Nr. 38
Pädagogische Post
Seite 587
forderung. die cm die Leistungsfähigkeit des deutschen Volkes gestellt
werden, erfüllt werden soll. Vor allem mutz die Gesundheit der
deutschen Jugend kräftiger und widerstandsfähiger werden. Die Not
wendigkeit der Leibesübungen durch Turnen. Spiel, Sport und Wan
dern mutz daher allgemein anerkannt werden- Die Kräftigung und
Stählung des Körpers durch Leibesübungen ist ein Weg zur Volks-
sesundung und ein Mittel, unser moralisch und wirtschaftlich er
kranktes Volk wieder aufzurichten. Die Schule hat auch die körper
liche Erziehung der heranwachsenden Generation zu pflegen und da
durch an der leiblichen Wiedergeburt unseres Volkes mitzuarbeiten.
Will die Schule der Leibeserziehung der Jugend nach modernen
Grundsätzen Rechnung tragen, dann mutz sie nicht nur dem Turrrea,
sondern auch dem Wandern erhöhte Aufmerksamkeit schenken. Das
Wandern ist in den Lehr- u,rd Erziehungsplan der Schulen als not
wendiger Bestandteil der Jugenderziehung aufgenommen worden. Der
Ministerial-Erlatz vom 29. 3. 1920 schreibt vor. Lab in den Schulen
vom 6. Schuljahr ab ein Ganztag für turnerische Wanderung ver
wendet wird. Die hohe Bedeutung der Schulwanderungen für die
Gesundheit und die Stählung des Körpers, sowie der unschätzbare
Wert derselben für die geistige Ausbildung soll hier näher beleuchtet
werden. Das moderne Leben mit seinem Fabrikbetriebe, mit seiner
Wohnungsnot, mit seiner nervenaufreibenden Unrast, mit seinem
Kanipf und der Sorge um das tägliche Brot, schädigt in vielfacher Be
ziehung unfern Organismus. Ferner mutz erwähnt werden, daß die
Feinde Alkoholismus, Schwindsucht, Geschlechtskrankheiten und Ner
vosität am Marke unseres Volkes zehren. Gerade durch ausgiebige
körperliche Uebungen, wie das Wandern in der freien Natur, werden
d'e genannten Feinde bekämpft. Darum hinaus in Feld und Wald.
über Berg und Tal zürn fröhlicheil Wandern!
Ein grober Prozentsatz der Schulkinder leidet an Blutarmut.
Rückgratverkrümmung. Ekrophulose. Rachitis usw. Die drei Turn
stunden in der Woche sind kein Ausgleich gegenüber den Stunden,
da das Kind an die Schulbank gefesselt ist. Der Mangel an freier
Bewegung ist es, an dem unsere Schuljugend krankt. Der D.chter
Liliencron prägte für das leibliche Gedeihen seines Sohnes den Vers:
„Zuerst der Leib, und immer in die Sonne!
Und Schnee und Regen sei dir eine Wonne."
Das Wandern wirkt wohltätig auf die körperliche Ausbildung der
Jugend ein. Der hygienische Wert der Wanderungen liegt vor allein
in dem stundenlangen Aufenthalt in der frischen, freien Luft und in
der ungezwungenen ausgiebigen Bewegung des Körpers. Durch die
sleich mäßige Körperbewegung beim Wandern werden die gesamten
Muskelgruppen geübt und gestählt. Die Brust weitet sich. die Atmung
wird vertieft, und die Lungenbläschen füllen sich mir reiner, sauer
stoffreicher Luft. Durch die kräftige Sauerstvffzufuhr wird bas Blut
gereinigt. die Vtutzirkulation und der Stoffwechsel werden erhöht.
Die Leistungsfähigkeit des Herzens wird gefordert.
Ein anstrengender Marsch lätzt einen gesunden Appetit auf
kommen. dazu ein angenehmes Gefühl der Ermüdung, das durch einen
tiefen Schlaf behoben wird. Das find die gesundheitlichen Vorteile
des Wanberns.
Wie oft wird in der Pädagogik das Wort Juvenals zitiert:
».mens sann m corpore sano“, („eine gesunde Seele in einem ge
funden Leib"). Dem Wandern, diesem wichtigen Zweig der körper
lichen Uebungen, ucutz noch mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden
im Interesse der Gesundung und Leistungsfähigkeit des Geistes des
Schülers. Das Wandern hat einen wohltätigen Einfluß auf die Er
weiterung des jugendlichen Gesichtskreises, auf die Vertiefung der
jugendlichen Gefühlswelt und auf die Kräftigung des jugendlichen
Willens. Gerade die reizvolle Verbindung von leiblicher und gei
stiger Tätigkeit, wie sie beim Wandern zur Geltung kommt, fördert
eine harmonische Ausbildung der Jugend. Gegenüber dem Lernen
aus Büchern ist eine Wanderung in der Heimat ein erlebendes Lernen,
ein Stück Pädagogik der Tat. Die Schulwanderungen bieten die beste
Gelegenheit, die Heimat nach ihrer geographischen, naturkundlichen
und geschichtlichen Seite zu studieren. Will man die in der Heimat
ruhenden Pildungsschätze für den Unterricht und die Erziehung der
Jugend n"tzbar machen, so müssen die indcr auf Wanderungen öfters
an die Erscheinungen des heimatlichen Naturlebens herang.'führt
werden, dann wird ihr Auge geschärft, sie werden die Natur in ihren
Gegenständen und Vorgängen aufmerksam betrachten, richtig beur
teilen und verwerten lernen. Wird die Heimatkunde erwandert, dann
wird wahre Natur- und Heimatliehe in der Jugend geweckt werden.
Aus den Wanderungen zieht das Gemütslehen des Schülers reichen
Gewinn. Die sinnige Betrachtung der belebten Natur ist ein wirk
sames Mittel zur Bildung und Veredelung des Herzens.
• Öaö Wandern in der Heimat bietet auch zahlreiche ästhetische
Momente. Der ästhetische Sinn der Jugend wird geweckt und ge
fördert durch stimmungsvolle und schöne Landschaften. Der Wechsel
von Wald und Heide. Wiese, Flutz, Berg, Dorf und Stadt bietet oft
prachtvolle Natnrbilder, für die der Sinn der Jugend auf Wande
rungen geweckt werden kann. Durch Hinweis auf den Farben, und
Formenreichtum der Natur erhält der Schönl-eitsfinn seine Pflege.
Begeistert wird die Jugend auf Wanderungen kkir Kunstwerke, z. B.
architektonisch wertvolle Kirchen, Bürge», SchlSster und Denkmäler.
Das Wandern weckt in der Jugend den Naturgeuutz. der in einer
verständigen Betrachtung der Naturobjekte und in einer
sinnigen Beobachtung des Lebens in der Natur in Verbindung mct
der Freude an der Schönbeit der Natur besteht. „Wer der Natur zu
traulich folgt, den drückt sie wie ein Kind an ihr Herz", sagt Goethe.
Durch das Wandern in Gottes freier Natur erschlietzt die Schule der
Jugend eine Quelle der reinsten Freude und der edelsten Genüsse.
„Frisch auf drum, frisch auf im hellen Sonnenstrahl,
Die Quellen erklingen, die Bäume rauschen all.
Die Quellen erklingen, die Bäume raschen all.
Mein Herz ist wie 'ne Lerche und stimmet ein mit Schall."
Ader auch für die Erziehung des Willens ist das Wanden: von hohem
Werte. Die Wanderungen erziehen die Jugend in bester Weise zur
Einfachheit vnd Mätzigkeit im Essen und Trinken, lebren Genügsam
keit und Einfachheit kennen. Müdigkeit und Abspannung überwinden,
geben Gelegenheit zur Abhärtung und Ertragung von Entbehrungen
aller Art; Geselligkeit und Verträglichkeit. Gemeinsinn und Unter
ordnung unter das Ganze werden gepflegt. Der Minifterial-Erlatz
vom 18. 1. 1911 hebt den Zweck der Wanderung mit folgenden Worten
hervor: „Die Wanderungen sollen vor allem zum bewußten Sehen er
ziehen. einen frischen, fröhlichen Sinn erwecken, Freude an der Natur,
an der Heimat und an Kaineradschaft gewähren und Ausdauer ver
leihen."
Das Schulwandern — in rechter Weist betrieben — trägt dazu
bei. daß eine an Körper und Geist gesunde Jugend aufwächst, dab ein
kräftiges und widerstandsfähiges Geschlecht ersteht, das lebens- und
schaffensireudig feine Berufs- und Kulturaufgaben erfüllen kann.
Wenn dis Jugend während der Schuljahre zum Wandern angeleitet
wird, dann wird es nach und nach in unserem Vaterlande zur all
gemeinen Volkssitte werden, dann werden alle Berufe und Stände
ihre Freude und Erholung in der Natur suchen und Körper und Geist
durch Wanderungen in der heimatlichen Natur verjüngen.
..O Wandern, o Wandern, du freie Burschenlust!
Da webet Gottes Odem so frisch in die Brust.
Da singet und jauchzet das Herz zum Himmelszelt:
Wie bist du doch so schön, o du weite, weite Welt!"
Sollen Mädchen wandern?
Von Anton Mackes, M-Gladbach-Neuiverk.
Das Akidchen-Turnen ist in seinen Anfängen auf marrchS
Widerstände gestoßen. Sie sind heute so gut wie überwunden. Das
kann nicht mit gleichem Liecht vom Mädchen-Wandern gesagt loer-
den. Behördlicherseits zwar ist die hohe Bedeutung des Wanderns
anerkannt, — der preußische Minister für Wissenschaft, Kunst und
Volksbildung hat die Verfügung erlassen, daß in allen Schulen (in
den Volksschulen vom ö. Schuljahre ab) monatlich ein Ganz tag,
einer Wa:rderung zu widmen ist.
Gegen diese Bestimmung besteht, darüber wollen wir mrs nicht-
weis machen, nicht zuletzt in den Kveisen der Lehrerschaft,, eine zwar
weniger offene als vielmehr passive Gegr^rschaft. Wohl erklärlich!
In dem festen Stunden- und Lehrplanschema der rm Zeichen deS
Intellektualismus und des didaktischen Materialismus stehenden
Schulen ist höchstens Platz für kurze Lehrausslüge zur Behandlung
einer Unterrichtseinheit in einem bestimmten Fache. Und die ganz
Eifrigen und Selbstgerechten sagen: „Wir wollen lieber feste arbeiten
und schaffen, als draußen hemmzulaufcn! Wo bleiben wir sonst
mit dem Pensum, und was wird der Schulrat sagen!"
Ich glaube, solche letzten Endes aus irrigem Pflichtgefühl go-
Üorenen Anschauungen lassen sich leichter berichtigen, als tvenn reine
Begucmlichkeit oder schwunglose Greisenhaftigkeit dan Grurrd zu der
Ablehnung der Wanderungen bilden.
Die Pc danten, die da päpstlicher als der Papst (lies Minister für
W-, K. u. V.) sein wollen, n»erden zugeben müssen, daß unser durch
den Krieg mrd seine Folgeerscheinungen aufs schwerste gefährdete«
Nachwuchs, Jungen wie Mädchen, der körperlichen Ertüchtigung
dringend bedarf und daß zum zweiten die Schule größtmöglichen
Anteil an der Lösung dieser Aufgabe nehmen mutz. Bereits vor
zehr: Jahren schrieb der Schularzt Dr. H. Röder auf Grund ein
gehender Beobachtungen: „Das innerhalb unseres Schulsystems an
den Volksschulen, Mittelschulen und auch höheren Lehranstalten
immer noch bestehende Mißverhältnis zwischen Kindesnatur und
Schulpflicht bringt die widerstreitenden Interessen der Schule und
der phsiologischen Verhältnisse des kindlichen Körpers in emer
großen Anzahl von Kindern in einen Konflikt, in dem der rvachfende
Organismus für lange Zeit, wenn nicht für die Dauer den kürzeren
zieht. (Röder und Wienecke Jugendwanderung und Jugendkraft,
Berlin 1912. .Hirschwald. S. 100) Mit spezieller Beziehung aus
das weibliche Geschlecht stellt er die Behauptung auf, „daß die Art
der heutigen Mädchcnerzichnng irr den Volksschulen, aber auch in
den höheren sogenannten Töchterschulen mit ihrer Uebereruährnng
der Seelen mrd des Geistes und ihrer mangelhaften Gelegenheit zur
leiblichen Fürsorge nicht dazu angetan ist, dem heranlvachsenden
weiblichen Geschlecht die normale Entfaltung aller derfenigen Fähig
keiten und Funktionen zu sichern, welche zur späteren AuÄtburrg der

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.