Seite 58»
Pädagogische Post
Jlt. 38
beginnen die internationalen Kongreffe auf mancherlei Gebieten.
Llber auf allen sollten die deutschen Vertreter nicht vergessen, immer
wieder auf den Zusammenhang zwischen Versailles uni» dem Ge
sundheitszustand unserer Kinderwelt hinzuweisen. Deutschlairds
Gesundhntsopser der Nachkriegszeit sollten dort immer wieder auf
Tafeln statistisch im Vergleich zu denen der Ententeländer vorge
führt werden. Es g:bt wohl keine Schulklasse, in der man nicht an
den geschwächten Kinderkörpern und der erhöhten Tuberkulose-
Disposition die zeitgeschichtliche sozislhygienischo Einwirkung der
Teuerung mit erschreckender Deutlichkeit studieren könnte. SUkv
gerade das muß allen Lehrern und Erziehern ein Ansporn sein, die
uns gebliebenen Mittel zur Hebung des Bolksgesundheitszustandes
anzuwenden. Gerade mit Rücksicht auf die Teuerung wird deshalb der
Lehrer den sozialen Gesichtspunkt bei allen Gelegenheiten,
die der Kindergesundheit dienlich sein können, z. B. Speisungen,
Verschickungen aufs Land, in Solbäder, Kinderheime bei sonst gleicher
Bedürftigkeit nicht vergessen. Nicht vergessen wird er auch, daß ein
Nervensystem, das weniger gut ernährt ist. auch eine geringere
Leistungsfähigkeit zeigt. Ich frage: was schadet es denn den Schul
leistungen,, wenn eine in der fünften Stunde geistig ermüdete Klasse
ins Freie oder nach Hause geschickt wird, statt im schlecht durch
lüfteten Klassenzimmer eine schriftliche oder auch eine Gesangsübung
abzuhalten, wenn eine Hausaufgabe einmal ausfällt oder die Gesamt
forderung herabgeschraubt wird. Die Liebe zum Kinde, der Blick
aufs Ganze, wird dom rechten Pädagogen Sinn und Verständnis
für die fortgesetzt wechselnden Forderungen der Hygiene des Kindes,
die niemals ein Schema bilden können, zur reckten Zeit ins Herz
logen. Nicht rede ich der Verweichlichung das Wort. Llber je härter
die Welt und die Zeitlage wird, umso mllder sollte die Forderung
werden, welche wir an das Nervensystem, an Geist und Körper des
Kindes stellen. — Ich hatte gesagt: »Der Kampf gegen die Tuber
kulose müsse sich richten erstens gegen die Infektion, zweitens gegen
die Disposition" und hatte den Erziehungsfaktoren besonders den
Kämpf gszeu die Disposition vorbel)alten. Im Mittelpunkte des
Kampfes gegen beide steht die Wohnung. Man kann der weit-
r>erbr.eitcten Meinung huldigen, di.' Tuberkulose sei die Wohnungs-
lrankheit, oder die Ansicht mit Pros. Flügge bekämpfen, jedenfalls ist
die Wohnungsfrage im Kampfe gegen die Tuberkulose nicht zu
übergehen. Ueber die Wohnungsnot brauche ich heute kein Wort zu
verlieren, über die Verwahrlosung der Wohnungen und die damit
verbundene hygienische Gefahr des Kindesalters ebensowenig. Zu
diesen Wohnungen .zählen auch die Schulgebäude
U n d -r ä u m e s e l b e r. Es ist ganz klar, daß die Konstitution oer
Kinder in luftigen, sauberen, wohlgepflegten, sonnigen Räumen
besser gedeiht, als in dumpfen, lichtarmen, schmutzigen und verwahr
losten. In diesen hellen arrch die akuten Krankheiten, wie Masern,
Keuchhusten, schlechter als in jener:, hier gedeihen Blutaymnt, StachiUs
Und Tuberkulose.
Im Staub und Schmutz der engen Rärmrr und Korridore der
Mietskasernen lagert der Tuberkel-Bazillus jahrelang. Der größte
Feind desselben ist die Sonne und das Licht. Wir kennen bei der
Tuberkulose nicht nur eine Lustinfcktion (Tröpfchen-Infektion) von
Mensch zu Mensch — das ist zwar die Lauptauelle —, sondern auch
eine Schmier-Jnfektion. In den schmutzigen Räumen, in denen die
kleinen Kinder auf den: Boden kriechen oder spielend auf dein Boden
liegen, kommen sie zustande. Der Zustand nrancher Aborte bildet eine
direkte gesundheitliche Gefahr. Was kann die Lehrerschaft hier tun?
Hier können den: Arzt in den Kreisen der Pädagogen direkt und
indirekt Helfer und Helferinnen erstehen, die oft mehr leisten können
als lxr Arzt selber kann. Wo in dcn höheren Klassen die Kinder
neben der individuellen Erziehung zur Reinlichkeit nicht immer
wieder auch auf die Reinlichkeit im .Hause, in Küche, Wohn- und
Schlafraum, Treppenflur und Aborten, überhaupt auf positive
Wohnungspflege im Interesse der Gesundheit hingewiesen
werden, da wird hygienisch und pädagogisch m. E. etwas versärnnt.
In unserer Gegend werden namentlich zur Winterznt die Wohnun
gen viel zu wenig gelüftet. Das dauernde Verweilen in den unge-
lüfteten Raumen schafft eine Schwächung der körperliche Funktionen
und eine Empfänglichkeit zu anstecke ndtm Krankheiten. Im Hinblick
aus die Tuberkulosebekämpfung wird die Hygiene des Schlaf
zimmers noch viel zu wenig beachtet. Wo in besonderen Fällen
die. indirekte Einwirkung durch^ie,Kinder nicht genügt, da sollte der
hygienisch interessierte Lehrer es nicht versäumen, durch eine kurze
Mitteilung an das Gesundlieitsantt die direkte Einwirkung durch
eine städtische Fürsorgerin (S-chulschlvefter, Wohnungspslegerin) ein
treten zu lassen. Warum könnten nicht auch einmal Elternabende
sich mit der positiven Wohnungspflege befassen? AllerdityS wird
manche Arbeit hier halbe Arbeit sein, solange wir nicht die A n •
Meldepflicht der offenen Tuberkulose haben, die uns das neue
Tuberkulose-Gesetz bringen möge. Ich habe eine Reihe von Fallen
mit tuberkulöser Gehirnhaut-Entzündung bei Kindern erlebt in
Familien, die selbst vollständig gesund waren. Die Nachforschung er
gab in fast allen diesen Fällen, daß die Familiär eine neue Wohnung
bezogen hatten, in der vorher ein Tuberkulöser untergebracht war.
In einigen Fällen fand sich ein Tuberkulöser aus einer anderen
V^tage. In einem kleinen Hause am Wald erkrankten innerhalb eines
Jahres nacheinander drei Kinder an tuberkulöser Gehirnhaut-Ent
zündung, die so gut wie immer tödlich verläuft. In jeden: Falls?
war ein anderer Arzt zugezogen. Den dritten Fall beharrdelte ick.
Das Kind starb. Ich forschte nach der Quelle der Ansteckung. Jetzt
erfuhr ich auch den Tod der beiden anderen Kinder durch dieselbe
Krankheit. Bis zuletzt hatten mir die Angehörigen diese traurigen
Fälle verschwiegen, hatten auch verschwiegen, daß vorher in dem
Hause ein Lungenkranker gelebt hatte, der dann im Krankenhause
gestorben war. Eine Desinfektion der Wohnung war nickst erfolgt.
Bei der hygienischen Bolksamklärung, die angesichts solcher Infek
tionen in den Wohnungen immer dringender als notwendig erscheint,
darf die Schn*: ihre Mitwirkung nicht versagen. In einem Häuser
block kamen währnck des .Krieges auffallend viele Tuberkulose-Fälle
vor. Eine Ursache war nicht zu lindere Eines Tages werde ich zu
einer alten Frau in diesem Häuserblock gerufen, die an Alters
schwäche leider: sollte. Ich stellte eine schwere offene Tuberkulose fest.
Die Frau hatte in dem Häuserblock nrehrmals ihre Wohnung ge
wechselt und hatte oft die kleinen Kinder um sich gesammelt. Nach
Ausschaltung dieser Insektionsgueve hörte langsam diese Endemie
auf. Solche Beispiele aus der Praxis werden dem Pädagogen mehr
zu sagen haben, als viele Worte. Ich kann es bei dieser Gelegenheit
nicht unterlassen, auf einige Erfahrungen aus meiner Praxis hin
zuweisen, nach denen in der Sommerfrische in Räumen, die
vorher von Tuberkulösen bewohnt waren, Infektionen mit Tuber
kulose vorgekommen sind. Es dürfte nicht zwecklos sein, deshalb an
dieser Stelle davor zu warnen, Kinder zur Erholmrg in Gegenden
zu schicken, wo erfahrungsgemäß viele Tuberkulöse zusammen-
strömen. Jeden: Pädagogen müßte schon in seiner AuSbUdungs-
zeit die Bedeutung der Wohnungsfrage für die Gesundheit unserer
Kinder, insbesondere für die Tuberkulosebekämpfung in Fleisch und
Blut übergehen. Eine Frau hat das Wort geschrieben: „Man kann
mit einer Wohnung einen Menschen genau so töten, wie mit einer!
Axt!" Die Ueberbelagung unserer Wohnungen mit ihren Gesund-
heitsschädigungen wird aber erst beseitigt durch großzügige Woh
nung s p o l i t i k, namentlich der Ge:neinüen und Baugenossen
schaften. Bor den: Kriege betrug die Behausmrgszisser (Anzahl der
Personen auf ein Haus oder Grundstück) für Berlin 52, für Mönche»,
29, für Köln 16, für unsere Gegend etwa 13—15. Wie mag die
Ziffer hcwe lauten? Vom hygienischen Standpunkte aus ist eine
Behausungszijfer zwischen 9 — 5 zu erstreben, Ziffern, wie sie in
England und selbst in Belgien festgestellt sind.
Die merklich sich bessernde Bautätigkeit gibt uns wenigsten-
einen Hoffnungsschimmer für die Zukunft.
Die Schulwanderung und ihr Wert für
die körperliche Ertüchtigung und die
geistige Ausbildung der Jugend.
Don O. Kaufhold, Werden(Ruhr)-Land
In heutiger Zeit wird von Pädagogen und Lehrern, von Schul
ärzten und Volkshygien'.kern, von der Schulverwaltung und der Staats
behörde mit allem NaäHruck gefordert, daß die Schule der leidlichen
Erziehung der Jugend und ihrer körperlichen Ertüchtigung erhöht-
Sorgfalt zuwenden soll. Durch die allgemein« Unterernährung wäh
rend der Jahre des Weltkrieges ist ein erschreckender Tiesstand in den
gesundheitliä>en Verhältnißen des deutschen Volkes eingetreten. Obnr
körperliche Leistungsfähigkeit und Tüchtigkeit ist alles Wollen des
deutschen Volkes umsonst. Deshalb ist die Hebung und Stählung des
Körperkraft jedes einzelnen Staatsbürgers vonnöten, wenn die An

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.