ir. 6
Pädagogische Post
Seckd ur
Woche" brachte er als Schriftleiter mit beschränkten finanziellen
Mitteln zu achtunggebietender Höhe und hielt seine «liebe Päd.
Woche" auch in der schwersten KriegAeit über Wasser. Den Inse
ratenteil wußte er — auch den der Festschriften, des „Schematismus",
besonderer Festnummern — wie der geschickteste Pressemann nutz
bar zu machen. Ein Glanzstück seiner Fähigkeit als „Zeitungs
mensch" erbrachte die Essener „Jubelversammlung", die überhaupt
wohl als Höhepunkt seiner Persön/ichkeitsentfaltung als Verbands
führer angesehen werden kann.
Ein großgedachtes Werk für die Kriegsopfer unter den Ver
bandsgenoffen, die „Ehrenstiftung", hat leider das unglückliche
Kriegsende mitten im Werden zum Torso gemacht. Ganz aus sei
nem Geiste geboren, auf solider Grundlage begonnen, wäre es sicher
unter einem günstigeren Stern zu einem Ehrendenkmal für die
Lehrerhelden, auch zu einem Ehrendenkmal für unsern großen Füh-
rer Kamp, eine „Ehrenstiftung" im besten Sinne des Wortes ge
worden.
Einseitiger Idealismus einer Führerpersönlichkeit bedeutet oft
wirtschaftliche Not für die Familie und ist dann vor der nackten
Lebenöwirklichkeit nicht mehr Idealismus, sondern Pflichtver
letzung. Kamp war infolge seiner glücklichen Veranlagung vor die
ser Schattenseite gesichert. Man muß einmal mit ihm in einer
Vcrsmnmlungsstadt über den Jahrmarkt „gependelt" sein, wie ich
das Vergnügen hatte, und seine genaue Kenntnis der Waren, der
Angemessenheit der Preise, die rasche Vergleichung mit den heimat
lichen Marktverhältnissen zu beobachten, seine treffenden Bemerkun
gen über Vernunft oder Unvernunft der Käufer zu hören Geleg m-
heit gehabt haben, um ihn sofort als praktischen Hausvater, als
klugen Käufer und sparsamen Mann, alles das infolge seines auf
Lebenswirklichkeit und Lebensnotwendigkeit gerichteten Sinnes,
schätzen zu lernen. Diese praktische Begabung leistete ihm besondere
Dienste beim Erbauen seines Eigenheimes. Mit allen Erforder
nissen eines guten Bauplanes und der Bauleitung, die er selbst in
der Hand hatte, war er ve.rtraut; die Bauhandtverker und Arbeiter
hatten es bald erfaßt, daß hier ein Kundiger als Bauherr leitete.
„Ich habe eigentlich meinen Beruf verfehlt," sagte er nach Vollen
dung des ersten Hauses mit schalkhaftem Lächeln zu mir; „ich hätte
Architekt werden müssen; davon verstehe ich etwas und lasse mir kein
X für ein U machen." Mehrfach hat er diese selbst erkannte Be
gabung bewiesen und dann als kluger Hausverwalter das Srinr zu
erhalten und zu mehren gewußt. Ueberhaupt muß ihm nachgerühmt
werden, daß er als sorgendes Familienliaupt mit bestem Erfolge die
Existenzsorgen von seinen Hinterbliebenen ferngehalten hat und
mich in dieser Hinsicht als musterhafter Mann in unserer Erinne
rung weiterlebt. Warum ich das ausführe? Zum ersten: Alan
kann ein Wohltäter seiner Mitwelt sein und dabei doch seine nächsten
und natürlichen Pflichten gegen die Seinen treu erfüllen, wenn man
so unermüdlich tätig und so klug und sparsam ist, wie unser lieber
Kamp es iiHu. Zum zweiten: Es ist ein Gottesgeschenk wenn ein
Lehrer neben seinem hohen Idealismus, ohne den er kein rechter
Jugenderzieher sein kann, auch ein gut Teil Realismus mitbekom
men hat, der ihn die Lebensnotlvendigkeiten recht erkennen und
suchen läßt. Und zum dritten: Unbedingt notwendig ist es für
christliche Lehrer, daß sie auch geschäftlichen Erfolgen ihrer Führer
gegenüber den Neid bannen, die glückliche Veranlagung und erfolg
reiche Arbeit einer Vollpersönlichkeit achten und als Ursache des
Wohlstandes anerkennen.
Wir wollen das Andenken unsers Kamp auch nach dieser Seite
hin schattknfrei gewahrt wissen.
Das Bild würde unvollständig sein, wenn nicht wenigst:ns mit
einigen Strichen auf Kamps Verhältnis zu seiner Umwelt hinge-
wiesen würde. Mitten im Volke stand er. Mit seinen Nachbarn
und Mitbürgern unterhielt er gute Beziehungen; der Bürgerverein
seines Stadtteils war für ihn nicht bloß Stätte der Erholung, son
dern auch Ort der Beratung zum Wohle der Gemeinde und ihrer
Insassen. Seiner politischen Partei widmete er volle Hingabe und
die Ehrenämter, die sie ihm übertrug, versah er mit vorbildlicher
Treue. Die Stadtverordneten schätzten seine auf genauer Kmntnis
der städtischen Verhältnisse und des Volkslebens beruhende sach
kundige Mitarbeit; sie vermißten ihn in den Tagen seiner Krank
heit schwer. Stolz war er auf sein Westfalenland; seine Wahl in
den Provinziallandtag bereitete ihm als Gelegenheit, der gelitten
Heimatprovinz zu dienen, große Freude. Und daß er, ein wahrer
Volksmann, als Mitglied der Landcsversamnilung und preußischer
Abgeordneter seine gesamte praktische Lebenskunde fleißig und
opferwillig zum Wohle des Staates ausmünzte, steht noch in aller
Erinnertlng. Als Mann des praktischen Lebens wirkte er endlich in
seiner Kirchengemeinde. „Lehrer und Geistlicher gehören zusam
men," pflegte er oft zu sagen. In reger Zusmnmcnarbeit mit Geist
lichen und Kirchenvorstand konnte er hier seine praktischen Talente
zum Besten der Pfarrgemeinde verwerten. In der St.. Josephs-
gemeinde in Bochum wird sein Andenken in Segen stehen. Dort
war cs auch, wo der hochw. Bischof von Paderborn unsern Kamp
als Mitarbeiter schätzen lernte.
Wie reich war doch das Leben dieses herrlichen Mannes! Reich
an Arbeitsgebieten und reich an Erfolg! Weil er ein Mann des
praktischen Leberts war, Rheinländer.
Kaspar Kamp ist tod!
Der 7. Januar 1922. Um 7,45 vormittags Telephongeklingel.
Was mag das sein zu solch ungewöhnlicher Zeit? „Hier Päda
gogische Post!" „Hier Geschäftsstelle des Katholischen Lehrervcr,
bandes. Soeben höre ich, daß Kamp gestorben ist." Unser Ge
schäftsführer Weber ist es, der mir die erste Mitteilung vom Tode
unseres Ehrenvorsitzenden macht. Und ich gebe ihm zur Antwort
dieses merkwürdige Zusammentreffen: Am.6. Januar, also am
Vortage, kam ich des Abends kurz vor 10 Uhr zur Druckerei unserer
P. P., um Abzüge von abgesetzten Artikeln zu holen. Da sagte mir
einer der Setzer: „Wiffen Sie schon, wer gestorben ist? Vorhin
brachte man die Anzeige, hier ist ein Abzug." „Doch nicht Herr
Kamp?" war meine Erwiderung. „Der nicht, aber Pater Krause."
Wir sprechen noch dies und das, und zehn Stunden später kommt
die Nachricht, daß unser Kamp den Weg gegangen ist, den auch wir
alle einmal gehen müssen. Und dann lasse ich mir das Fernamt
geben und rufe Hamm 869 an, um dem Vorsitzenden unseres Pro
vinzialverbandes Nachricht vom Hinscheiden unseres Ehrenvor
sitzenden zu geben. Der Schriftführer unseres Verbandes teilt den
128 Ortsvereinen die Trauerbinde mit, und schon bald ist in weitesten
Verbandskreisen die Kunde verbreitet: Kaspar Kamp ist tot!
Ich eile zur Schule und treffe auf dem Wege meinen Freund
Julius, Kamps langjährigen Mitarbeiter an der Klosterschule.
„Hast du schon gehört, daß Kamp gestorben ist?" „Wer? Kaspar?
Das ist ja ausgeschlossen," gibt er zur Antwort, ein Beweis, wie
unerwartet ihm das frühe Ende gekommen ist. Und auch alle an
deren können es kaum fassen, daß Kamp, dieser Hüne von Gestalt,
nun aus der Reihe der Lebenden ausgeschieden ist.
Vor etlichen Wochen traf ich ihn in der Stadt und ging mit
ihm seiner Wohnung zu. Wie es seine Gewohnheit war, blieb er
dann auf der Straße stehen, und wir unterhielten uns längere Zeit
über alle möglichen Verbandsangelegenheiten, auch über die „Päda
gogische Post". Da sagte er denn auch: „Ich bin fertig, mit mir
geht es zu Ende. Ich kann nur jedem raten, sich nicht so aufzu
reiben und sich nicht so aufzuarbeiten, wie ich es getan. Bis vor ein
paar Jahren noch konnte ich Tag und Nacht arbeiten und wußte
nichts davon. Jetzt ist es aber damit vorbei." Ich suchte ihn natür
lich auf andere Gedanken zu bringen und meinte: „Ein Mann wie
Sie, so groß und stark und kräftig, ein Mann der Bäume ausreißen
kann, der kann noch Jahrzehnte hindurch schaffen und wirken." Doch
e r hat Recht behalten.
Und so fanden sich denn am Morgen des 11. Januar in Bochum
Hunderte und Aberhunderte ein, die Kaspar Kamp die letzte Ehre
erweisen wollten. Mit zwei lieben Freunden aus Münster schreite
ich dem Trauerhause zu, in dessen Umgebung sich schon ein starkes
Trauergefolge in kleineren und größeren Gruppen zusammenge
funden hat. Mit kurzem Wort begrüßen wir unseren Verbands
vorsitzenden Rheinländer, dann unseren Gottwald aus Berlin,
Freund Weidekamp aus Hamm, der in der Bochumer Jubeltagung
erneute Beweise seiner glänzenden Führereigenschaften erbrachte,
gar manchen lieben Kollegen, mit dem wir noch vor zwei Wochen zu
sammen beraten hatten, und noch einzelne, mit denen wir nach
Schluß der eigentlichen Bochumer Veranstaltung in Meinungsver
schiedenheiten gekommen waren. Da sind weiter die Vertreter un
seres rheinischen Bruderverbandes, der uns seit Jahresbeginn so
nahe steht wie nie zuvor; da ist als Vertreter der Negierung zu
Münster Oberregierungsrat Dr. Körnig. Die Zentrumsfraktion ist
durch zehn Abgeordnete vertreten: Altegoer, Baumhoff, Gottwald,
Gronowski, Köthenbürger, Metzinger, Rheinländer, Sprenger,
Stieler und Wildermann.
Oberbürgermeister Grafs, Bürgermeister Dr. Falk, verschiedene
Stadträte und eine ganze Anzahl von Stadtverordneten laffen durch
ihre Anwesenheit erkennen, daß in Kamp kein beliebiger Bürger
und kein beliebiger Stadtverordneter dahingegangen ist.
Auffallend schwach ist die Beteiligung durch unsere Kolleginnen,
die sonst bei Beerdigungen von Kollegen immer recht zahlreich zur
Stelle sind. Auf irgend eine unkontrollierbare Weise ist ein Gerücht
durch alle Schulen gegangen, daß an Beerdigungen von Lehrern
keine Damen mehr teilnehmen sollten. Daß diesem albernen Ge
rede zum Trotz eine Anzahl Kolleginnen dem Verstorbenen, der
einen: Teil von ihnen im Fortbildungskursus ein freundlicher Füh
rer war, das letzte Geleite gaben, sei ihnen besonders hoch an
gerechnet
Da geht ein Ruck durch die Anwesenden: Aus dem Trauer
hause tragen sechs Klassenmitschüler Kamps den schweren Eichen-
sarg zum offenen Leichenwagen. Ergreifend ertönt das „Miserere"
des von Lennig geleiteten Lehrerchores. Und dann setzt sich ein
Trauerzug in Bewegung, wie ihn Bochum noch nicht oft gesehen.
Voran Schulklassen der Klosterschule, an der Kamp ein Menschen
alter gewirkt hat, dann der katholische Lehrerverein für Bochum
und Umgegend, der leider nicht geschloffen teilnehmen kann, weil
auch die Beerdigung eines Verbandsvorsitzenden den Unterrichts
betrieb nicht für einen Vormittag lahmlegen darf. Hinter dem
Sarge folgt die unübersehbare Schar der Leidtragenden. Im lan
gen Zuge prächtige Kränze! Der Gesarntverband, der westfälische

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