TCafftoIifcfie Zeiflchvlff für £vziehung und Sildung;
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Haupkblatt der AweigvevbSide des Kolli. CcfircruepSandcs des Deulfcfien Keicfies: ‘Beaunfcfitseig»
Löffel. HildesKeim, Osnabrück, Tfa'z. AKeiniand, ffarkjea und a. ff.. IDeftfaleu.
VeröffentlirKungsblatt dev Heemann-Hubrrtus-fftiftang.
(für 'Westfalen: JorCfc^ung der Pädagogischen lOocfte«
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Inhalt: Die deutsche Jugendbewegung. — Eröffnungsfeier des Instituts für wissenschaftliche Pädagogik. — Au» den Vereinen. — Ver
einskalender. — Briefkasten. — Anzeigen.
2. Jaftrjang
Samstag, den 20. 3anuar 1923
Otummcr 5
Die deutsche Jugendbewegung.
Von Karl Knöchelmann. Berlin.
Der Lehrer hat als Volksbildner die Aufgabe, deutsches
Kulturgut volkstümlich zu gestalten, um es übermitteln zu
können. Er muß sich deshalb nicht nur mit der geschichtlichen
Entwicklung deutscher Kultur befassen, sondern auch die gegen
wärtigen Bewegungen beobachten, die auf eine Kulturerneue
rung hinzielen. Eine der originellsten dieser Bewegungen ist
die Jugendbewegung; originell schon deshalb, weil sie fast als
einzige Ausnahme von all den Bewegungen Krieg und Revo
lution nicht nur überdauert, sondern sich stark nach innen und
außen entwickelt hat.
Was Jugendbewegung ist. läßt sich mit knappen Worten
nicht leicht sagen; viel weniger noch aus dem vorliegenden
Schriftgut und den Programmen kurz herausstellen, wie man
auch eine Religion nicht aus ihrem Dogma allein beurteilen
kann. Man muß als „Aelterer" schon ,.mitsiedeln", muß die
„Nester" aufsuchen und Feste mitfeiern, um aus eigenem Er
leben heraus Geist, Sinn und Zweck der heutigen Jugendbe
wegung zu verstehen. Und dennoch wird man mit Enttäuschung
feststellen müssen» daß man das Beste vielleicht nicht gesehen
und sein Urteil von dem Aeußeren hat allzu sehr bestimmen
lassen.
Die Jugendbewegung hat eine kulturhistorische und eine
psychologische Seite, und ihr Kern und Sinn ist zugleich als
bedeutungsvolles soziologisches Problem der Gegenwart von
Jnteresie und Bedeutung.
Unter dem Gesichtspunkte weltgeschichtlichen Geschehens und
kulturhistorischer Entwicklung verlegt Spranger ihren letzten
Ursprung in das Jahr 1789. Jene ewig-neuen Ideen brachten
zunächst den dritten Stand empor, wirkten sich aber mit der
lebendigen Kraft, die großen Ideen innewohnt, weiter aus,
führten den vierten Stand zur Höhe, lösten nach Jahrzehnten
die Frauenbewegung aus und klingen in der heutigen Jugend
bewegung aufs neue an. Jugendbewegungen sind nicht neu;
neu aber ist die wertvolle Erkenntnis, daß ihnen ein dem jugend
lichen Sein. Fühlen und Denken angepaßter, engumgrenzter
Tätigkeitskreis zusteht.
Jugendbewegung ist nicht Jugendpflege. Diese wird ge
tragen von der Autorität gereifter Menschen. Ihr Ziel ist
letzten Endes die Ueberlieferung der Kulturgüter und die Fort
pflanzung der eigenen Anschauung: sie muß sich immer autori
tativ auswirken. — Die Jugendbewegung will von sich aus
schaffen und sucht bewußt nach neuen Formen innerer und
äußerer Lebensführung. Sie betont tiefste Innerlichkeit und
Selbstbesinnung und will aus sich heraus eine echte Gemein
schaft bilden und den neuen Gemeinschaftsgeist wecken. In ihren
äußersten Richtungen lehnt sie jede Autorität ab und stellt sich
ui bewußten Gegensatz zum Alter und zum geschichtlich Eewor-
oenen. Man verneint all das, was war und ist, und erstrebt
zunächst für sich eine Eigenkultur. Andere Schattierungen der
Jugendbewegung lehnen diese geschichtlich falsche und bolsche
wistische Einstellung ab und bekennen sich zum Führertu Doch
die Autorität des Führers kommt nicht von außen, sondern be
ruht in den überzeugenden Eigenschaften seiner ganzen Persön
lichkeit und in der inneren, freien Anerkennung durch die Ge
folgschaft.
Jugendbewegung ist keine parteipolitische Vorschule und
stellt keine Parteiprogramme auf. Nur in Fragen der Welt'
anschauung neigt sie dazu. Jugendbewegung ist kein Verein,
kein Sportklub, keine Schlllervereinigung. keine Studentenver-
bindung. Jugendbewegung hat mit Vereinswesen nichts zu
tun. und alle Vereinsmeierei ist verpönt. Sie will inneres
Leben sein und schaffen: Vereinswesen bringt aber Mechanisie
rung des Geistes und Uniformierung des einzelnen.
Jugendbewegung erschöpft sich nicht in Körperkultur, lm
Wandern, in dem roma.ttischen Zuge zur Natur und in der
starken Abneigung gegen städtische Kultur mit ihren lauten
Freuden, auch nicht in der Pflege von Volkslied und Volks
tanz. Jugendbewegung gibt es nicht zu erkennen an Schiller
kragen und Dirndlkleid. Selbstgewollte Enthaltsamkeit von
Alkohol und Nikotin ist noch nicht Jugendbewegung. Wohl
pflegt Jugendbewegung all diese Dinge, aber nicht als Selbst
zweck. sondern sie sollen sich ergeben als Ausfluß innerer Er»
Neuerung.
Jugendbewegung ist keine Schülerrevolution gegen Schul
autorität. Wohl wurde der erste Wandervogel von einem
Schüler des Steglitzer Gymnasiums ins Leben gerufen, aber
nicht aus solcher Veranlassung heraus. Alles Schutgimäße ist
der Jugendbewegung peripher; wo es stark betont wird, ist es
von Außenstehenden hineingetragen. Jugendbildung ist auch
nicht das Problem Vater und Sohn; das ist so alt wie das
Menschengeschlecht.
Das eigentliche Wesen der Jugendbewegung verbirgt sich
unter dem Stichwort Kultur- und Jugenderneuerung. „Jugend
bewegung ist Leben, machtvolles, sozial breites, vernunftgemäßes
Leben, hervorgerufen durch jugendliche Begeisterung und ge
tragen von ihr. orientiert nicht an irdisch nahen Zwecken, son
dern an den Idealen der Weltanschauung." Wo in der Jugend
eine starke Abneigung gegen alles Unnatürliche in der bis
herigen Lebensführung erwächst, wo die Sehnsucht nach einem
neuen Lebensstil und nach innerer Lebenserneuerung selbst-
ständi>g zur Tat wird, da ist deutsche Jugendbewegung, und erst
recht dort, wo auf dem Boden einer festen Weltanschauung diese
dringend notwendige Kulturerneuerung eher und sicherer sich
verwirklichen wird.
Autonomie kann nicht das wesentliche Merkmal wahrer
Jugendbewegung sein, was von vielen behauptet wird. Mit
Jugenderneuerung ist eine solche Einstellung nicht zu vereinen.
Gewiß, dre Geschichte der deutschen Jugendbewegung hat ge
zeigt. daß Jugendbewegungen, in denen Erwachsene eine aus
schlaggebende Rolle spielen, stets Episoden geblieben sind. Doch
bei allem Recht auf Eigenleben der Jugend bedarf es innerhalb

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