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PävasoMchr Post.
Nr. 25
Schulpolitisches.
Ruhrhilfe und Schule.
Das deutsche Volk ist sich fceamrirt, daß heute an Ruhr und Rhein
chos Schicksal des deutschen Staates, vielleicht auch das des deutschen
Volkes entschieden wird. Deshalb rost sich überall der lebhafte
Wunsch, den bedrohten Brüdern zu Helfen, ihre Kraft durch Anteil
nahme Lu stärken. Neben dem Strom der Ruhrslüchtlinge beginnt
ein »weiter stärkerer Strom sich über das unbesetzte Gebiet zu er»
setzen, der der Kinder. Es gilt dabei grobe Schwierigkeiten zu über-
lwinden. Gins besteht darin, daß das besetzte Gebiet so überwiegend
katholisch ist, daß daneben von dem preußischen Katholizismus nicht
allzuviel übrig bleibt. Bei der hohen Wertschätzung^ die man der
religiösen Erziehung in dem besetzten Gebiet beilegt, ist die Unter-
jbringung katholischer Kinder in rein evangelischen Gegenden nicht ohne
Bedenken. Die günstige Einwirkung, die man von der Versorgung der
Rinder erwartet, könnte durch Gerüchte gestört werden, daß entweder
die Kinder mit Absicht evangelischen Einflüssen ausgesetzt würden, oder
daß es den Katholiken des unbesetzten Gebietes an Opferwille fehle.
.Deshalb gilt es, in möglichst weitem Ausmaße katholische Pflegestellen
gur Verfügung zu stellen. Sicher ist in Schlesien das Hindernis. das
sich aus der langen Besetzung Oberschlefiens und aus der Rücksichtnahme
sauf das Abtretunssgebiet ergibt, sehr groß. Schlesien brauchte eigent
lich alle seine Kraft für sich selbst: es hatt« Hilfe dringend nötig. Aber
rs wird sich in diesem Jahve darauf einrichten müssen, alle diese Ee-
^chtspunkte zurückzustellen und sich mit aller Kraft der Rhein- und
luhrkinder anzunehmen. In noch höherem Maße besteht diese Pflicht
tr die anderen katholischen Gebiete, besonders für den katholischen
ül Süddeutschlands. Cs kommt nicht bloß darauf an, unterernährten
E ern zu helfen, noch mehr ist daran gelegen, ihren Eltern und
hörigen das Bewußtsein zu verschaffen, daß wirklich das ganze
schland ihre Last mittragen will. Die Kinder müssen zur Festigung
des Bandes beitragen, das all« Deutschen umschließen, baß das deutsche
Volk zu einer Einheit zusammenschweißen soll. Wer sich in dieser
Einsicht betätigt, leistet wertvollere Ruhrhilfe, als wenn er für die
Muhrsvende recht tief in seine Tasche griffe. Das Geldopfer wird durch
die persönlichen Beziehungen ergänzt; diese Übertreffen es an Wert
siei weitem.
Sind die Kinder eingetroffen, so gilt es, ihnen zu bieten, was sie
utschen Bol W üpü
lehnen wir durchaus ab. Dabei ist di« unmittelbare Einwirkung von
geringerer Bedeutung. Es wird fick auch in wenigen Wochen in dieser
Hinsicht wenig tun lassen. Wer Over Ruhrkinder in seiner Schule zu
jerwarten hat oder sie als Gäste bereits aufnahm, möge feinen Unter-
Pichtsplan auf diese Tatsache einstellen. Es ist sicher anzunehmen, daß
steine Schulaufsicht Verschiebungen des Stoffplans aus dieser Veran
lassung mißbilligen wird.
In der Erdkunde bieten di« Betrachtung Deutschlands, Frankreichs,
ß nglands, des französischen Kolonialreiches, des Orients, Indiens, der
eveinigten Staaten Gelegenheit, das heutige Staatensystem, vor
'allem die geographischen und natürlichen Beziehungen Deutschlands
-u den wichtigsten Staaten der Erde zu erörtern. Die Geschichte bietet
fast allen ihren Teilen Gelegenheit zur Betrachtung des deutsch-
stranzösischen Gegensatzes. Es- darf an der furchtbaren Tatsache nicht
vorbeigegangen werden, daß feit 460 Jahren Deutschland und Frank-
xeich jedes halbe Jahrhundert einen Krieg auf Leben und Tod führten.
Man wird dann etwas Verständnis für das Bestreben der Franzosen
ftufbringen, die gegenwärtige unvergleichlich günstige Lage zu einer
dauernden Ausschaltung des gefürchteten Gegners auszuiMen. Die
Verschiebungen der deutschen Westgrenze, die jeder Lehrer mittelst
Wims Geschichtsatlasses veranschaulichen kann, die Verwüstung der
Pfalz, die im Heidelberger Schloß am augenfälligsten in Erscheinung
tt, beantworten für jeden Deutschen die Frage nach dem Urheber
rfer Feindschaft. Die Tatsache selbst läßt sich pazifistisch oder mehr
«gevisch ausnützen, indem man entweder den Schluß zieht, daß den
verderblichen Streitigkeiten endlich ein Ziel gesetzt werden müsse, selbst
wenn dies Opfer koste, oder sich klar macht, daß unsere Väter nicht
E —ihmslos kurzsichtige Kriogsfanatiker waren; da ihr Friedens-
immer wieder scheiterte, wird die Macht zur Unterstützung des
sts nicht zu entbehren -sein. Der Unterschied der beiden Anf
ingen ist kleiner, als es den Anschein hat.
ffiir die unmittelbare Einrichtung kommen ferner das Vaterlands-
Aed und die vaterländische Dichtung in Betracht, die im besetzten
gebiet nicht unangefochten bleiben. Weiter wird man die eine oder
andere deutsche Einrichtung den Kindem zu zeigen suchen, die sie in
obrer Heimat nicht kennen lernen. So ist bedauert worden, daß die
Kinder den Begriff Soldat nur in der Form des Franzosen oder
Belgiers erleben.
Weit wichtiger aber ist die mittelbare Einwirkung, die sich zu
nächst in der Pflege deutscher Gesinnung, deutscher Dichtung (nicht
vloß der vaterländischen), deutschen Volkstums auswirkt. Darüber
stft wenig zu sagen, denn das gehört sum eisernen Bestand aller deut
schen Schulen. Aber man lasse es stärker hervortreten, indem man
sein Schul- oder Volksfest mit starkem aber nicht aufdringlichem
-Charakter veranstaltet, vor allem aber die Schulwanderungen für
diesen Zweck verwertet. Den Kindern des Jndustriebezirks dürften
die Mittelgebirge, Wanderungen durch nahrunssschwere Erntefelder,
blühende Wiesen, über sonndurchglühte Heiden Erlebnisie fürs Leben
lerden, auch dem Rheinkind wird der Unterschied von der Heimat
ken Eindruck machen: der Lehrer muß es nur verstehen. Mpimungcn
hervorzurufen. Sage, Märchen, Dichtung, Lied, aber auch Spiel,
Volkstanz und dramatische Versuche find Hilfsmittel. Der Geist ist
es. der Leben erzeugen muß.
An erster Stelle aber steht di« Weckung und Stärkung sittliche»
Werte, ohne di« kein Volk sich auf die Dauer zu behauvten vermag.
Sie muß überall erfolgen, auch da, wo keine Eastkinder zu betreuen
sind, damit der schwer« Kampf um die Verteidigung unseres Staates
und Volkes, der im Westen ausgefochten wird, das gesamte deutsch»
Volk in einer Front findet. Es ist der große Gedanke des Opfers,
von dem die Gegenwart so wenig wissen will, dann aber auch di«
Pflege jener Tugenden, die man in erster Linie als männliche be
zeichnet. Wir leben im Jahrhundert des Kindes in der großen Zelt,
die endlich für das weiblich« Geschlecht Gerechtigkeit anbahnte. Da
ist es kein Wunder, daß Männer ein seltener Artikel wurden, männ
liche Eigenschaften auck mit der Laterne kaum ru finden sind. Das
Modewort „untragbar^ läßt in dieser Beziehung tief blicken. Man
sollte meinen, daß man einem Manne eine tüchtige Last aufpacken
kann, ohne daß er zusammenbricht oder wie ein altes Weib jammert.
Revolutionen werden ja meist durch die Machthaber hervorgerufen;
die der Familie, di« den Mann entthronte, ist wahrscheinlich auch durch
den natürlichen Verlauf der Dinge veranlaßt.
An dev Ruhr scheint sich ein Umschwung anzubahnen. Das deutsche
Volk, das als knechtselig verschrien war und im allgemeinen nur dann
in Bewegung kain, wenn die hohe Obrigkeit dies anordnete, hat sein
Geschick selbst in die Hand genommen, die allgemeine Sache ist die de«
einzelnen, man handelt selbständig, trotz aller Gewalt und fühlt sich
als Glied einer großen Gemeinschaft.
Das Symbol des Mannes ist dt« Eiche: stark, stolz, hart, unbeus-.
sam. Geborgen ist. wer sich in seinen Schutz begab: Weib. Kind, Hei
materde, Vaterland. Lieber tot. als Sklaven sein oder untreu wer
den. Wir haben in dieser Hinsicht viel zu bessern; niemand wird um
Beispiele verlegen sein. In unserer Jugend müssen uns wieder
Männer heranwachsen; es darf nicht bloß im Märchen vorkommen, daß
jemand das Gruseln erst mühsam erlernen muß. Auch unsern Mädchen
kann ein Einschlag männlicher Eigenschaften nicht schädlich sein. io
hoch die mehr vassiven. eigentlich weiblichen Tugenden auch zu schätzen
sind. Man kann zweifelhaft sein, ob nicht der männliche Einfluß be»
der Mädchenerziehung schon zu weit ausgeschaltet ward.
Freilich muß sich jeder Erzieher auch der Gefahren bewußt sein,
die aus der Förderung des Selbstbewußtseins erwachsen. Gar leicht
kann die Eigenbrötelei gezüchtet, dem Erbfehler der Deutschen, der
Uneinigkeit, Vorschub geleistet werden. Deshalb ist zunächst auf eine
gewisse Großzügigkeit hinzuwirken. Es kennzeichnet unser weibisches
Zeitalter, daß ödes Gezänk den Hauptinhalt unserer Männerversamm-
lungen bildet. Dann aber muß mit dem Selbstbewußtsein auch das
Verantwortlichkeitsgefühl und der Abhängigkeitsgedanke wachsen.
„Was ich bin und was ich habe, dank ich dir, mein Vaterland!" muß
Ausdruck innerster Ueberzeugung werden. Vor allem aber müssen wir
uns bewußt bleiben, daß der Mann eigentlich nur als Christ denkbar
ist. Religiöse Zeiten rrgren stets mit einer Hochflut von Mannestaten
erfüllt: aus der Verbundenheit mit Gott erwuchs dem Manne die
Kraft zu dem schwersten Opfer für den einzelnen Menschen, zu dem
des Lebens, die Unterwerfung unter Gott hinderte ihn an dem Miß
brauch seiner Stärke.
Ruhrhilfe bedeutet mehr als Geldspende; sie bedeutet eigentlich,
daß wir mit der inneren Erneuerung ernst machen, die wir alle schon
seit langem als notwendig erkennen- Mögen wir uns von dem Gedanken
befreien, der andere müsse beginnen, und wir seien nur zur Nachfolge
verpflichtet.
Die politische Bedeutung der pädagogischen
Reformbestrebungen.
Spranger geht in dem Heft: Fünfundzwanzig Jahve deutscher Er-
ziehungspolitik mehrfach auf die politische Bedeutung der pädagogischen
Theorie ein. .Aie Volksschulpädagogik besaß in dem Herbartschen
System eine feste Lehre, die auch den weniger Begabten die sichere
Herrschaft über die Unterrichtsmethoden ermöglichte. Ihren Sieg übe»
die Peftalozzische Richtung hatte sie wohl auch einem politischen Faktor
zu verdanken: nämlich ihrer Theorie von der gesinnungsbildenden
Kraft des Unterrichts, die in den Zusammenhang der -weiten Reaktion
hineinpaßte, ohne doch ihre bildungsfeindlichen Züge ru tragen- Wie,
Herbart selbst unpolitischer war als Pestalozzi und in vielen Dingen
aus dem Boden des allen Ständestaates verharrte, so war auch seine
Lehre politisch unverdächtig bis zu dem Grade, daß sie in katholischen
Ländern besondere Autorität und Verbreitung erlangte."
Das Wirken Pestalozzis ist ohne die frans fische Revolution nicht
zu denken.. Dies« brachte die Befreiung des Menschen aus überkam-,
menen Abhängigkeiten- Aber die Not des Volkes belehrte den Wai-
senvater von Stanz, daß die -meisten Menschen mit der neu gewonnenen
Freiheit nichts anzufangen wußten. So wollte er die Menschen zu
einem selbständigen Urteile, zu selbständigem Handeln, zu freier Auss.
nützung der für sie gegebenen Wirkungsmöglichkeiten anleiten- Her<
barts Ziel ist, durch die Bildung eines geschlossenen Gedankenkreises
das Tun der Menschen gesetzmäßig zu bestimmen.
Der von Spranger behauptete Gegensatz zwischen den beiden
Pädagogen kehrt in einer Reibe von Schlagworten wieder die diesenJ
Gegensatz veranschaulichen, wenn st« ihn auch nicht erschöpfen oder
auch nur zutreffend abgrenzen. Cs sei folgende Reihe angeführt:
. Methodisch: Arbeitsschule — Lernschule;
pädagogisch: Pädagogik vom Kinde aus — Wertpädagogik;
philosophisch: Autonomie — Heteronomie des Willens und der
Sittlichkeit;
religiös: Diesseits- — Jenfeiislehre;
«olitilL: AzMMh': ■ .

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