Nr. 48
Mdaaogische Dost
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die Uebungen an der Lesemaschine und mit dem Cetzerkasten. An mei
nem früheren Wirkungsorte hatte ich „Gertigs neuen Leseapparat"
beschaffen lassen. An ihm lasien sich Analyse und Synthese der Wör
ter leicht vornehmen und die so schwierige Lautverschmelzung leicht ver
anschaulichen und erreichen. Die Kinber können bald selbst das Setzer
geschäft übernehmen. Tastsinn und Gesichtssinn arbeiten so zusammen.
Die Hände schieben die Buchstabentäfelchen aneinander und die Augen
sehen, wie sie zusammentreten. Der Unterricht verläuft so in Form
einer ernsten Spiels.
Zum Formen, Basteln und Schnitzen fehlen uns vorläufig Lehr
mittel, Geld und Zeit.
Zweckmäßig ist es, in den ersten Schulwochen langsam voranzu-
schreiten. Die dafür aufgewendete Zeit läßt sich später doppelt einholen.
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Sozialistische Gemeinwirtschaft oder
Eigenwirtschaft?
Von Rechtsanwalt Dr- Ferdinand B r a n d i s , Braunschweig.
Seit den siebenziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hat die
sozialistische Bewegung im deutschen Volke nach und nach immer gröbe
ren Umfang angenommen. Trotz lebhaftester, selbst vor Gewalttätig
keiten nicht zurückschreckender Werbearbeit ist es allerdings den An
hängern der sozialistischen Lehre bisher noch nicht gelungen, die Mehr
heit des deutsuen Volkes oder auch nur der deutschen Handarbeiter zu
sich herüberzuziehen. Die Werbearbeit der Sozialisten wird jedoch
mit größtem Eifer fortgesetzt; und es liegt daher für die Freunde der
Eigenwirtschaft aller Grund vor. ihren Standpunkt weiter zu vertei
digen und immer von neuem wieder auf das Verkehrte der Anschau
ungen und Bestrebungen der Sozialisten hinzuweisen.
Die Sozialisten wollen bekanntlich die Mittel des Schaffens (der
Produktion) vergesellschaften. Sie wollen, wie sie es mitunter aus
drücken, „das Proletariat emanzipieren", mit anderen Worten: die
wirtschaftliche Abhängigkeit der Besitzlosen vom Unternehmer-Kapital
aufheben. Das bestehende kapitalistische Wirtschafts-
f y st e m . die selbstsüchtige kapitalistische Eigenwirtschaft,
wodurch jene Abhängigkeit bedingt wird, wollen sie beseitigen und durch
das sozialistische Wirtschaftssystem, durch eine das Ge
samtwohl berücksichtigende Eemeinwirtschast, ersetzen. Betreffs der
Verteilung des geschaffenen Ertrages, insbesondere
betreffs des Anteils der Arbeiter daran, sagen sie nur ganz allgemein,
datz jeder Arbeiter den vollen Ertrag seiner Arbeit erhal
ten soll. ohne näher anzugeben, wie sie sich die Festst.llung des Arbeits
ertrages der einzelnen Arbeiter denken.
Auf den ersten Blick scheint es in der Tat im Jnteresie der Gesamt
heit zu liegen, dag die H e r st e l l u n g der für unser Volk nötigen Be
darfsgegenstände nicht mehr durch Unternehmer, die nur auf ihren
eigenen Vorteil bedacht sind, erfolgt, sondern durch die Gesellschaft oder
den Staat, unter Berücksichtigung des Bedarfs der Gesamtheit. In
dessen man mutz folgendes bedenken.
Bei fast allen Menschen, einerlei, welcher politischen Partei sie
angehören, liegt der Hauptantrieb zur Tätigkeit und Arbeit in dem
Gedanken an das eigene Wohl, mit anderen Worten: in dem Verlan
gen nach möglichst hoher Entlohnung, nach Erreichung einer besieren
Stellung oder Lebenslage oder in einem ähnlichen selbstsüchtigen Stre
ben. Unter der Herrschaft des kapitalistischen Wirtschafts
systems tritt dieser Hauptantrieb zur Tätigkeit bei Unterneh
mern wie Arbeitern voll in Wirksamkeit. Die Folge hiervon
ist. dad unter dem kapitalistischen Wirtschaftssystem sowohl die Unter
nehmer als auch die Arbeiter alle ihre Kraft zusammennehmen, um
einen möglichst grotzen Ertrag bezw. Lohn ihrer Tätigkeit zu erzielen.
Dahingegen unter der Herrschaft des sozialistischen Wirt
schaf t s s y st e m s die an Stelle der Unternehmer die Arbeit leitenden
und überwachenden Angestellten weniger durch das Streben nach eige
nem Vorteil als durch Pflichtgefühl und durch Eifer für das Wohl und
den Vorteil der Gesamtheit zu fleitziger Arbeit sich anspornen lassen
müssen, dieser Ansporn aber im allgemeinen nicht so stark wirkt wie das
eigene Jnteresie, so wird die gemeinwirtschaftliche, sei es gesellschaft
liche oder staatliche, Eütererzeugung der Regel nach weniger lei
sten als die Eütererzeugung durch private Unternehmer.
Es wird nicht immer gebührend gewürdigt, datz die Ueberführung
eines von Privaten betriebenen wirtschaftlichen Unternehmens in den
besitz der Gesamtheit, also die Vergesellschaftung oder Sozialisierung
eines Sonderwirtschafts-Unternehmens, von den in dem vergesellschaf- l
teten Unternehmen beschäftigten Arbeitern große, selten anzutreffende I
Selbstlosigkeit, grotzen, seltenen G e m e i n s i n n erfordert,
wenn sie wirklich der Gesamtheit, nicht etwa nur den in dem Unter
nehmen beschäftigten Personeen, nützen und wenn der Ertrag des Un
ternehmens infolge der Vergesellschaftung sich en,.-.^n soll- Falls in
einem Unternehmen infolge von dessen Vergesellschaftung die Arbeiter
und Angestellten so bedeutend vermehrt, die Arbeitslöhne so sehr erhöht
und die Arbeitsstunden so stark herabgesetzt werden, datz die Betriebs
ausgaben für das Unternehmen ebenso hoch oder gar noch höher sind
wie die Einnahmen aus dem Betriebe, dann kann von einem wirt
schaftlichen Nutzen der Vergesellschaftung des betreffenden Unternehmens
für die Gesamtheit offenbar keine Rede sein.
Betrachtet man nun ohne Voreingenommenheit die Wandlungen
unseres Wirtschaftslebens der letzten Jahre, soweit sie allgemein be
kannt geworden sind, dann wird man nicht wohl sagen können, datz ver
gesellschaftete Betriebe vom volkswirtschaftlichen Stand
punkte aus sich den eigenwirtschaftlichen Betrieben im allgemeinen
überlegen gezeigt haben.
Ebenso ist auch vom Standpunkte des Christentums
aus der Sozialismus als minderwertig anzusehen, weil das Sonder
eigentum von den Mitteln des Schaffens eine zur vollen Entfaltung
der Kräfte des Menschen notwendige, aus dem N a t u r r e ch t sich er
gebende Einrichtung ist, die, gut geordnet, der menschheitlichen Entwick
lung zum Segen gereicht-
Das Christentum stellt natürlich nicht, gleich dem Kapitalismus,,
das Streben nach Besitz und Eenutz als das oberste Ziel des Menschen
hin. Es will nicht, datz der Mensch im Trachten nach irdischem Besitz
und Gewinn völlig aufgeht. Betrachtet es doch das Leben hier auf
Erben nur als eine Vorbereitung für das Jenseits. Für den Christen
soll das Eigentum nicht Selbstzweck sein, sondern nur ein
Mittel, mit dessen Hülfe er seine natürliche und übernatürliche Be,
stimmung erreichen kann. Erreichen aber kann er diese seine Bestim
mung nur, wenn er sich stets gegenwärtig hält, datz ihm die Pflicht
obliegt, sein Eigentum nicht allein für sich selbst, sondern auch zum
Vesten des Volksganzen zu gebrauchen, und datz es eine sittliche Welt
ordnung gibt, der er sich einzuordnen hat
Die von den Sozialisten angestrebte Wirtschaftsordnung ist in
Wahrheit keine auf das Wohlergehen und die freie Betätigung aller
Weltanschauungder Soziali st en auch garnicht sein. Da d'e
Sozialisten, gleich den Anhängern des Kapitalismus, auf dem Boden
des Materialismus stehen, so lassen sie bei ihren wirtschaftlichen Be
strebungen sich im wesentlichen genau so von Selbstsucht leiten wie die
Anhänger des Kapitalismus, nur, datz sie nicht, wie diese. Macht und
Wohlleben den Kapitalisten sichern wollen, sondern den Be
sitzlosen. Der Geist, womit der Sozialismus die Menschen erfüllt,
ist derselbe, wie der Geist, der die Anhänger des Kapitalismus be
herrscht. Es ist der Geist, den man nicht mit Unrecht Mammons
geist genannt hat.
Man hat dem Christentum vorgeworfen, datz es in der Vergangen
heit die Herrschaft dieses Mammonsgeistes geduldet habe und noch
dulde. Nicht mit Recht. Das Christentum hat diesen Geist stets be
kämpft. Richtig ist allerdings leider, datz trotzdem unter der Herrschaft
des kapitalistischen Wirtschaftssystems viele, die sich Christen nennen,
im Wirtschaftsleben die Gebote des Christentums nicht befolgt haben
und auch heute noch nicht befolgen.
Was vor allem nottut, ist demnach, datz der Einflutz der
christlichen Lehren, insbesondere des christlichen Gebotes der
Nächstenliebe, auf das Wirtschaftsleben unseres Volkes gestärkt
wird, datz wir alle, die wir Christen sein wollen, im Wirtschaftsleben
nicht bloß von unseren eigenen •••* * " ' **

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