Nr. 5 • ßSvaaogische Post 77?
8. Ersetzung der Geldentschädigunsen durch Sach- und Wnrrrr-
leistungen.
4. Wirtschaftliche Wie-eraufrichtung Rußlands durch intrrnatio.
nale Kreditmatznahnren.
An der Währunzsfvage sollte in Cannes nicht vorbeigegangen
werden; denn die Valutaschtvcmkungen bringen schwere Erschütte
rungen in der Weltwirtschaft mit sich. Wird Deutschland in Carrnes
finanzielle Hilfe zuteil, so geschieht dies nur gegen die von
Deutschland zugestandene Erfüllung bestimmter
Bedingungen, von denen als die wichtigsten die Einstellung der
Papierinflation und die Ordnung der Reichsfinanzen in Betracht
kommen. Es muß für das deutsche Volk eine Ehrensache sein, seine
Staatsbetriebe, wie Bahn- und Post, der wirtschaftlichen Gesun
dung zuzuführen, die Steuerprobleme großzügig zum Abschluß zu
bringen und die Lasten so zu verteilen, daß fie der Besitz auch
wirklich zu tragen hat. Das Gebiet der indirekten Steuer
wartet auf weiteren Ausbau; denn trotz der ungeheuren LebenS-
teuerung empsinden die „Konftrnkturkreise* noch keinesfalls die
drückende Hand der Steuergesetzgebung. Den Luxus gilt es noch
umfassender heranzuziehen, als dies bis heute geschehen ist. Das
Schlem-merleben hochmögerider Geldkönige Wirkt wie ein Hohn auf
die Klage über die deutsche Not und Armut. Eine Regierung, die
in der Steuerfvage sich auf Kompromisse einlaßt, d. h. die den
großen Besitz der Gold- rmd Sachwerte nicht genügend belastet, tut
ihre faäialc Pflicht nicht. Wir haben das volle Zutrauen zur Re
gierung Wirth und wir erwarten ein scharfes Zugreifen, um dem
deutschen Volke gesunde Finanzen, balanzierende Budgets zu brtn«
gen und dem gesamten Auslande, das uns entgegenkommt, Ver
trauen zu unserem Ordnungssinn, zu unserer fiskalischen Sparsam
keit und zu unserem ehrlichen Reparationswillen abzunötigen. Die
Augen der Ententegläubiger find in erster Linie auf den Betrieb
unserer Eisenbahnen gerichtet. Werrn England für das
laufende Jahr auf alle Barzahlungen seitens Deutschland ver
zählet, so tut es dies nur unter der selbstverständlichen Voraus
setzung, daß wir imstande sind, unseren Eisenbahnbetrieb rentabel
und kaufmännisch zu gestalten An der deutschen Eisenbahnwirt-
schaft sollen wir die Probe ablegen, weil ftne der Prüfstein für
unseren innerpolitischen Ordnungswillen und für unsere Vcrwal-
tungsfähigkeit darstellt. Es hilft nichts, die Ententekontrolle als
eine nationale Schmach zu empfinden Wir haben keine andere
Wahl: es gibt nur ein entweder — oder! Entweder wir finden
uns bereit und suchen den Wünschen unserer Gegner zu entsprechen
oder das Chaos bricht über uns herein. Ist die Schnrach nicht
größer, wenn wir die Beleidigten spielen und unser Land tatenlos
der feindlichen Willkür preisgeben, als wenn wir zu heilen ver
suchen, wo Wunden sind und die staatliche Selbständigkeit und
Autonomie und damit unser Volkstum retten.
Unsere Politik der Zukunft darf keine andere, als eine Politik
der ehrlichen Bereitwilligkeit und deS Erfüllungswillens im Rahmen
der deutschen Leistnngskraft sein. Darin ruhen allein die Quellen
der deutschen Befreiung. Das Versailler Unrecht wird
an sich selb st - erbrechen, weil kein Unrecht dauernden Be
stand haben kann. Von der Selbstdisziplin und der politischen Er»
zielMlg des deutschen Volkes hängt dabei viel ab. Am nationalen
Ausstieg müssen alle Volkskrerse mitwirken und teilhaben. Das
find wir unserer Zukunft schuldig.
Bilanz der ftemden Gäste.
Bon Dr. Siegfried Fräse.
Ein fvanzöfisches Blatt führte kürzlich im Zusammenhang mit
der ReparailMsfrage als wichtiges deutsches Aktivum ,chre durch
Reisende nach Deutschland gebrachten ausländischen Devisen* auf.
In Deutschland denkt man vielfach dariiber anders und sieht in
den Feinden, die uns überlaufen. um es sich hier auf die für fie
spottbilligste Manier wohl sein zu lassen, manchen Nachteil und
Gefahr und einen zweifelhaften Bilanzposten. Gewiß hat die
nationalAonomische Ueberlieferung stets den Vorzug oder Aus
gleich für die Zahlungsbilanz hingewiesen, der anziehungölrastigen
Gebirgs- oder Gebirgslärrdern durch den Fremüenbesuch erwuchs.
Damals aber stand noch im internationalen Zahlungsverkehr der
sog. Goldpunkt in souveräner Festigkeit und absolutem Gleichge
wicht, und keine Währungs und Reparationsblockade verwirrte
Rechnung und Gegenrechnung. Die Schweiz z. B., die nicht genug
Lebensmittel für die eigenen Bewohner, geschweige denn für ihre
Gäste erzeugte, konnte die Zubuße im Ausland etiva zu dein Preis
stand ihrer Landesprodwkte erstehen; was ihre Fremdenindustrie
an Bewirtungsspesen und Gewinn darauf schlug, kam ihrer Bolks-
und Berbranchswirtschaft voll und ganz zugute. Was aber heute
der Ausländer in Deutschland verzehrt, kann nur durch eine Ein
fuhr bestritten werden, für die von Reichswegen auf den Inlands
preis direkt oder mittelbar drauibczahlt wird.
Allerdings kommt der Fremde nicht nur, um uns kahl zu essen,
sondern vor allem zu seinem Vergnügen. Er zahlt uns Logenplätze
in den Theatern, teure Droschkenfahrten, hohe Eisenbahnklassen
und ist in der Lage, die elegantesten Lustorte zu besuchen. Diese
schlüpfrigen Stätten verruss er dann gern als die BxwM deutscher
Sittenvcrderbnis — und hilft ihre Ansvreitmrg doch erst ermög»
lichen. So fördert der Gast Urrmoral und Verschwendung von
Sparwerten, die unseren: Produkivvermügen zufließen müßten-
Verwickelter liegt die Vcrkehrsfrage. Vielleicht aber könnten auf
manchen Strecken die Schnellzüge, die besonders hohe Betriebskosten
verschlingen, mit ihren unrentablen Magen erster Masse vermindert
oder verkürzt werden, wenn fie nicht einem so starken Fremdenver
kehr respektabel dienen Müßten rmd dem Ausländes einen deutschen
Scheinwohlstand vortäuschen hülfen. (Freilich mischt sich noch
größere Dc-ftzitbedeutung dem bleiernen Gewicht bei mit dem herrte
der Personenverkehr arrf den wenig befahrenen Nebenstrecken dem
Staatsbahnsystem anhiurgt, das doch gerade hierin seinen nationalen
Wert erfand.)
Daß die Logrsrechnrmgen an die Ausländer reine Aktivposten
unserer Wirtjchaft sind, ist fiir Vergnügungsbäder und großstzädtiscM
Luxushöfe unbedingt zugegeben. Davon aber abgesehen, mmrnr
der Fremde dem Einheimischen noch von dem knappcn und uncutHf
behrlichen Wohnrairm fort, hinsichtlich dessen leider schon früherer
allzu Privatwirtschaft!ich, statt mit vorausschauender Nationalpolitiff
verfahren ronrde. In nwnchen Kvankenbädern verdrängt Ueber»
füllung durch Ausländer den deutschen Patienten oder verteuert
ihm zum mindesten den Kuraufenthalt. Ähnliches gilt für einst
durchaus „civile" Somrnerfrischen. Und auch die Erhaltung dep'
Gesundheit, der Arbeitskraft ist von sogar sehr großer national»
wirtschaftlicher Bedeuttmg. So mischt sich vom allgemeinen Ge»,
fichtsvunkt marrcher Tropfen Wcrmyt in den Gewinnzug der
Herbcrgsindustrie, di« allerdings wie manches andere ohne de«
fremden Zuspruch verkümmern müßte.
Den Ausverkauf durch fremde Gaste kennen wir in den Periode»!
des Marksturz-cs als verhängnisvoll, well er die Teucrungstvelbe*
türmen und beschleunigen hilft. Erschwert dageg^m die Mark durch
ihr Steigen den Absatz ins Ausland, so sänstigt der Aufenthalt
vieler wohlhabender und einkaufender Fremdlinge diesen Um-'
schwung etwas, namentlich sofern fie hochwertige und beliebig ver»'
mehrbare deutsche Arbeitöware mit sich nehmen. Der wäh^rische
Ausländer ist daun in jedem Falle eine förderlichere Person als der
mißratene Deutsche, der beschränkt vorhandenes Verbrauchs- rmh
Massengut auf Kosten arnrer Nächstenkinder wahllos in die FerM
und seinen Schmarotzerlohn sich in die Tasche schiebt.
So einfach aber, wie der ^Dwtin" meint, laßt sich die wirtschaft»
liche Rolle des Ausländerve rbehrS bei uns nicht kennzeichnerr. Nur'
sehr ausgiebige Berechnungen und Abwägungen können wenigster^
im Groben ergeben, inwiefern hier ein Aktivposten Dr im# vorliegt
und wie hoch oder niedrig er zu bewerten
Cannes.
Durch Amerikas und Englands Eingreifen wurde der Weltkrieg
entschieden. Es schien, als ob die «ngültiae Anbahnung des Welk
ftiedens. der Sieg der Vernunft, ebenfalls der tatkräftigen Initiativ«
beider Staaten zu danken sein werde.
Wasbinalon war das Vorspiel. Ein lehrreiches allerdings.
Besonders hinsichtlich der Gesinnung Frankreichs und der Hoffnungen,
die man auf seine Haltung bei den Versuchen zur Lösung des europäi
scher. Problems hegen durfte.
Cannes folgte. Groß waren die Hoffnungen. „Der „erste Akt-
Im Schauspiel der Völkerversöhnung hat begonnen." — So kündet«'
man.— Wars ein Akt? Oder nur ein Catyrsviel? — Ein«!
Tragödie an und für sich sicherlich. Ein Drama im Drama.
Von Schauspielern vor und hinter den Kulissen den Schauspielern auf
der Bühne wie den Zuschauern gespielt. Wie wird die Weite rentwi-»
lung sein?
Englands ehrlicher Wille sei anerkannt. Gewiß: „Der Engländer»
spricht von der Bibel und meint Kattun! ,^vas ist ein altes Sprichwort?
Aber in diesem Fall ist die Neuordnung der zerrütteten Weltoerhält-r
nisse elementarstes Interesse Englands. Politisches wie wirtschaftliches..'
Der englische Politiker stellt sich niemals einseitig innen- oder
außenpolitisch ein. Er kann es gar nicht, weil englische Politik
Well volitik sein muß. Deshalb will er auch. daß die Welt Politik',
englische Politik sei. Und in der letzteren Richtung liegen alle,
Konflikte begründet, die England mit anderen Mächten hat. Nicht!
zuletzt auch die mit Frankreich, dessen Imperialismus dem «nglischerrj
Imperium heute gefährlicher zu werden droht, wie jemals der deutsche.
Und das umsomehr, als England heute innen- wie außenpolitisch
an Ecken und En-en Schwierigkeiten nicht geringer Art hat. Ohne die
hätte es wahrscheinlich schon früher Frankreich gegenüber fester rüge»
packt. Auf die Dauer werden sie aber England nicht daran hindern?
im Gegenteil nötign, das zu tun, was die Stunde nicht nur, was
Englands Zukunft fordert. Denn Politik auf kurze Sicht
treiben, verstößt gegen den Fundamentalsah der politischen Weisheit'
Albions. Cie wäre gerade im gegenwärtigen Augenblick das Verhäng-,
nisvollste für England. Denn das. was ihm Schmerzen macht, find!'
nicht nur zeitliche Nöte Alt-Englands, sondern es rüttelt an deA,
ganzen stolzen englischen Wrlimachtgedäud«.

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