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Pädagogische Post
Nr. 53
fern. Aber die vermittelten Kenntnisse und Fertigkeiten sind
die breite und unentbehrliche Grundlage für alle Erkenntnisse
bis zur höchsten Wissenschaft und Weisheit. Und was die Volks
schule in der Geinüts- und Willensbildung, in der Tugender
ziehung schafft, das ist tiefgehende, nachhaltige Hinterlage für
den Charakter, der in Familie und Gemeinde, in Staat und
Kirche einmal arbeitet zum Wohl und Heile einzelner und
aller. Wir hegen und pflegen die Keime zur Usbermittlung der
deutschen Kultur, des großen Vildungsschatzes unseres Volkes
und der Menschheit. Im Gegensatz zu vielen Systemen der
Pädagogik (z. B. Sensualismus. Intellektualismus, Voluntaris
mus) wenden wir gleich dem leiblichen Vater uns dem ganzen
jungen Menschen zu, wachen wir über sein körperliches, geistiges
und religiöses Wohl. Aus dem ganzen Menschen aber fliegt
einst jener Wille, der seine Arbeit nicht nur als Magenfrage,
sondern auch als Kopf- und Herzenssache betrachtet, jener Wille,
der gern dem Staate das Seinige gibt und zugleich den ehrt,
der der Seiende ist. In der Grundlegung solch gesegneter und
segenbringender Arbeit liegt die große, gewaltige soziale Auf
gabe unseres Berufes. Darum sind auch die Wirkungen irre
geleiteter und einseitig eingestellter Lehrer wie der Intellek
tualisten, der Materialisten und Religionsgegner sozial ver
heerend, während der Einfluß mohlberatener und mit Vater-
gesinnung erfüllter Lehrer gesellschaftsbildend ist, gestattende
Kraft auslöst für das wahre Leben unseres Volkes und für die
Gemeinschaft aller. Dieser Eemeinschaftsgedank e hat
wohl die Kraft, uns zur Berufsliebe anzuspornen und Verufs-
fteude in uns zu nähren. Er ist die Mittelschicht unseres
Berufsgedankens.
Der dritte und tiefste Inhalt des Lehrberufes nach unserer
Auftastung ist der E o t 1 e s g e d a n k e. Wir dürfen und
können den Lehrberuf, auch wo es sich um rein weltliche Stoffe
handelt, betrachten als von Gott gegeben. Wieso? Die Ver
nunft kommt durch sich selbst zur Kenntnis des vorher Unbe
kannten. Diese Art des Kenntniserwerbs ist das Finden. Der
Lehrer geht nun der Vernunftnatur des Schülers von außen her
an die Hand. Er legt dem Schüler das Vorgehen der Vernunft
beim Eelberfinden durch Zeichen dar. Dieses Darlegen und
Findenlasten heißt lehren. Nur mittelbar verursacht der Leh
rer den eigentlichen Kenntniserwerb seines Schülers. Er wird
durch das positive Wirken der Schüler-Vernunft erzielt. Das
Licht der Vernunft aber ist von Gott gegeben. Lehrer sein heißt
demnach letzten Endes Hilfslehrer Gottes, des Schöpfers sein.
Noch bestimmter tritt dieses Verhältnis zutage, wenn wir an
die llebernatur denken, an jenen Zustand, der in der Kindschaft
Gottes besteht und zur unmittelbaren Anschauung Gottes be
fähigt und nach kurzer Prüfungszeit auf Erden. Christus hat
uns durch das Erlösungsopfer die Wiederzuwendung jener
Enadenausstattung verdient, die zur Erreichung des übernatür
lichen Zieles nötig ist. Der Lehrer und Erzieher zum über
natürlichen Menschenziel ist wesentlich Gott allein, der Enaden-
spender. Sein geheimnisvolles Wirken geht von innen heraus
und besteht darin, den freien Willen als solchen zu beeinflussen,
auf daß der Mensch aus Kindesliebe zum Himmeloater, also
freiwillig, tut, was Gottes Wille ist. Die übernatürliche Heilig
keit. die Gott bei der Taufe als Anlage gibt, muß aber auch von
außen her gefördert werden durch die äußeren Gnaden, die.
Gott gegeben durch seine gesamte Offenbarung, wie sie in der
Kirche hinterlegt ist. Als lehrende Glieder der Kirche sind wir
Volksschullehrer mitberufen, die Glaubenswahrheiten stofflich zu
vermitteln, während die gläubige Aufnahme der Hl. Geist
bewirkt. Wenn wir Offenbarungsgut vermitteln, dann sind
wir lebendige Werkzeuge, Hilfslehrer des Hl. Geistes. Zweifel
los ist also das Lehramt nach katholischer Auftastung ein gött
liches Amt, der Lehrberuf als solcher von Gott gegeben. Dem
einzelnen Lehrer als Vermittler religiöser Wahrheiten ist der
Beruf zudem gegeben im Sinne einer besonderen religiösen
Auserwählung. Der katholische Lehrer ist eben der alter socer-
dos, der andere Priester, der mit dem Priester des Altares viele
Aufgaben teilt im Heilsgedanken und in den Absichten Gottes.
Von Gott — zu Gott! Die Eottesidee in unserem Berufs
gedanken verlangt einen Dienst an Gott, Gott zu Liebe. Gott
zur Ehre. Das erheischt die Heiligung unserer selbst und unserer
Berufsarbeit durch Gebet und gute Meinung. Für Gott muß
sich der Lehrer erziehen, zu Gott muß er die ihm Anvertrauten
erziehen. Die Losung heißt: Entwicklung aller Gaben „zum
Aufbau des Leibes Christi". Das übernatürliche Leben nimmt
die natürliche sittliche Verpflichtung und die natürliche Tugend
in sich auf und steigert die natürliche Wesenskraft, verklärt sie.
So kann nur der Lehrer ein katholischer heißen, der bei den
weltlichen Gegenständen nicht nur zur natürlichen Eottes-
erkenntnis und -liebe anleitet, sondern gerade hier den Schüler
zur Vereinigung mit dem dreieinigen Gott der Offenbarung
führt, wer gelegentlich und systematisch die Glaubenswahrheiten
im kirchlichen Sinne vermittelt und zur Tugendübung anhält,
immer sich bewußt bleibend: Ich bin nicht würdig als Laien.
Priester Gottes Mitarbeiter zu fein, aber ich bin es und will es
fein in Christus.
Die katholische Auftastung des Volksschullehrerberufes ist
so erhaben, daß es für ihn keine höhere Auszeichnung gibt, als
wenn er vor allen, den Kindern und dem Volke eben als katho
lischer Lehrer erscheint. Sie spricht aber auch eine gewaltige
Sprache zum Lehrergowisten. Ist die Erzielung der Gotteskind,
schaft im Schüler die ausschlaggebende, wenn auch nicht aus
schließliche Tätigkeit seines Amtes, dann ergeben sich daraus
zwingende Folgerungen für feine immerwährende Vorbereitung
auf die Berufsübung. Fach- und Verufswistenschaften sind un.
bedingt nötig. Aber unterscheidend und kennzeichnend für den
katholischen Lehrer ist etwas anderes: Religiöses Misten,
Claubenserkenntnis ist der vornehmste und notwendigste Schatz
seiner Geistesbildung. Das Hauptmittel zur Sicherung der
Elaubenserkenntnis ist nicht Buchstudium, sondern Leben in
und mit der Kirche. Vergessen Sir nicht, was zur religiös-
sittlichen Fortbildung gehört: Beschäftigung mit religösen
Wahrheiten, Bibellesen und -betrachten, Predigthören und -ver.
arbeiten, Sakramentsempfang, Exerzitien und Miterleben der
Liturgie und des Kirchenjahres.
Wir stehen inmitten eines Niedergangs und eines Auf-
gangs. Aufsteigende Zeiten find immer Epochen des lebendigen
Glaubens. Unsere Kirche kämpft heute gegen den religions-
feindlichen Materialismus. Nicht die Kirche, dieser liegt im
Sterben. Wir stehen mitwirkend in der streitenden Kirche.
Das starke Bewußtsein ihrer Heilssendung soll uns erfüllen,
auf daß wir es der heranwachsenden Jugend mitgeben können.
Der Siegesglaube der Kirche muß unsere Kraft stählen für
unser verborgenes und offenkundiges Tätigsein ,^um Aufbau
des Leibes Christi". Immer laßt uns darum eingedenk sein
der Mahnung des Apostels Paulus: „Brüder! Wandelt Gottes
würdig, ihm in allem wohlgefällig (Kol. 1, 10)! Wandelt
würdig des Berufes, zu dem ihr berufen seid (Eph. 4, 1)!"
Gottes und unseres Berufes würdig in ganz besonderem Aus
maße laßt uirs wandeln! Dann werden wir auch die Früchte
unseres beruflichen Schaffens, jenes außergewöhnliche Maß der
Güte zeigen, dessen unser Volk zu seiner Genesung bedarf. Wir
müssen es mit dem unbekannten Mönche aus dem bayerischen
Kloster Westobrunn halten, der vor 1100 Jahren betend auf
ein handbreites PergamentstüS schrieb: „Allmächtiger Gott,
du hast Himmel und Erde geschaffen und den Menschen so
manches Gute gegeben. Gib auch mir in deiner Gnade rechten
Glauben und guten Willen, Weisheit und Klugheit und Kraft,
den Teufeln zu widerstehen, Böses abzuweisen und deinen
Willen zu wirken" in der abgeschlossenen Ruhe der Schulstube
und im öffentlichen Kamps des Lebens. Denn der Schulmann
und Jugenderzieher von heute muß ganz katholisch sein und
braucht in außergewöhnlichem Grade freudigen Glauben, tief«
Liebe und männlichen Starkmut.
G r o ß w e i l (Oberbayern).
Georg Albrechtskirchinger.
Randbemerkungen zur Lehrer
bildungsfrage.
E s i d i u s Post, Kuckum b. Wanlo.
Die nachfolgenden Randbemerkungen schließen sich der An.
schauung unseres Abgeordneten Eottwald an, die er bei der
Besprechung des Haushalts der Unterrichtsverwaltung betonte
und in der „Päd. Post" vom 23. Juni 1923 nachgelesen werden
mögen, nämlich: „daß eine Lehrerbildung ohne Verbindung
mit der Hochschule nicht denkbar ist."
Die überwiegende Mehrzahl der Lehrer teilt diesen Stand,
punkt; vielen wird sogar der Ausspruch Gottwalds noch zu
wenig umristen, zu wenig scharf und schneidig erscheinen.
Wer Ansichten vertritt, die auf völlige Umgestaltung einer
Sache hinauslaufen, muß bereit sein, nach allen Seiten dasjenige
zu beleuchten oder beleuchten zu lasten, was denn als Besseres
an die Stelle des Bisherigen zu setzen ist. Deshalb eben ist die
rege Aussprache über die neue Lehrerbildung so sehr wichtig,
und gerade deshalb sollten wir uns sehr davor hüten, in gut
gemeintem Eifer so etwas wie einen Federkrieg über die An
gelegenheit zu führen. Helfen und fördern kann da nur ein
besonnenes Erwägen, ein kräftiges Durchführen.
Daß die Lehrerbildungsfrage ein Eckstein der Eesamtjchul.
entwicklung ist, daß diese mit der Bildung der Lehrer- und Leh.
rerinnenpersönlichkeit steht und fällt, das ist oft genug klar und
eindeutig nachgewiesen worden —, oder besser: das fühlt jeder,
der es ehrlich mit dem Volke und seiner Schule meint, im Her.
zen, das braucht gar nicht erst bewiesen zu werden, ja, vielleicht
führt gerade der Versuch, es unwiderleglich, wissenschaftlich zu
beweisen, zu unerfreulichen und unförderlichen Auseinander,
fetzungen.

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