Pädagogische Post
Nr. 48
Sette 443
hart wenn man einer ledigen Mutter das Brot nimmt, statt
daß man ihr die Möglichkeit verschafft. sich und ihr Kind ordent
lich zu ernähren. Ein uneheliches Kind ist keine Sunde. Wie
oft ist die Mutter das Opfer eines Verführers geworden! Oder
ich kann mir gut denken, daß ältere unverheiratete Frauen
Sehnfucht nach einem Kinde empfinden und dann ein solches
haben wollen . . . Wenn ich nicht gerade Lehrerin wäre, so
daß ich mehr Zeit für mich hätre. so würde ich mir selbst ein
Kind wünschen . . Manches Müde! ist zur Selbstmörderin
geworden aus Furcht vor den Leuten. Und wenn nun eine von
den Anwesenden in die Lage käme? Ob sie es-wohl ihrer
Mutter anvertraute? Und als alle die Köpfe schüttelten, führte
ich noch folgendes aus: „Dann kommen Sie zu mir. Sie sollen
wissen, daß' ich stets für Sie da bin. wenn Sie mal jemand
brauchen. Alter der Mädel 17—18 Jahre."
Ueber den zweiten Fall ist in Nr. 21 der ».Lpzg. Lztg." zu
lesen: „An der Humboldtfchule (Vcrfuchsfchule) in Chemnitz be
suchte ein Lehrer mit den Mädchen der Oberklasie die Aus
stellung „Der Mensch". Die Präparate vom Werden des Men
schen erwecken das durchaus keusche Interesse der Kinder. E>e
sind gewöhnt, mit ibrem Lehrer offen und ehrlich zu reden.
Richten also in der Schule unbefangen einige Fragen an ihn.
Der Kollege machte zunächst den Verbuch, dce Mutter jedes e.n-
zelnen Kindes für die Aufgabe zu gewinnen. Aber wie oft bei
dieser Gelegenheit versagen die Eltern und bit.en den Lehrer,
von sich aus die Fragen der Kinde: zu bean.warten. D'r
Lehrer tur es . . . Es war durchaus kein Neuland, das der
Lehrer betrat. Höchstens insofern, als er den feinsinnigen
keuschen Worten einige biologische Zeichnungen bergab, die aber
selbstverständlich (sie stammten aus einem vorzüglichen biolo
gischen Lehrbuche) nur rein erkenntnismäßig wirken und, auch
nach mehrfacl/en ürztlickLn Gutachten von Fach-autoritäten, in
keiner Weise bas Seelenleben eines Kindes irgendwie beun
ruhigen können. D e Kinder zeichneten freiwillig einige nach
und nahmen die Zeichnungen mit nach Haufe. Uno da fielen sie
in einer Familie einem Geistlichen in die Hände."
Ueber die Vorgänge selbst soll nicht geurteilt werden. Es
interessiert nur wce die Leipziger Lehrerzeitung aus die Kritik
antwortet. Daß man auf einem so umstrittenen und äuße.st
heikelen Gebiet verschiedener Ansül r sein kann und dann das
allgemeine Staatsbürgerrecht de fre en MeinungsäußevUi g
besitzt, wird hoffentlich von niemand in Abrede gestellt werden.
Auch Gegenkritik ist selbstverständlich zulä sig. Sic wird bei der
Lvzg. Lztg. sehr anfechtbar. Zum Harthaer Falle schreibt sie:
..Der Fall ist wieder ein Schulbeispiel -für lue Kampfesweise
„christlicher" Kreise. . . Zu den besonderen Ausgaben dieses
„christlichen Nachrichtendienstes" scheint es zu gehören, tn kür
zeren Zwischenräumen dem ehrsamen Bürger Geschichten aul
zutischen, die „mit erschreckender Deutlichkeit zeigen, in welche
Schulzustände wir in Sachsen hineingeralen sind." Bisher
haben sich in allen Fällen *) diese von der Säch. Evang. Korre-
soondenz verbreiteten Geschichten als tendenziöse Entstellungen
oder grobe Verbiegung der Wahrheit herausgestellt. Die sittliche
Pflicht, der Wahrheit die Ehre zu geben und Falschmeldungen
richtig zu stellen. tot jedoch die SEK. bisher noch nicht gefühlt.
Das verbietet offenbar das gciüuterie christlirl-e d>ewisjen ihrer
Pastoralen Hintermänner und der christlichen Eiferer."
Im Chemnitzer Falle heißt es: „Es ist von jeher eine unan
genehme Arbeit gewesen, der Kirche Zugeständnisse an den Ge
danken einer fortschreitenden Kutturentwicklung abringen zu
müßen. . . Merkwürdig, wie es meist die schlechtesten Elemente
Mlt schmutzigen Waffen siiid, die die Kirä>e mit seltsamem In
stinkt tn den Kanipf um ihren Bestand und für ihre Interessen
vorschickt. . . Nun begann der abstoßendste Lügen- und Verleum
dungsfeldzug gegen die weltliche Schule und ihre Verfechter.
Schließlich besästijtigie sich die entartete Phantasie mancher
„christlicher" Agitatoren nur noch mit gezeichneten „Sexual-
organen" (!), Gerüchte wurden in Umlauf gesetzt über gemalte
Geschlechtsteile (!!) usw. Das weibliche Element der „christ
lichen" Eltern tat sich dabei besonders hervor und bewährte
glänzend die vielgerühnrte „christliche" Sittlichkeit gewisier
„deutscher" Frauen."
An dieser Abwehr ist zweierlei von Interesse. Zunächst
besitzt sbe fast gar keinen sachlichen Inhalt, sondern besteht ans
Geschimpj. Sicher wird man durch die Gegenseite gereizt worden
fein: aber entschuldigt das den Mistkübel in der Hand der Leh-
^Erschaft? Dann aber kehrt sie den Spieß um: „Eurer Unsitr-
llchkeit fehlt jedes Verständnis für die „keusche Feinsinnigkeit"
~ Tuns!" Das ist aber eine gefährliche Waffe. Gewiß
sind die Christen allesamt Sünder. Sie glauben an Wahrhei,
len, aber sie streben nach Gerechtigkeit mit dem Bewußtsein, daß
* tc Iljret au > Erde nie voll teilhaftig werden. Letzteres gilt aber
-t? Harthaer Falle? Wie groß ist der Unteren
der Darstellung der SEK. und der der Lehrerinnen?
auch für die Lehrer und Schüler der weltlichen Schulen. Wer
nicht glaubt, besitzt eben auch nicht die Fülle der Vollkommen
heit. Die sexuelle Frage wäre leicht zu lösen, wenn beim Ueber-
gange zur weltlichen Schule die Triebe und Leidenschaften der
Menschen abstürben, wenn ein „warmes, persönliches" Verhält
nis. wenn „keusche, feinsinnige" Worte jedes Wellengekräusel in
den dunklen Tiefen der Herzen verhinderten. Die Sachsen
mögen ihre weltliche Schule über den grünen Klee loben, aber
eines sollte sie und ihre „Fachautoritäten" nicht behaupten: Daß
in den weltlichen Schulen Uebermenschentum den Sieg über alle
menschliche.Schwäche errang. Steine zu schleudern ist nur dem
Sündenlosen — also keinem Erdbewohner — gestaltet. Die
Steine in der Hand der Lpzg. Lhztg. sind Ausfluß einer ver-
lvgenen Pädagogik, und zwar in einer der unangenehmsten For
men. in der des Pharisäertums.
Es wär? falsch, alle Bemühungen um den „einheitlichen"
Geist in unseren Schulen als „verlogene Pädagogik" zu bezeich-
neu: aber es wird keinem Vertreter solcher innerer Einheitlich,
feit möglich, fern, die'en Geist zu beschwören und ihn Zweiflern
auch nur annähernd erkennbar zu machen. Man stelle sich eine
Gemein'chastsschule mit etwa 20 Lehrern vor, unter denen alle
Richtungen von den Kommunisten bis zu den Deutschoölkifchen,
von den Atheisten bis zu den Buchstabengläubigen vertreten
sind, alle gleichberechtigt neben einander stehen, keine die an
dere zu beeinflussen vermag. Die Einheitlichkeit würde in Ver
neinung. Ablehnung. Zersetzung ihren einzigen Ausdruck finden;
die Gemeinschaftsschule bedeutet völlige Auslösung unseres
Schulwesens. Es ist eine doppelte Irreführung, wenn man die
Gemeinschaftsschule als Schule der Volkseinheit empfiehlt, wenn
man sie als neutral bezeichnet. - Wer zum Himmel weisende
Türme errichten will, den darf man nicht zwingen, an der Her
stellung von Erdhöhlen für seinen künftigen Aufenthalt zu
arbeiten. Man mag ihm hundertmal sagen, daß man seine Ab
sicht nicht bekämpfe; man hindert ihn aber, an seinem Werke zu
schaffen, indem man seine Arbeitskraft in Anspruch nimmt. Daß
sich weite Kreise der christlichen, besonders der katholischen Be
völkerung nicht in den modernen Zersetzungsprozeß einbeziehen
lassen, braucht niemand bewiesen zu werden. Die Demeinschasts-
schule würde also die Schule des schwersten Schulkampses werden.
Die „Richtlinien" zeigen, daß der Staat diesem Auflösungs
vorgang nicht entgegentritt, es vielleicht wagt, ganz bestimmt
aber nicht vermag. An diesem Unvermögen muß die Demein-
sck'aftsschule als „Einheitsschule" scheitern; sie wird die Partei
schule des Individualismus und Relativismus, die dem Chri
stentum völlig en lg ege gesetzt sind, so daß sie für christlich«
Kreise nicht in Frage kommen kann.
Was der Staat nicht vermag, müssen einzelne leisten. Die
Sammlung unseres Volkes muß von Gruppen ausgehen, deshalb
dient die Konfessionsschule in viel höherem Grade der Volks
einheit als die Gemeinschaftsschule. Die Vereinigten Staaten
erzielten ein einheitliches Amerikanertum, indem sie alle Welt
anschauungen sich frei entwickeln ließen. Nun gilt freilich auch
hier das Wort: Amerika, du hast es besser als unser Kontinent,
der alte? Ein werdender Staat besitzt nicht so sclmrfe Gegen-
ätze als ein gewordener. Aber wenn auch der Weg für uns
schwieriger ist, er bleibt der gleiche. Den Freunden der Ein
heitsschule ist zuzustimmen, daß die Einheit ln den Personen zu
suchen ist. Rur kommen als solche Personen nicht bloß die Lehrer
in Frage, denen man das Schulwesen zur freien Verfügung
überläßt, sondern die ganze deutsche Bevölkerung, welcher An
schauung sie auch sei. welche Sck/ule sie auch besuchte. Die Ge-
meinschaftsschule ist die Schule des Mißtrauens, die die Volks
einheit durch künstliche Drittel Herstellen will. Sie muß scheitern.
Die Bekenntnisschule geht von dem Gedanken aus, daß schließ
lich über alle Gegensätze der Meinungen hinweg der Deutsche sich
zr"n Deutschen findet, daß Herz und Blut sich zu erkennen gibt
und das deutsche Volk durch Freiheit und Duldung zu einer
unlösbaren Gemeinschaft zusammenwachsen wird.
:m, TmrmTtrnrTtiiiinrinHirrm iun;: rrnri: i
\ B | Wirtschaftliche Fragen.
•nimaiimmina
Verspätete Gehaltszahlungen.
Der Preußische Bcamtenbund richtete folgende Eingabe an bas-
preußische Ministerium:
In der Frage der Entschädigung der Beamten, die durch ver
spätete Zahlungen von Dienstbezügen infolge der Geldentwerturrg
geldlichen Nachteil erlitten haben, erlauben wir uns, dem preußischen
Staatsministerium nachstehendes zu unterbreiten:
Die bisher sowohl von der Reichsregierung, wie von den Län
derregierungen cnlfrechterhaltene Fassurig, daß Mark gleich Mark
sei. läßt sich bei der rapid fortschreitenden Geldentwertung auch auf
den Gebieten der Beamtenbesoldung nicht mehr vertreten. Es ist
keine Seltenheit, daß Beamte nicht nur wachen-, sondern monate-

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.