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Die Reichsverfassung in der Volksschule.
Die Schule hat die Aufgabe, di« Schüler zum StaatSgedanken
»u erziehen. Darüber streitet man nicht. Aber der demokratische
Gedanke, der den Einrichtungen der deutschen Republik zu Grunde
liegt, ist manchen Leuten ein Greuel. Und da ist man bedacht, daß
die Schüler von diesen »nerrzcitlichen Ideen* nicht allzusehr infiziert
werden. Ein in dieser Hinsicht sehr gefährlicher Bazillus ist die
deutsche Reichsverfassung. Zlvar ist ihre Behandlung
in der Schule vorgeschrieben, zwar soll die R. B. den zur Entlassung
gelangenden Schülern ausgehändigt werden, aber sie ihnen schon
während dcS letzten Schuljahres zur Verfügung zu stellen, geht doch
nicht an.
So meint nämlich die Regierung in Düsseldorf. Sie
hat einen in dieser Richtung laufenden Antrag der Bczirkslchrer-
kamwer abgelehnt und stützt ihre ablehnende Haltung am einen
Minister ialcrlatz.
Besteht ein solcher Ministerialerlaß wirklich, dann ist cs
allerhöchste Zeit, daß er aufgehoben wird. Wir bitten
dringend darum. In einer Zeit, da man in der Schule immer
mehr zur »Ouellenltteratur" greift, darf man daS für die
staatsbürgerliche Belehrung wichtigste Quellenwerk nicht in gleicher
Weife behandeln wie die Schrifren der Schundliteratur.
Man gebe spätestens nach den Herbstfenen jedem Schiiler des
letzten Schuljahres ein Stück der Verfassung in die Hand. Die Be
handlung einzelner Kapitel erfolgt alsdann sowohl in der Ge
schickes,müde wie bei anderen Gelegenheiten. Solche finden
sich in fast allen Unterrichtsfächern. So kann man, um
nur einige Beispiele zu nennen, im Religionsunterricht die Pflichten
der Staatsbürger, die Bestimmungen der Verfassung über Ehe,
Familie. Religionsgemeinschaften, Eigentumsrecht u. v. a. behan
deln. In der Geographie wird man zahlreich Anschlußmeglich-
kciten finden für die Bestimmungen wirtschaftlicher Natur usw.
Einen guten Führer zur Behandlung der R.-B. in der Volks
schule gibt I. P ö t s ch. N i e d e r l a h n st e i n, in seiner kürzlich
erschienenen Schrift: »Die Reichsverfassung in der
Volksschule", Pcäparationeu für die Oberstufe (Verlag Schö-
ningh. Paderborn). Der Verfasser hat den Stoff sehr zweckmäßig
ausgewählt und gegliedert. Einige Ueberschriften mögen die An
lage kennzeichnen. »Von der Familie. Von der Schule. Die Be
wohner des Staasgebäudes bei der Arbeit- Einwirkung oer
Industrie ans die Eigentumsverhältnisse Kapital und Arbeit,
Schon dir Ueberschriften zeigen, daß der Verfasser nicht nur staats
bürgerliche Kenntnisse, sondern staatsbürgerliche Erziehung
vermitteln will. Das Werkchen stellt auch keine der sogenannten
..Eselsbrücken" dar. es will vielmehr Wegweiser sein und zur weite
ren Vertiefung anregen. —
In Verbindung mit der Behandlung der Verfassung mutz
im letzten Schuljahr im Geschichtsunterricht die Behandlung des
Versailler Friedensdiktatcs erfolgen. Auch hier hat Pötsch durch
seine im gleichen Verlag erschienene Broschüre »Der Friedens
vertrag in der Volksschule als abschließender Ge
schichtsunterricht" eine vortreffliche Handreickiung für die
Lehrenden gcsck-aflen. Das Buch ist mehr, als sein Titel besagt. Es
zcigt die politische Entwicklung Deutschlands seit dem Wiener
Kongreß, zeigt besonders die glänzende wirtschaftliche Entwicklung
Deutschlands, die eine Hauptnrsackie des Völkerringens. das 1914
begann und dessen letzter Akt sich jetzt als Folge des Versailler
Diktates abspielt.
Kein Leser der »P. P." möge versäumen, sich in den Besitz der
beiden wertvollen Schriften zu setzen. Er wird sich und feinem
Unterricht nützen. Bei einer Neuauflage wird der Verfasser viel
leicht noch einige Anregungen geben zur Behandlung der Frage
Bölkerversöhnung im Geiste des Christentums".
I I £gftccpyparic jl |
Einstufung nach dem Dienstalier.
Nach der am 1. April in Kraft tretenden Novelle zum Lehrer-
besoldungsgesetz sollen in Grupp? 2 und 3 (7 und 6») 48000 Lehrende
eingestmt werden. Wir sind der Ansicht, daß es aus einer ganzen
Reihe von Gründen unmöglich sein wird, das G setz durchzuführen.
Für heute möchten wir nur darauf hinweisen, daß die endgültige
Höherstufung nach 8 bis jetzt angeblich »regen der „technischen"
Schmierigkeiten nach mehr als Jahresfrist noch nicht durchgeführt
werden k-mnte Und nach einer neueren Verlautbarung ans der«
Ministerium finb diese Schwierigkeiten neuerdings deshalb
wieder größer geworden, weil die in den Ruhestand ge
tretenen Lehrer und Lehrerinnen jetzt »nachgestust" ».»erden
««rissen und das Material noch nrcht vollständig eingegangen ist. (!!)
Tie Lehrerschaft wird also ohne weiteres »varten
müssen, bis der Staat ibr die »reit über 100 Mil
lionen Mark betragenden Rückstände auszahlt.
Was kür Hemmungen wird es aber erst geben, »vcnn der »Seßhaf-
tigkeitsaufstieg" für die ersten Lehrer an zweiklassigen Schu en
und dre Lehrer an einklasjigen Schulen durckrgeführt werden soll?
Da diese Vorschrift crne »Ka n «"-Vorschrift ist. so steht eS bei der
Behörde, ob und inwieweit sie dieselbe zur Durchführung bring'»
wird. Die eine Regierung wird mehr, die andere weniger berück
sichtign. Wird die Vorschrift nicht allgemein durchgeführt, so tvird
eine beispiellose Erbitterung bei den Benachteiligten p atzgrclscn
mb die Vorwürfe w gen persönlicher oder politischer
Günstlingswirtschaft werden das Vertrauen zur Behörde
untergraben. Wird aix-r auch nur annähernd den Seßhaften an
k!e nen Schulen zu ihrem Rechte verHolsen, dann bleibt für die
Masse der zweiten, dritten usw. Lehrer nicht mehr viel an Auf-
rückungsstellen übrig.
Es wird ja noch etwas dauern, bis nmn auf Grund der Schul-
stat'stik von 1921 genaue Berechnungen anstellen kann Aber immer-
hin liefert die Statistik von 1911 doch einige Anhaltspunkte. Nach
dieser Statistik gab es 1911 Schulen:
l.klassl f
2»Hdfj|oe
I-'lass. «1
2 Lehrkr
st l tags-
Ich len
ins-
gesamt
1. in eer Stadt
2 nnf dem L »nbe
391
13 152
223
3 884
95
4 095
59
65»3
771
27724
13 540
4107
4 190 | 6652
28 495
Für den »Seßhaftigkeitsaufstieg" kommen bekanntlich
von den 28 495 Lehrern diejenigen in Betracht, die mehr als 10
Dienstjahre an iolck-en Schulen haben. (Die 10 Dienstjahre brauchen
picht an ei» und demselben Orte verbracht worden zu friw)
Wenn von diesen 28 495 n»»r ein Drittel nach VIII aufgestuft
wurde (von 61041 Lehrern und Lehrerinnen auf dem Land? yatren,
1911 ein Lebensalter von 30 und mehr Jahren 33872 — 58 Prozent),
so ergäbe das 9498 Stellen für den Seßhafrigkcitsaufstieg. Es wer-
dcn aber sicher »nehr sein.
Nur» »innen 1911 ferner vorl-andcn an Schulen mit 3—5 aufstei
genden K'assen 5904 4- 1923 4- mg — 0009 Die Leiter dieser Schu
len kommen nach VIII und lX. Das Gleick,« gilt für etrva 2000
Hilfslehrer, Lehrer an gehobelten Schulen «. ä.
Es kommen nach dem Stande von 1911 hinzu 4463 Rektoren.
Die Zal>l der Schulen, an de»»en nach den fetzigen Bestimmungen
»nehrere Konrekwrstellen eingerichtet werden müßten, betrug
191t über 1500, so daß insgesamt etwa 6000 Konrektorstcllen in An-
fatz zu bringen sind. (Heute sind es mehr.)
Zählen wir nunmehr aus dem Vorgehenden alles zusam
men, »vaS 1911 Amvartschaft auf VIII und IX gehabt hätte, so er
halten wir
9 498 Lehrende an wenigklassigen Schulen,
9 009 Leiter von Schulen mit aufsteigenden 3—5 Klassen,
2 000 Hilfsschul- u. a. Lehrer,
4 463 Rektoren,
6 000 Konrektoren,
Sa. 30 970 Stellen in VIII und IX. die vorab vergeben find
(ohne die nachgestuften Pensionäre).
Es bleiben dann noch rund 17 000 Stellen für die alteren
zweiten, dritten usw. Lehrer zur Einstufung nach VIII.
In welchem Alter kämen diese Lehrer nach VIII?
Sehen wir uns die Altersgliederung von 1911 an.
Lebensalter
Vir 20| 20*°5125- , 0130-35 135- 0140-45145-50 50-55155- r 0160-651 65—
516 )222o0 [20287 [14023 jl4452 >10285 (12993 8789 j 5517 j 2802 1 999
Der Einfachheit halber setzn» wir den Beginn der Dienstzeit all
gemein auf daö 20. Lebensjahr.
Dann füllt die Altersgrenze für die 17000 normalerweise nach
VIII aufrückenden Lehrer etlva in das 50. Lebensjahr. Ob das
heute gelten würde, erscheint fraglich, da man vermutet, daß das
Durchschnittsalter sich nach oben verschoben hat. Mit einem solch
späten Aufrücken kann sich die Lehrerschaft auf keinen Fall zufrieden
geben.
Daß von etlva 60000 Klassenlehrern ohne besondere Stellung
in Stadt und Land (ohne Diätare) nur 17000 nach frühestens 30
Dienftjahren nach VIII aufrücken sollen, also nicht einmal ein
Drittel, ist für die Lehrerschaft unerträglich. Sie muß deshalb for-
. dern. daß, falls die Bevorzpgung der 10 Ahn an bestimmten Siel-

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