen möchten. All diese Gedankenstemmer schwö
ren auf den gesunden Menschenverstand, dünken sich seine berufenen
Anwälte, und verderben so einer guten Sache den Nus mit ihren
schlechten Gründen. Solchem behaglichen Spießbürgertum im Reiche
der Philosophie sollte beileibe nicht gekündigt werden; es erwecken so
wenige Philosophen Vertrauen. Immerhin darf Ulan ihm zu be
denken geben, daß es überhaupt zuträglich ist, nur sehr mit Maßen
nack-zudenken. Wie leicht wird am Ende Verdauung und Blntver-
teilung gestört, lvenn sich das Gehirn erst überhitzt Viel Forschen
ist unbekönnnlich. Nur ging dem Menschen leider die Unschuld des
Naturzustandes verlren und die Kultur gebietet einen Ueberschuß
du Gehirnarbeit. Doch empfiehlt Hhgieia (wie auch Schopenhauer
weih), den Verstand in den Dienst von Ackerbau und Gewerbe zu
stellen. Wer so tut, ist sich seiner Pflicht gegen Wctb und Kind be
ruhigend bewußt; er ist allzeit davor bewahrt, seine Finger am
Feuer des Genius zu verbrennen, Nur eine Ueberlegung ist geeig-
net, die unschädlichen Genüsse der Denkmäßigkeitsbewegilng zlt ver
gällen: es kann nämlich ein Mensch sich der trefflichsten Gesundheit
Erfreuen und doch sein Leben lang Torheit reden. Ntan kann statt
dessen auch sagen, Irrtum sei schließlich doch keine Krankheit. Es ist
Überdies im Grunde nicht so verwunderlich, daß jenes feingefügte,
stets hochgespannt angestrengte Leibeswerkzeug des schöpferischen
Denkers verbrechlicher ist als die grobpolternde Tretmühle der ge
nannten Schwergeivichtsmeister. Wenn auch nicht jedem Anfälligen
und Gebrechlichen die Anwartschaft aus den seltenen Lorbeer ver
heißen ist, so offnen und weiten die überwaclxm Bewußtseinszustände
mancher Stzrankhcit dem genialen Menschen doch erdferne Aussichten,,
von denen aus manches flach und niedrig erscheint, N>aS dem Talblick
der Angewohnheit steil und überragend vorkommt, allzugroßer Nähe
wegen. Die Nlattengänger der Weltanschauung sagen gern über
die gefahr-gewohnten .Hochfirnstürmer: ach wie ist eure Höhensehn-
sucht krank. Denen aber der Rundblick sich umspannend anftnt, sie
antworten leise: virlletcht wärt ihr gerne so krank wie wir, wenn ihr
dafür schauen dürstet, was sich ringsrmn ausbreitet in Klarheit. Die
„Gesunden" aber glaulien ivomöglich. sie schauten die Dinge von
Gruud aus.
So tut die Philisterphilosophie alles, was aufrichtigem Ernst
den gesmkden Menschenverstand veileiden könnte. Wer aber dadurch
lernt, diese heile Gottesgabe verachten, straft sich selbst mit dem B-r-
luft der ehrenreichen Besonnenheit, mit dem Elend der verstiegenen
Schwärmerei. Grobe besonnene Grübler haben sich deshalb auch
stets gehütet, diese Quelle der Einsicht zu verschütten -Insonderheit
Kant hat es gewürdigt, wie entschlossene Willensbereitschast die
quillenden Brunnen des gesunden Menschenverstandes ausschließt,
Aiur tver in das Getriebe dieser Welt mit willenSmutiger Tat ein»
greift, statt ihre Erscheinung zu bewundern, zu betränmen, zu be
denken, dem erhellen sich ihre wertvollen Wirklichkeiten; und solche
Einsicht ist Gemeingut, nicht vorbehaltncs Erbe der gelehrten Saunst.
Leider ist dieser Einfall dem einsamen Königsberger nicht zur voll-
entsalteten Reife gediehen. Wieviel Tat ist im Experiment, wie oft
klingt selbst in der Mathematik: es werde! Auck- das meint Kants
Einleitung, aber sein Hauptwerk nutzt den (bedanken nicht ans. In
einseitig ethisch hat er noch die Willensbereitschast gedeutet und ihr
Gesetz hat er allzuvergrübelt bestimmt, so tatvergessen, wie niöglich.
Auch die schottische Eommon-Sense-Schule hielt den gesunden Men
schenverstand etwas beauemlich siir ein Binnenvrakel, das nmn nur
zu befragen brauche, uni Antwort aus die unabweiSIichen Grund
fragen der Forschung fertig und ausgemacht zu empfangen, sozu
sagen als eine Arbeitslosen-Unterstützung. Dennoch darf nicht (wie
meist) das hohe Verdienst von Thomas Reib verkannt werden. Dieser
Denker ließ sich von der Gelvalt der Abstraktion nicht einschüchtern.
Er fürchtet nicht, daß ihre Eingriffe den Wohlgestalten und reich»
ausgebauten Dingen irgend etwas zu leide tun könnten. Was sie zer
legt und ausbaut, sind geduldige Brantome, höchst Wirklichkeit»,
ähnliche, tzber doch sicht die Dinge. Will jemand durchaus den Men-

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