Nr. 4
Pädagogische Pofk
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wird diese Anschauung klar ausgesprochen. Oder wer liest aus
Koffkas schönem Buche über „die Grundlagen der psychischen Ent
wicklung" (1021) heraus, daß K. die Psychologie als einen Teil der
Naturwissenschaft auffaßt und daher in seinen grundlegendm,
systemhaften Darlegungen für uns unannehmbar ist?
Ich will abbrechen, denn das. was über diese Dinge gesagt wer
den mußte, läßt sich nicht aussprcchen in wenigen Zeilen. Ich fasse
meine-Ansicht also zusammen: Der Lehrer der Zukunft ist
Kinderpsycholog auf der Grundlage einer um
fassenden philosophischen Weltanschauung und
psychologischen Gesamtausbildung. Dabei ist die
Grundfrage nicht die der Lehrerbildungsreform, sondern
die der L e h r e r r e f o r m. Wer nicht Anhänger einer materialisti
schen Geschehensauffassung ist, kann gar nicht anders, als den Kern-
und Grundpunkt im Menschengeiste suchen.
*
Von dieser Einstellung aus komme ich zur Stellung der ersten
Forderung des Herrn Kollegen G. gegenüber: „Der Lehrer mutz
über den: Stoffe stehen." Ich konnte bisher mit Herrn Kollegen G.
völlig zusammen gehen; daß ich einen Schritt weiter tat, ist für die
Grundforderung nicht unmittelbar wesentlich. Auch hier bin ich im
Ziele mit ihn: einig, will aber einen anderen Weg suchen als er. Wie
wir unsern .Kindern nur „verhältnismäßig wenig" an Kulturgut
übermitteln können, just so gering — mutatis mutandis — ist muH
das, was wir selbst aus unserer Seminarzcit in Beruf und Leben
hinüberretteten. Daß unser Wissen ein winzig Stückwerk ist, ich
glaube, das ahnt man immer nur, ohne überhaupt einmal zur
klaren Erkenntnis zu kommen. Und auch der „Spezialist", der von
Kollegen G. so warm gefeiert wird, wird in 99 von 100 Fällen
„Liebhaber" bleiben, nicht „Virtuos in seinem Fache" sein; er müßte
sein Gebiet so eng begrenzen wie jener Kauz in „Leberecht Hühn
chen", der in seinen späten Mannesjahren sein Buch über die Be
handlung der Fingernägel in der mittelalterlichen Malerei schrieb.
8lus der Grnndforderung der wissenschaftlichen Befähigung
leitet Herr Kollege G. die These ab: Für alle Schulen, auch für die
einklassige, ist das Fachlehrersystem zu fordern. — Hier mache ich
grundsätzlich nicht inehr mit! Ich könnte mir die Begründung
meiner Ansicht leicht machen, indem ich erklärte: Die Verwirklichung
der Idee ist eine Unmöglichkeit, ist eine Utopie. Nein! Das sei
ferne! Denn wenn die Idee tatsächlich eine „Idee" in: philosophi
schen Sinne ist, dann muß sie erstrebt werden: im Wesen des Be
griffs liegt eingeschlossen, daß sie nie ganz erreicht wird. Doch ich
lehne das Fachlehrersystem aus ganz anderen Gründen ab. Ein
mal muß die Behauptimg bewiesen werden, daß das Fach, in dem
mmr selbst am besten bewandert ist, auch durch den eigenen Unterricht
anr bestell gefördert würde! Stilnmte die Behauptung, dann müßten
alle Unitersitätsprofessoren gute Pädagogen sein. Die Erfahrung
zeigt ebenso deutlich wie die eigene Jnnenschau, daß das nicht
stimmt. — Zum andern will es mir sehr fraglich erscheinen, ob tat
sächlich „gerade das Fachlehrersystem die Persönlichkeitsbildung
fördert." Mir persönlich ist es nicht einen Augenblick uilklar, daß
Persönlichkeiten nur durch das Borleben der Persönlich
keit werden und erstehen. Und daher möchte ich z. B. am liebsten,
daß auch an unsern sieben- und achtklassigen Schulen der-(oder die-)
.jenige, der die Kleinen aufnimmt, mit ihnen tveitergeht bis zur
Schulentlassung! Vielleicht koinmcn wir auch dahin noch einmal!
Wenn Herr Kollege G. für seilte Ansicht ins Feld ffihrt, daß „gerade
aus solchen Schulen, an denen Fachlehrer unterrichten, so markante
Persönlichkeiten hervorgogangell sind", so vergißt er m. E., gerade
die entscheidenden Umstände arrzuffihren. Es ist etwas anderes, mit
reifenden Menschen von 15—20 Jahren zu tun zu haben, als mit
6—14jährigen Volksschulkindecn von durchschnittlich lninderer
Intelligenz und häufig minderwertiger häuslicher Erziehirng. Ist
durch den Standpunkt des Kollegen G. nicht auch die Familien
erziehung. die sich doch auf die Elternpersönlichkeit stützt, in Zweifel
gestellt? Fast will es mir so scheinen. Und wo bleiben Erzieher
gestalten wie Monika und Ignatius. Pestalozzi und Don Bosco?
Und wäre denn nicht die Ansicht der Simultanverfechter berechtigt,
daß der Religionsunterricht just so gut außerhalb des Lehrplans
stecken kör-ne? Und wo blieben z. B. Konzentration und Gesamt
unterricht? Ich bin auf den Einwurf gefaßt: Es sind eben nicht
alle Lehrer ideale Erzieher! Ganz gewiß; aber der Jdeallehoer
der Zukunft, von dem doch die Rede ist, der will ein solcher Erzieher
werden und sein! Dabei wird es nicht schaden, ob er vielleicht in der
Mathematik nicht bis zur bestimmten Integration und in der Reli
gion nicht bis zur Assyriologie und in der Naturwissenschaft nicht
bis zu dern psychischen Leben der Protozoen vorgedrungen ist. Der
lebendige, vergeistigte Erziehergedanke, der dann in der Gesamt
lehrerschaft Tat und Leben ist, der wird wie der Geist wehen, wo er
will! Aus der hohen Verantwortlichkeit, die jeder Lehrer sechzig
unsterblichen Menschenscelen gegenüber in der Brust trägt, wird er
die Wistensgrundlagen des Stoffes sich auf dem besten Wege — dem
Autodidaktentum m. E. — erarbeiten und alles prüfen und das
Beste den Kindern geben.
Nun meint Herr Kollege G., das Fachlehrersystem bilde
Spezialisten aus, weil jeder Schüler einen Lehrer hätte, der sein
„Steckenpferd" ritte. Ich will annehmen, daß die Regierung ver-
ffihre. Verfahren könnte wie Maxwells „sortierender Dämon" in
der theoretischen Physik und die Lehrer in „idealer Unordnung-
über Stadt und Land verstreute. Aber selbst diese Wahrscheinlich-
- keit unbewiesen zugegeben, wiirde ich die Ausbildung zum Spezia
listentum in so früher Kinderzeit, die eine Wahl auf vernünftig?
Gründe hin nicht zuläßt, aufs tiefste bedauern. Spezialisten sind so
gar dann einseitig, wenn eine grundhaft verankerte Allgemeinbil
dung vorausgegangen ist; wievielmehr wird das erst der Fall sein
bei einem jungen Bürschlein oder einer jungen Dame von 10—12
Jahren, bei denen in den allermeisten Fällen Spezialistentum mit
Verzogenhcit und Trägheit gleichgesetzt werden muß. Mir fällt itt;
solchen Fällen immer ein sehr schönes Wort Foersters ein, den ich —'
auch nach 1916 — außerordentlich hoch schätze: „Man soll sich Hüten,!
daß man aus dem „Jahrhundert des Kindes" nicht ein Jahrhundert
der Kindereien mache. Und es ist mir bange, daß der empfohlen»
Weg in unsern Tagen, da 1000 Stücke vom Willen geredet und in
höchstens einem Male willensstark gehandelt wird, dahin führen
könnte!"
Mehr aber als Wiffensvermittlerin wird die Schule dereinst Er» ,
zieherin werden. In gleichem Maße wird sie diese Aufgabe gestei-1
gert lösen müssen, als leider das Elternhaus sich dieser seiner
ursprünglichsten Pflicht entledigt: Ich bin mir bewußt, daß wir in
dieser Beziehung uns keinem übertriebenen Optimismus hingeben
dürfen. Das Gebiet der Erziehung ist vielleicht enger begrenzt, als wir
allesamt glauben. Ob Erbanlagen und Entwicklung die Erzieher
einflüsse nicht zu allermeist illusorisch machen, davon wissen wir
heute noch zu wenig. Aber wenn man die Möglichkeit der
Erziehung potentiell für gewiß halten darf — und, nicht wahr, das
tun wir doch alle! — dann ist es auch ein erhebender Gedanke, daß
der von uns zum Kinde überfließende Kraftstrom in kommen
den Geschlechtern noch lebendig und keimhast ist: „Es kann ■
die Spur von meinen Erdentagen nicht in Aeonen untergehn!"
Ob aber Persönlichkeit und persönliches Leben anders als am Leben»
vielleicht also am Stoffe, sich entzünden kann, das will mir nicht in
den Kopf und erscheint mir nach meiner Auffassung vom Wesen der
Persönlichkeit völlig unmöglich. Und in dieser Ansehauung finde
ich meine festeste Stütze in der katholischen Weltanschauung und
Lebensauffassung! — Gewiß, auch Schulen mit dem Fachlehrersystem
erziehen Persönlichkeiten! Aber warum? Trotz oder wegen des
Fachlehrersystems? Da müßte einmal die Frage geklärt werden:
Wie stünde es um die Persönlichkeitsbildung, wenn auch an diesen ■
Schulen jeder Lehrer seiner Klasse ein Führer wäre sechs, neu» '
Jahre hir durch?
Ich will meinen Standpunkt positiv herausschälen und mich mit
Maß beschränken, denn ich will nicht wie Bellamy eine Utopie aus
dein Jahre, 2000 schreiben: D e r L e h r e r wird nach der
„L e h r e r r e f o r m" vor allem Erzieher sein, der sein
Leben den Kindern vorlebt und der durch sein!
ganzes Wesen erzieht. Die Erkenntnis der engen!
Bindungen zwischen Wollen und Wissen wird ihm'
die innere Pflicht auferlegen, auch ölt der Vertie
fung und Verbreiterung seiner eigenen intellek-
tuellen Kräfte und der ihm anvertrautenKinden
unausgesetzt nnd unermüdlich tätig zu sein. .
*
Wenn man eine mathematische Erkenntnis in der Form eines i
Lehrgcfetzes oder einer Grundkonstruktion herausgearbeitet hat,;
dann pflegt man, soweit man die Unzulänglichkeit seiner Arbeit
einsieht, die Bedenken zu überlegen und kleidet das Irrationale der
Rechnung in eine Determination. Die habe auch ich hier
nötig. Ein Beitrag zur künftigen Lehrerreform bescheidenster Art
wollen diese Zeilen sein. Bescheiden daher vor allem, weil manl
damit jeden Tag beginnen kann: ohne Aufbanschulen, Oberschulen,
Universiät und Geld. — Und doch wieder sehr schwer: weil ja die
Arbeit an sich selbst Das hat keiner ergreifender und lebendiger und wahrer gestaltet, als!
St. Augustin in seinen Bekenntnissen (8. Buch, 7.—10. §htpitel)<
Man möge es da nachlesen. Aber heute kommen auch die Hemm-
niste von außen dazu. Sie liegen in den Strömungen, die die Be
rufsfreude ertöten und erschlagen, den Lehrer seiner ursprünglichen
Bestimmung entziehen und den „wildgcwordenen" Pädagogen für.
seine Extravaganzen prämiieren.
Wem die Gesundung unserer Schule und die Erhebung unseres
Volkes durch das kommende Geschlecht am Herzen liegt, wird mit!
mir wünschen, daß man Einsicht habe zu sich selbst. — Herr Kollege
Gunkel wird verzeihen, wenn ich zuweilen abgewichen bin von deut
geraden Pfade seiner Ausführungen; es geht mir wie Raabes „un
ruhigen Gästen" „aus dem Säkulum", die auch am liebsten abseits
der Heerstraße wandern und daselbst ihres Lebens besten Teil, dlg/
innere Kraft, wiederfinden
Ablehnung des Pensionskürzungsgesetzes
durch den Reichsrat.
1» Die Vorschriften des Gesetzentwurfs bedeuten einen Eingriff
in wohlerworbene Rechte, die durch Art. 129 der Reichsver-
fastung geschützt sind. Das Ruhegehalt stellt für den Beamten eine»
Teil der Besoldung dar. Die Begründung des Gesetzentwurfs sagt seldAj

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