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Inhalt: Sozialhygi^nische Zeitfragen. — Die Schulwanderungen und ihe Wert für die körperliche Ertüchtigung und die geistig
Ausbildung der Jugend. — Sollen Mädchen wandern? — Grundsätze für Lehrwanderungen. — Sport und Charakter. -- Be
richtigung — Im Volks st aat: Zeitübel und ihre Heilung- — Lehrer warte: Richtlinien zur Aufstellung von Lehr
plänen für die'vier oberen Jahrgänge der Volksschule. Verfii gungen. — Aus den Vereinen: — Ties und das. — Bereius-
kalender. — Vom Büchertisch. — Anzeigen.
1. Jahrgang
Samstag, den 27. Ottsti 1922
Stummer 38
Sozialhygienische Zeitfragen.
IV.
Die Tuberkulose des Kindes.
Bon Dr. I. Spaether, Duisburg.
Wir hatten die Frage aufgeworfen, ob man nicht erwägen
sollte, nrit Rücksicht auf die Gesundheitsverhältnisse der Schulan
fänger die Schulzeit auf die Jahre 7—15 zu verlegen?)
Unsere Schule ist Gott sei Dank keine starre Form, sie lebt. Leben
o^er heiirt Entfaltung und Anpassung an veränderte Zeitverhälnisse.
Wie eine Umstellung des gesamten Schulaufbaues in pädagogischer
Hinsicht im Werke ist, so sollte auch in hygienischer Beziehung eine
Anpassung an die Zeitlage und die veränderten Lebensbedingungen
erfolgen. Gerade der Gedanke an die Bekämpfung der Tu
berkulose gibt uns diesen Vorschlag ein. Die Verlängerung des
Spielalters um ein Jahr, hygienisch ausgenutzt, bedeutet unserer
Auffassung nach eine Löherstellung des gesamter,
hhgienischeu Niveaus des ganzen Schulalters.
Vorbedingung ist dabei, daß das Kleinkindesalter durch Vermehrung
der schon hier und da bestehenden Mütterberatungsstellen für dieses
Alter (an die Beratungsstellen für das Säuglingsalter angegliedert)
auch hygienisch restlos erfaßt wird. Vorbedingung ist weiter, daß
dieses Spielalter nun auch wirklich zum Spielalter gemacht wird,
baß die Kinder in den Großstädten ihre Tage nicht in dumpfen, licht-
armen Wohnungen, auf schmlltzigen, staubbedeckten Treppen und
Korridoren und mitten unter dem Gerümpel auf engen Höfen zu
bringen müsseit. Darum erfordert der Kampf gegen die Kinder
tuberkulose die vermehrte Anlage von Kinder-Spiel-
plätzen für das neutrale Kindesalter. Die Straße der Großstadt
mit den Gefahren des Verkehrs, ihrem Schmutz und Staub ist kein
Aufenthaltsort für spielende kleine Kinder. Eine gefestigte Gesund
heit des Kindes gleich vom Anfang der Schulzeit an wird auch der
Schule selbst dienen und zweifellos dort, wo nicht eine vererbte
Krankheits-Disposition und angeborene Schwächlichkeit vorliegt,
die Schulversäumnisse mindern. Daher sollte auch durch die Lehrer
schaft der Ruf nach Kleinkinder-Spielplätzan im pädagogischen In
teresse gehen. Die Hygiene fordert für etwa 5000 Einwohner einen
solchen Kleinkinüer-Spielplatz. Man kann schon mit einem Raum
von 300—400 Quadratnieter zufrieden sein. Eine größere Anzahl
kleinerer Spielplätze ist richtiger als eine geringere Anzahl gröberer.
Die Spielplätze sollten mit Sandbassins ausgestattet sein. Das
Spielen der kleinen Kinder im Sande dürfte neben einem hygie
nischen auch einen pädagogischen Vorteil bieten (vergl. das kleine
Giichle'n „Das Spielen vor Ständer im Sande" von .Hans Drageh-
jelm übersetzt von A. Dietrich bei K. F. Koehler, Leipzig). Selbst
auf die Gefahr hin, hier Widerspruch zu erfahren, muß ich die For
derung aufstellen, daß dort, wo in der Großstadt solche Plätze nicht
geschaffen werden können, mehr wie bisher, die Schulhöfe an freien
Stunden, Tagen und in den Ferien freigegeben UEr.den sollten.
Spiel im Sonnenlicht und in frischer Luft heißt Kainpf gegen Unter
ernährung, Muskelschwäche, Blutarmut, Rachitis und insbesondere
Tuberkulose.')
Wir können die Frage der Ernährung des Kindes unter dem
Gesichtspunkte der Tuberkulosebekämpfung nicht verlassen, ohne einer
anderen Zeitsrage zu gedenken: der Teuerung. Die Tuber
kulose fordert zweifellos Opfer in allen Ständen. Slber die sozial
schlechter gestellten Schichten der unteren Volksklassen sind hei weitern
am messten gefährdet. Ich setze eine Angabe über Ersür«-
hierher. Dort ivurde Tuberkulose festgestellt bei Knaben
in höheren Schulen 0,3 Proz., in Mittelschulen 0,43 Proz., in
Volksschulen 4,8 Proz. Bei Mädchen in höheren Schicken 0,9 Proz.,
in Mittelschulen 0,9 Proz., in Volksschulen 3 Proz. Allgemein war
in den Krugs- und Nachkriegsjahren auch bei den Schulkindern die
Krankheitsziffer an Tuberkulose gesteigert. Die Forderung nach
einer erhöhten Eiweiß- und Fettznfuhr ist heute angesichts der Teu
erung bis weit in die Kreise des Mittelstandes hinein nur auf die
dürftigste Weise zu erfüllen. Setzen wir die Kosten ftir die gleichen
Lebensbedürfnisse 191341 — 100, so steigt diese Ziffer (Reichsinder-
ziffer) für die Lebenshaltungskosten im Dezember 1921 auf 1550, im
Januar 1922 auf 1640, im Februar auf 1989. Das bedeutet im Laufe
eiines Jahres eine Teuerungssteigerung von 120 Prozent. Im
Monat Wttrrz ist diese Indexziffer auf 2302 in die Höhe gegang'n.
Das Bild wird noch schlimmer, wenn wir auf die Kosten für Mh-
rungsmittel allein schauen. Hier stieg die Indexziffer im Januar
1922 bereits auf 2219, also das 22fache des Jahres 1913-14, im Frbr.
auf 2722, tm März auf 3152. Gerade die Pve'.'e für Fleisch, Fett,
Mckch, die bei der Tuberkulosebekämpfung besonders in Frage
kommen, haben besonders angezogen. Die Steigerung der Löhne
und Gehälter bleibt dahinter weit zurück- Abgesehen von einer
kleinen Oberschicht ist fast das ganze Volk betroffen. Bei den wich
tigsten Lebensmitteln muß yuantitativ und ynalitativ gespart wer
den. Die Schatten von Versailles lasten auch auf unserer armen
Kinderwelt und kaum ist die Hoffnung vorhanden, baß Gemra einen
Lichtstrahl in dies Dunkel hineinwirft. Aber Lehrerschaft und
Aorzteschaft müßten sich zusammentun, um immer wieder laut die
Forderung ins Land, ins üeutrale Ausland, in die Welt hinauszu
rufen: „Der Friedensvertrag von Versailles muß revidiert iverden!"
Die Forderung, die in letzter Linie in den drückenden Lasten der
Ententeforderunyen ihre Ursache hat, darf nicht so weiter gehen, soll
nicht unsere Volksgesundhcit, insbesondere die Gesundl-eit unserer
Kinderwelt auf Generationen hinaus geschädigt werden. Wieder
*) Wir werden zu dieser Frage denmächst Stellung nehmen und
hoffen, dadurch einen lebhaften Meinungsaustausch einzuleiten. —
*) In Duisburg war seinerzeit ein solcher Beschluß gefaßt. Die
Ausführung unterblieb. Weshalb?.. Die Kosten der Aufsicht.. (Str.)
(Schriftl.)

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