Nr. 53
PSbagoglsche voft.
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heit entspricht und nicht dem Kinde der Gegenwart angeglichen
ist." (P. P. Nr. 37, S. M). Hiernach läge der Mangel einzig
am Lehrer und nicht am Kinde oder der Methode. Wir würden
uns somit aber alle — denn wir alle sind im Seminar vorge
bildet — ein Armutszeugnis ausstellen und sagen: „Wir ge
nügen nicht unserm Amte, wir können keinen genügenden Unter
richt geben." Meines Erachtens war dieser Schluß, um die
Universitätsbildung zu rechtfertigen, von obengenannter Kom
mission des K. L. V. Münster, die mit ihrer erschöpfenden Ar
beit beim heutigen Stand der Dinge wohl das beste geleistet
hat. schlecht gewählt. Ich halte es nicht für ratsam, der Arbeit
in unserer Werkstatt oder unserer Vorbildung «inen Tadel an
zuheften. Statt Vorbildung sollten wir eher Fortbildung be
tonen. um uns zu tüchtigen Lehrern zu machen, die einzig das
Leben gestalten kann. Ich halte es da mit den Worten des
Kollegen Schmitz in Nr. 38 der P. P.: „Auch starke Lehrerper
sönlichkeiten wachsen nur in der geistigen Schmiedewerkstatt der
Volksschule und am surrenden Wcbstuhl des Volkslebens. Darum
ist auch an dem Jünger der alma mater der Beruf des Studenten
seins erfüllt, wenn er — zu lernen gelernt". —
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W i Wirtschaftliche Fragen.
Die Vorauszahlung -er Gehälter.
Zu den vielen Eehaltssorgen der Beamten und Lehrer ist
eine neue getreten, die Sorge um die Zahlzeit: die Zahlung soll
für kürzere Zeiträume, monatlich zweimal erfolgen. Mit einem
gewaltigen Kraftaufwande wird gegen die vierteljährlichen Ge
haltszahlungen Sturm gelaufen.
Die Arbeiter bezeichnen sie als unerträglich, da die Be
amten bei der fortschreitenden Geldentwertung einen außer
ordentlichen Vorsprung vor ihnen erhielten; die Reichsbank er
klärt, die zur vierteljährlichen Zahlung erforderlichen Zah
lungsmittel nicht beschaffen zu können: die Banken behaupten,
daß die Beamten in steigendem Maße mit den am Vierteljahrs-
erften erhaltenen Geldern spekulierten: die Geschäftsleute klagen
über die Hamsterkäufe der Beamten, die den Bedarf zu gewissen
Zeiten derart steigerten, daß sie preistreibend wirkten. Was
ist zu all diesen Klagen und Behauptungen zu sagen? Es wäre
ganz falsch, sie von vornherein als unbegründet abzuweisen; sie
wären damit nicht aus der Welt geschafft, würden vielmehr
aus diesem Widersprüche nur neue Kraft schöpfen.
Daß die wöchentliche Entlohnung gegenüber der viertel
jährlichen ein Nachteil ist, war schon im Frieden bekannt, wo
beide Zahlweisen unangefochten nebeneinander bestanden. Durch
die Geldentwertung hat sich dieser Zustand verschärft. Es seien
die Verhältnisie im Vierteljahr April—Juni untersucht und
angenommen, daß statt vierteljährlicher Zahlung vierzehntägige
erfolgt wäre. Der Dollarkurs am Anfang und in der Mitte der
drei in Frage kommenden Monake betrug 21 100, 21 110, 31700,
45 375, 74 700, 107 000. Wer am Anfang des Vierteljahrs bei
spielsweise 900 000 Mark erhielt, bekam den Wert von 42,6
Dollar; wem in 14tügigen Zwischenräumen je 150 000 M. ge
zahlt wurden, hatte zwar in dem Vierteljahre auch 900 000 M.
erhalten, in Dollar aber 7,1 + 7.1 + 4.7 + 3.3 + 2,0 + 1,4, zu
sammen also 25,6 Dollar, das sind rund 60 % dessen, was der
erste bekam. Der Vorsprung ist also bedeutend; er wird dadurch
gemildert, daß ein vernünftiger Hausvater selbstverständlich
nicht sein gesamtes Einkommen am Quartalsersten verbraucht,
sondern einen Teil für die Ausgaben der folgenden Monate
zurücklegt, der dann in die Geldentwertung einbezogen wird.
Dagegen aber wird wieder geltend gemacht, daß der Beamte
einen Betrag für größere Käufe auf einmal erhielte, während
Arbeiter und Angestellte ihn allmählich ersparen müßten und
dadurch noch einmal von der Geldentwertung getroffen würden.
Zum andern aber behauptet man, daß die Beamten überhaupt
nichts mehr zurücklegten, sondern ihr Vierteljahrsgehalt sofort
verbrauchten und sich für ihre laufenden Ausgaben auf die Nach
zahlungen verließen, die sie dann unter Berufung auf ihren
völligen Geldmangel stürmisch begehrten. Hier kommt also der
Vorwurf des Spekulierens und der Hamsterei zum Vorschein.
Niemand wird bestreiten, daß die Beamten hamstern. Sie
folgen damit dem Beispiel, das ihnen von allen andern Veoölke-
rungskreisen gegeben wird und machen einen ganz schwachen Ver
such, sich auch in den Besitz einiger „Sachwerte" zu setzen, von
denen sie fast allein ausgeschlossen sind. Daß dieses Hamstern
volkswirtschaftlich sehr schädlich, daß es für die Kreise, die, wie
die wöchentlich Entlohnten, es nicht ausführen können, sehr un
angenehm Ost. kann nicht bestritten werden: aber die Beschwer-
den müssen sich gegen alle Hamsterer und nicht einseitig gegen
die Beamten richten; man kann auch nicht die Hamsterei be
kämpfen, indem man einen weiteren Bevölkerungskreis, die Be
amten, von ihm ausschließt und die übrigen fröhlich weiter
hamstern läßt; man muß die Hamsterei vielmehr beseitigen, in
dem man sie volkswirtschaftlich wertlos macht und an ihrer
Stelle wieder das Sparen ermöglicht.
Damit kommen wir zur Frage des Spekulierens. Was soll
der Beamte mit dem Gelde machen, das er für die Bedürfnisse
des zweiten und dritten Quartalsmonats zurücklegt? Ist er
allein verpflichtet, es im Geldentwertungsvorgang zu belassen,,
während jeder andere es sichern darf? Die Sparkassen gaben im
April etwa 9 Prozent Zinsen, während man für unverzinsliche
Reichsfchatzanweifungen 17 Prozent (jetzt 29 Prozent) erhielt.
Diese Verzinsung ist gewiß hoch. Aber wer am 1. April 97 000
Mark auf Reichsschatzanweisungen einzahlte und am 1. Juni
100 000 Mark zurückerhielt, bekam eben trotz der 17 Prozent
Zinsen für den Wert von 4.6 Dollar den von 1,34 und hatte
also ein sehr schlechtes Geschäft gemacht. Ist es zu verwundern,
wenn die Beamten auch nach „Wertbeständigkeit" strebten?
Sie sahen diese meist in Aktien. Wieweit diese für wertbestän
dig gelten können, ist die Frage. Es seien zwei Beispiele
aus einem sogenannten Valutakurszettel angeführt. Die Aktien
des Diskontobank kosteten am 14. 6. 1914 44,4 Dollar; durch
Kapitalserhöhung ist dieser Wert auf 14.8 Dollar verwässert;
man zahlte am 16. Juli für eine Aktie den Wert von 3,8 Dollar,
am 30. Juli den von 2 Dollar, die Wertoerminderung betrug
also 50 Prozent. Dieselben Zahlen für badische Anilin lauten
141,4—17,2—4,34 und 2,04. Es ist also kein Wunder, wenn der
Hunger nach dem unangenehmsten Spekulationsobjekt, den Devi.
sen, groß wird.
Man wird einwenden, daß die geringen Bezüge der Be
amten keinen merkbaren Einfluß auszuüben vermöchten. Für
Preußen wurde der Besoldvngsaufwand neuerdings (die Volks-
schullehrer nur mit % ihrer Besoldungen angesetzt) auf 76 Billi
onen beziffert, für das Reich beträgt er ein Mehrfaches dieser
Zahl. Rechnet man die Gemeindebeamten dazu, dann ergeben
sich Vierteljahrszahlungen von weit über 100 Billionen. Wird
nur ein Drittel zur Vorversorgung, ein Fünftel für wertbestän
dige Anlage zum Verbrauch im Verlauf des Vierteljahrs ge
rechnet, so ergeben sich Billionenbeträge von sehr bedeutendem
Einflüße. Im Devisenrerkehr hat bei dem außerordentlich ge
ringen Angebot oft schon eine ganz kleine Nachfrage eine ge
waltige Kurssteigerung hervorgerufen; jede zurückgehaltene
Banknote ist also von Einfluß. Mit den oben angeführten
Zahlen erklärt sich auch die Not an Zahlungsmitteln, die die
Reichsbank vergeblich zu meistern versucht. Es ist aber ein un.
erträglicher Zustand, wenn der Beamte nicht zu seinem Gehalt
kommen kann und jeden Tag nach langen Bemühungen nur
einen kleinen Teil erhält.
Schon oben wurde die Frage aufgeworfen, ob man den Be
amten verbieten könne, was die andere Bevölkerung ungehindert
treibt. Jeder wird sie mit Rein beantworten. Das ist aber
keine Lösung. Man wird im Gegenteil sagen: Wenn kein
Rechtsmittel gegeben ist, den Beamten Vorversorgung und wert
beständige Anlage zu verbieten, so müssen wir sie durch die Ge.
staltung der Berhältniffe an solchem Tun hindern; sie dürfen
also immer nur einen geringen Betrag in die Finger bekommen,
d. h. sie müssen ihr Gehalt für kürzere Zeiträume erhallen. Aber.
die Grenze zwischen erlaubter Vorsorge und Hamsterei, zwistben
Spekulieren und Sparen ist überhaupt nicht zu ziehen. Sie
liegt nicht in den äußeren Tatbeständen, sondern in dem Willen
und in der Absicht, die gerade die geriffenften Raffkes am besten
zu verbergen wissen. Es ist eine wenig erfreuliche Tatsache, daß
heute weite Volkskreife meinen, unter den Beamten gäbe es
eine Menge gewissenloser Ausnützer der Volksnot und daß man
ihnen das Handwerk legen will, indem man die Unschuldigen
mit den Schuldigen leiden läßt. Es rächt sich, daß die Beamten
noch keinen Selbstschutz gegen üble Elemente in den eigenen
Reihen entwickelten, daß sie vielfach auch der Schieberei und
Wucherei ihrer Kollegen gleichgültig oder gar bewundernd
gegenüberstehen. Sie werden daher heute den Bestrebungen,
die Gehaltszahlung zu ändern, keinen wirksamen Widerstand
entgegensetzen können und zufrieden sein müßen, wenn die jetzige
Regelung bleibt, daß die bereits feststehendn Eehaltsteile viertel
jährlich, die neu bewilligten Zulagen vierzehntägig gezahlt
werden.
Daß sie gegen eine solche Regelung ankämpfen, ist ihr gutes
Recht; es ist auch nur eine Notlösung, die keinen Bestand haben
kann, sondern nur beweist, daß wir wieder zu einer gwißen
Wertbeständigkeit unserer Wirtschaft kommen müßen. Wertbe-
ständigkeit der Gehälter und Löhne ist das große Schlagwori
der Gegenwart. Wer sie fordert, muß sich aber auch der Folgen
bewußt fein. Es soll letzt eine wertbeständige Anleihe aufgelegt
werden. Sie ist unbedingt erforderlich; denn gegen Papiermark
wird kein Landwirt sein Getreide und seine sonstigen Erzeug
nisse verkaufen; er erntet nur einmal im Jahre und muß mit
der einmaligen Einnahme seine gesamten Ausgaben bestreiten.

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