Nr 30
PS-agogAche Post.
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fcetften Kinder nach den vom Statistischen Landesamt getroffenen
Feststellungen Ostern 1923 gleich 471300, Ostern 1924 gleich 416 700,
1925 gleich 425 100, 1916 gleich 674 600. 1927 gleich 758 100 1928 gleich
746 400, 1929 gleich 656 100. Die Schülerzahl wird in den nächsten
Jahren also ganz erheblich sinken und voraussichtlich 1930 den tiefsten
Stand erreichen. Die Gesamtzahl der Schulkinder ist von Ostern 1923
bis Ostern 1929 in folgenden Zahlen festgestellt worden: 1923 gleich
6 036 500. 1924 gleich 5 560 000, 1925 gleich 5 148 900, 1926 gleich
4 979 200, 1927 gleich 4 907 900, 1928 gleich 4 829 100, 1929 gleich
'4 658 800. Es werden in diesen Jahren rund 1*6 Millionen Schul*
linder weniger die Schule besuchen- Das find ra. 25 Prozent- Die
Schülerzahl wird sich also bis 1930 auf etwa % des heutigen Besinn,
de» verringern.
Was werden di« Folgen dieser Verminderung für die Schuloer.
bände und die Lehrer sein?
1. Di« Schuloerbünde, „die sich die Fürderung ihres Schulwesens
haben angelegen fein lassen", bekommen, sobald die Durchschnitts-
fchülersahl unter 40 finkt, nur für soviel Stellen den Staatsbeitrag,
als auf je 40 Kinder entfallen. Wenn auch der 8 13 des Gesetzes
vom 13. 4. 1922 den am 15. 9. 1920 bestehenden Zustand im Laufe der
Zeit wiederherstellt, so werden sie doch in gewissem Sinne für ihre
frühere Bildungsfreudigkeitt finanziell schwer geschädigt, während an
dere, die ihr Schulwesen in möglichster Rückständigkeit erhielten, jetzt
den „lachenden Dritten" spielen.
2- Aus Anlasi dieser Schädigung wird seitens der Schulverbände
der Versuch gemacht werden, e«ine grobe Anzahl von Schulstellen ein
zuziehen, wie es bereits in Breslau. Düsseldorf usw. geschehen ist.
Das Staatsministerium weist die Gemeinden tatsächlich darauf hin,
denn der Vertreter derselben erklärte bei der Beratung des 8 48 im
23. Ausschuß: „Wenn man 60 Schulkinder für di« Lehrerstelle zugrunde
lege. wären eigentlich für 20 000 Lehrerstellen kein« Staatsbeiträge
mehr zu leisten, für diese Lehrerstellon mühten die Schulverbänd«
aufkommen, bis Versetzungen oder sonstige Erledigungen stattfänden."
Dah die Schulverbände mit Freuden diesen Fingerzeig aufgreifen,
ist selbstverständlich. Die Tagung der Schulvereinigung der deutschen
Städte in Erfurt vom 19.—21. 5. 1921 hat das ausdrücklich anerkannt.
Und die rheinisch-westfälische Schulvereinignng setzt bei ihren Spar-
mahnahmen, die sie den Gemeinden vorschlägt, und die diese durchzu
führen willens find, gerade hier den Hebel an. Wir werden also mit
her Einziehung von Schulstetten in erheblichem Mähe i« den nächsten
Jahren als mit einer feststehenden Tatsache zu rechnen haben, wenn
nicht die Lehrerorgawisatzjoncn und die amtlichen Lehrervertretungen
in Verbindung mit der Schulaufsichtsbehörde den reaktionären Be
strebungen der Schulverbärche einen gewaltigen Dxmm entgegensetzen.
Daher hat sich auch die neue Lchrerkammer für den Bezirk Arnsberg
in ihrer ersten Tagung eingehend mit dieser Frage beschäftigt und
nachstehenden Antrag durch die Negierung an den Minister gerichtet.
l. Die Beztrkslehrerkammer Nr den Regierungsbezirk Arnsberg
bittet den Herrn Minister, Anträgen von Gemeinden auf Aufhebung
von Schulstellen in den Fällen, in denen di« Durchschnittsschülerzahl
unter 40 sinkt, nicht stattgeben zu wollen, sondern folgendes anzu-
»rdnen:
1. Die für die Aufhebung beantragte Zahl der Stellen bat als
unbesetzt zu gelten. Beiträge sind für diese Stellen an die
Landesschul'kasse während der Richtbefetzung nicht zu entrichten.
2- Diese unbesetzten Stellen sind nach und nach wieder ordnungs»
mähig zu besetzen, sobald die Durchschnittsschülerzahl 40 erreicht.
Bon dem Zeitpunkte der Wiederbesetzung sind die gesetzlichen
Beiträge an die Landesschulkasse abzuführen.
Sollten diese Anordnungen auf dem Verwaltungswege un
zulässig sein, dah sie gegebenenfalls nicht mit den gesetzlichen
Bestimmungen in Einklang gebracht werden können, so wolle
der Herr Minister dem Landtage eine Novelle rum V. D. G.
vorlegen, die dem 8 48 Abs. 4 folgende Fassung gibt:
Tritt in den Schulve-rbänden eine solche Verminderung der
Schulkinderzabl ein. dah auf eine Schulstelle weniger als 40
Schulkinder im Durchschnitt entfallen, so wird trotzdem Nr die
nächsten 10 Jahre bei Berechnung des Staatsbeitrages das
Einkommen von soviel Stellen berücksichtigt, wie am 15. Sept.
1920 verbanden waren.
H. Da^ ferner z. Zj. Anträge in größerer Zahl auf Aufhebung
von Schulstellen aus Gemeinden eingehen, deren Durchchnittsichüler-
zabl 40 und mehr beträgt, so bittet die V. L. K.. der Herr Minister
möge die unterstellten Regierungen mit Anweisung dahingehend ver
sehen: Anträge auf Aufhebung von Schulstellen in solchen Gemeinden
find durch die Regierung unmittelbar und ohne Angabe von Gründen,
als im Widerspruch mit den gesetzlichen Bestimmungen stehend, ab
zulehnen."
Auch der Landtag bat die grohe Gefahr, die unserem Schulwesen
und damit unserem Volke droht, erkannt und stimmte folgender Ent
schließung des 23. Ausschusies zu: „Die Staatsregierung wird ersucht.
Vorkehrungen zu treffen, und unter Umständen der Landesoersamm-
lung gesetzliche Mabna-Hmen vorzuschlagen, um die großen Schwierig
leiten zu mildern, die sich aus dem für die Jahre 1921 bis 1933 zu
erwartenden gewaltigen Rückgang der Schulkinderzahl ergeben werden
wrd -war einerseits Nr die Gemeinden, die Nr zahlreiche Schulstellen
Eeinon Beitrag mehr aus der Landesjchulkaffe erhalten, und anderer
es Nr die Schulanwärter, deren Aussichten auf Anstellung Nr diese
-oahve sich ganz auherordentlich vermindern."
. .^lle Entschließungen üben aber auf die Gemeinden nicht den ge«
Eiufluh bei den Sparmaßnahmen aus, daher wäre e» für die
von großem Segen, wenn durch di« Novelle »um B> D. G.
fofcftsh "^beilvolle Berechnungsmodus der Staatsbeiträge «ach 8 48
Kr; «»möglich beseitigt oder der 8 43 Ziffer 4 völlig gestrichen
™ dak der Stnatsbeitea« auch bet Verminderung der SMler-
zabl stet- Nr soviel Stellen gezahlt wird. al» er nach dem Stande
vom 15. 9. 1920 geleistet werden muh. Würden sich trotzdem die Schul-
verbände weigern und auf dem Standpunkt der Aufhebung der Schul»
stellen beharren, weil fi« ja trotz der Staatsbeiträge Nr jede Stell«
grohe Summen an die Landesschulkasie zahlen müssen, so sollte de,
Staat einfach die gesamten persönlichen Schullasten übernehmen. Prak>
tisch wäre dieser Weg, denn die Gemeinden müssen ja so wie so di«
Mittel, die sie an die Londesschulkasse abzuliefern haben, vielfach erst
vom Staate als Anteil der Einkommensteuer zugewiesen erhalten.
Zahlt der Staat selbst die Beiträge Nr die persönlichen Lasten an die
Landesschulkasse, hätte er weniger an die Gemeinden abzuNbren,
könnte mit größerer Berechtigung den Einfluh der Gemeinden auf di«
Schule zu seinen Gunsten beschneiden, würde Beamte sparen Nr di«
gewaltigen Verrechnungen und Ueberweisungen und würde der Volks-
schullehrerschaft dadurch einen uirgeheuren Dienst erweisen, indem dies«
ihre Bezüge regelmäbig erhielte und nicht vom Wohl- oder Uebel»
wollen des Rechners des Schulverbandes abhängig wäre- Gewib ist
die Landesschulkaffe ein schlechter Zahler und zögert stets. Geld Nr
Nachzahlungen, Gehaltszahlungen pp. aus sich heraus zu überweisen-
Sie wartet stets auf die Aufforderung, aber sie ist nicht so saumselig,
wie manche Kreiskaffen, die oftmals durchaus keine Eile zeigen, den
Lehrern die ihnen zustehenden Gelder zu verabfolgen.
HI. Durch die Einziehung her Schulstetten laun in den nächste»
Jahren kaum «»in einziger Junglehrer auf Anstellung rechnen, rnmal
noch eine gröbere Zahl Flüchüingslehrer aus den ausgetretenen G«»
bieten unterzubringen sind. Unser Nachwuchs ist also in auberordent»
lich schwieriger Lage. Er wird vielleicht der Schule völlig entfremdet,
wenn er erst jahrelang auf Anstellung warten muh. Daran ändert
auch nichts eine eventuelle Teilnahme an den Arbeitsgemeinschaften
oder ein wenig Hospitieren in der Schule. Der junge Lehrer findet
in anderen Berufen schwer ein Unterkommen, da alle Berufe über«
Nllt sind. Erhält er aber eine paffende Stelle, wird dafür ein an
derer vertrieben. Kommt Arbeitslosigkit. fällt er der Erwerbslosen«
Nrsorge anheim. Wahrlich, Nr unsere jungen Kollegen kein erfreu
liches Zukunftsbild! Wir muffen uns ihrer ganz besonders anneh
men, nicht dadurch, wie es so häufig vorgeschlagen wird, dah wir sie
in anderen Berufen unterbringen, sondern dadurch, dab wir Sorge
tragen, dah sie den Beruf ausüben können, den sie als Lebensberuf
wählten, daß wir sie in Schulstellen bringen- Und da muh ich fest
stellen, dah sich sowohl der D. L. V. wie der Pr. L. v- nnd der Katb.
L. B. bei den mahgebenden Instanzen mit aller Energie für ein«
Besserung der Berhältniff« eingesetzt baden, damit die Staatsregierung
endlich Mittel und Wege sucht, wie der Not der Junglehrer zu steuern
ist. Leider bedeuten die bislang bekannt gewordenen Mabnahmen
nur eineu Tropfen auf den Heiden Stein. Doch hat der Minister an.
geordnet (Miu^Erl. vom 2. 1. 1923 U in E 5017), dab kein Schulver»
band ohne schulauffichtliche Genehmigung befugt ist. ordnungsmäßig
eingerichtete Schulstelle-n einzuziehen. Im Bezirk Arnsberg dürfen
wir diese Zuversicht haben, dab, wie aus den Erklärungen der Regie-
rungsvertreter hervorgeht, nur in äußersten Notfällen die Einziehung
einer Schulstelle genehmigt wird
IV. Aller Voraussicht nach wird nach 1930 die Schülerzahl bedeutend
zunehme«. Es werden also die z. Zt. schwachen Klassenstärken allmählich
wieder von selbst verschwinden. Während bislang aber gem. § 48 Abs. 1
V. D. G. die Schulverbände für alle am 15. 9. 1920 bestehenden Schul-
stellen den Staatsbeitrag bei einer DurchschnittSschü-lerzcchl von 40 er
hielten. wird jetzt bei jeder Einrichtung einer Stelle die volle Zahl von
60 Kindern gefordert lß 43 Abs. 5 B. D. <&), solang«, bis die günstigen
Verhältniffe vom 15. 9. 1920 gern. 8 13 Des. vom 18. 4. 1922 wieder er»
reichi sind. Für manche Schulverbänd«. au« denen die Industrie ab»
gewandert ist. wird dieser günstige Zustand fast niemals erreicht, wenn
nichr völlig unmöglch werden. Steigt aber die Schülerzahl, woher wer
den die Lehrer genommen, die man in diesen Jahre« in andere« Be.
rufen beschäftigt h»i? Werden sie, die jcchrelang dem eigentlichen
Lebensberufe entfremdet waren, nun noch eine Lehrerstelle annehmen,
namentlich dann, wenn sie in ihrer jetzigen Stellung festeingewurzelt
und bester befolde-t sind als die Lehrer? Werden ste noch in der Lage
feiir, alle die modernen Unterrichtsbeftrebungen in der Schul« durchzu
führen? Die Staatsrcgierung muß einsehen, daß es nicht im Interesse
der Schule und damit der Volksbildung liegt, wenn sie nicht mit allen
Kräften danach strebt, die inngen Lehrer unbedingt bet der Schule zu
erhalte». Mag Preußen sich in dieser Beziehung ein Vorbild an Bayern
nehmen.
V. Gemäß Artikel 148 Abs. 3 soll der Arbeitsunterricht in allen
Schulen zur Durchführung gelangen. Glaubt aber jemand, der neu
zeitliche Unterrichtsbeirieb könne, loenn er verständnisvolle» Entwickeln
der jedem Kinde eigenen Fähigkeiten und Anlagen pflegen soll. Klaffen
von 60 Schülern gebr-nichen? Der Unterricht ist doch hente nicht mehr
Dressur und Maffendrill, der sich mit angelernten Stoffen und belang
lose, Acuherlichkeite« zufrieden gibt. Aeln, durch ihn sollen die geistigen
und sittlichen Kräfte des Volke» geweckt werden, die zum Wiederaufbau
unseres Staates unbedingt notwendig sind. Soll die Schule aber dieser
Aufgabe gerecht werden, dann darf sie unmöglich vollgepfropfte Klaffe«
von 60 Ki,ü>err, haben, sondern im Höchstfälle solche von 30—40. Hin-
sichtlich dieses Punktes mag die Preußische StaatSrogierung einmal da»
Schulbedarfsgesetz des Freistaates Sachsen studieren. Daraus kann sie
vieles lernen. Es ist bedauerlich, daß der Idealismus, der nach 1803/tu
tn Preugen vezgi. der Volksbildung, herrschte, heute weiten Kreisen
unsere Volkes verloren gegangen ist und einem Materialismus Platz
gemacht hat, der das eigene Ich in den Vordergrund stellt und an di«
Allgemeinheit nnht mehr denkt, dem jegliche Opferbereitschaft und Hin
gabe für das Gemeinwohl fehlt, der die Bedeutung einer gesteigerten
Volksbildung nicht erkennen will. weil sich die Arbeit der Sckule nicht
zahlenmäßig nachweisen läßt wie die Förderung der Koyle^ Aber de«
Staat, der die Bedeutung der Schularbeit für da» Volk kennen sollt?,
müßte mit eiserner Konseguenz allen Bestrebungen auf Einziehu,rg pW

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