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Inhalt: Ueber den gesunden Menschenverstand. (Schluß). — Unter suchung taubstummer Kinder. — Zum Problem des Leides im Schrift.
tume. — Die Wahl des Apostels Matthias. — Lehrer warte: Das Reichsschulgesetz zu Artikel 146 Abs. 2 bet R. V. im Bildungsaus-
1 schuß des Reichstages. — Reform der Heeresschulen. — Aus dem Preußischen Landtage. — Aus den Vereinen: K. L. V-, Abtlg. Preußen.
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1. Jahrgang
anufiooch, 17. ortai 1922
Otummev 35
Ueber den gesunden Menschenverstand.
Von Professor Siegfried Behn, Bonn.
(Schluss.)
Wenn ein sehr gebildeter Schreibtischarbeiter in einem
überdamplten Badezimmer seine tadellose Kleidung mit den Lunr-
$>e des Bergarbeiters tauscht, wenn er die drillichue Hose in kurze
Schaftstiefel stopft, die ihm binnen kurzem die Füße wunüdrücken
werden, wenn er Stock und Sicherheitslämpchen ergreift, ist er doch
immer erst ein maskierter Arbeiter, der die geprüften Leute vom
Handwerk zum Lachen reizt. Aehnlich weltfremd sind vielleicht auch
seine Gedanken iiber die Kräfte, die im Innern des Bergwerks ent
fesselt werden. Wie aber wirkliche Kräfte toben, erfährt doch
erst, wer mit ganzem Leibe in ihr wildes Spiel hineingerissen wird.
Wenn mm jener Geck von einem Schreibarbeit er eilends in den
Förderkorb schlüpft, dann glaubt er den Boden unter den Füßen zu
verlieren, so jäh sinkt er. Alsbald aber scheint ihm, er sause wieder
schachtanfwärts, indessen nur die gepreßte Luftsäule im Schachte
bremst. Die entweicht nun in den ersten Stollen, und haltloser stürzt
er mit dcnn zitternden Fahrzeug, geschüttelt wird er von den auf
geregten Schleuderungen des stählernen Seiles, das in sich schwankt
und dumpf erbebt. Mit seinem Leben hängt er an diesem einen
Seile zwilchen Erde und Sumpf im Abgrund. Dann spürt seder
die unzerreißbare Gemeinschaft von Mensch zu Mensch In solchen
Augenblicken wird die Seele frei aufgetan für jene Einsicht des ge
funden Menschenverstandes, daß man nur dann vom Wesen der
Naturkraft erfaßt, soviel inan vermag, wenn die ganze Persön
lichkeit mit Leib und Seele, mit all ihren Sinnen und Gaben bis
sur Gefährdung des Lebens gegen deren fremde und harte Wirk
lichkeit ringt. Auch wer des Messens und Rechnens gewohnt ist,
vernimmt noch etwas Neues über den würgenden Druck der Verg
last, wo vor Ort der Schweiß ülvr halbnackte Leiber rinnt.
Wer unter Freunden von dem leise zitternden Stahldampfer
durch die Grenzenlosigkeit des Weltmeers geriffen wird und sich nur
sanft gewiegt fühlt, wer des niederdämmernden Abends unter
freunden vor der Berghütte auf warmem Boden kauert und hinaus-
trämnt in die kühlblauen Berge, indes die Sternen tropfen auf
selbstleuchtendem Himmel rauen, der vergißt vielleicht seines be
schwerlichen Leibes und denkt nicht mehr daran, wie sehr er seiner
geweiteten Augen bedarf zum Schauen. Die offene Welt scheint ihm
aller Seelen gemeinsames Reich und ein allzu weiches Vertrauen i»
Freundschaft überschleicht ihn. Die Einzelleiber der Menschen ver
schwimmen mit in das allgemeinsanre Leuchten der Höhcnketten»
das sich nur weit und ob tiefsten Talaründen in Schatten verliert.
Zwangloser und unvermittelter verstehen sich vertraute
Seelen in solcher. Umgebung, beredt und beseelt werden alle
Laute von Tier und Wind, die ganze Erde duftet den Ruhesamen
entgegen und enthüllt den Eigenrciz ihrer Wandelsternseele, und
selbst die Weltseele gibt Antwort im klingenden Ton der Wasser
fälle, in aufleuchtenden und verhusrhenden Lichtzeichen. Aber all
diese Verzauberung und Auflösung des Leibes schwindet vor dem
herben Drang eines Kampfes mit Berg oder Meer. Wenn im Sturm
die nassen, schweren Kleider an den schauernden Leib anklatschen,
wenn gefrorene Kletterseile -ns Fleisch der Hände einschneiden, da
wird jedem die reich: Sonderwirklichkeit des Leibes
zwischen Massen und Seele deutlich. Wo jeder vor Todesbedrängnis
mitten hineinpackt in fremd: K ra kt wi rklichkeit, zeugt jeder
Schmerz der gerüttelten Leibesmasse von durchwirkender Beseeltheit.
In der Bedrohung des Steiuschlags erbebt auch der muthafte Leib
und birgt sich vor der Gefahr, statt wi» ein unverwundbarer Traum
zu trotzen,, der schließlich ungestraft durchbohrt iverden durfte. Vor
dom Bajonett des Feindes denkt man anders über die Wirklich
keit des blutdurchströmten Leibes als am Schreibtisch, iro man
den gesunden Menschcoverstand oft dahinten läßt.
Wie vielerlei hat nicht manch junger Student über die
Seele gelesen und hingenommen, ehe es ihn in den Waffenkampf
hinausriß. Dem Mediziner ii*ar sie nur eine Aureole über dem
Gedankenhevde des Hirnes, mit ihm verlöschend, dem Psychologen
enr Stelldichein von Vorstellungen, dem Philosophen
ein Ursprung aller Urteile, nur über die Zirbeldrüse als
Seelensitz lachten sie gemeinsam. Dann aber, als der Ernst deS
Willensmutes die Entschlossenen in den geweihten Tod befohlen
hatte, wer wagte, gesunden Verstandes über den adligett Gräbern zu
sagen: Eine Hirnfunktion nahn» hohes junges Leid auf sich, ein
Stelldichein von Vorstellungen warf sich in Gefahr» ein Urteilsur
sprung opfert sich. Nein; sondern unser aller Brüder sprachen in
der Stunde: Ich bin bereit, eine lebendige Seele, zum
Opf r meines Leibes und «eines Lebens.
Weil an der Tat unser Verstand gesundet, darum miß
trauen Männer des Befehls mit einer höflich lächelnden, aber nie
ganz verborgenen Verachtung den eim'citigen und überspannenden
Systemen der Philosophie, die ihnen allcrn bekannt sind. Für eine:»
Feldherrn im engen Zimmer der Befehlsausgabe gibt es aus
einer Meldung mehr abzulesen als Runen schwärzlicher Empfin
dungen, mehr auch als begleitende Vorstellungen von einschlagenden
Granaten, als Bilder von Schützengräben und lehmklumpigen
Menschen Das wirkliche Schlachtfeld läßt sich von da übersehen, so
weit es zur Entscheidung nottut. Darüber hinaus erhellt aus den

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