Nr. 1
Pädagogische Post.
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gaben sich unreine Ergebnisse. Ich erwähne nur, daß jeder berufs-
stolze Handwerksmeister, der auf dem Berufsamte vorspricht, fast
stets „nur einen hochintelligenteu Jungen" verlangt. — Ein zweiter
Weg ist das Studium des Berufes durch den Psychologen im Be
triebe — hier sind uns die Amerikaner überlegen — und endlich die
Beantwortung eines vom Psychologen aufgestellten Fragebogens
durch den Berufsvertreter. Außer dem Fragebogen für höhere
Berufe von M. Ulrich mit 103 Fragen ist wohl am bekamrtesten
geworden der Fragebogen für „mittlere Berufe" von Lipmann
(Dück-Ruttman) mit 105 Fragen, den Piorkowski auf 148 Fragen
erweiterte. Ich gebe eine kleine Auswahl daraus, um zu zeigen,
Wie fein die einzelnen Anforderunden unterschieden werden:
„Erfordert die Berufstätigkeit des.... . die Fähigkeit:
auch unscheinbare, schwach beleuchtete oder entfernte Gegen
stände wahrzunehmen, rasch zu erkennen und von anderen zu unter
scheiden?
schwache Geschmacksreize wahrzunehmen, rasch zu erkennen und
von anderen zu unterscheiden?
Drnckschwanknngen rasch zu erkennen?
durch Biegen verschiedene Härtegrade (z. B. von Pappen oder
Metallen) zu unterscheiden?
kleine Abstände mit dem Tastsinn richtig zu schätzen und mit
anderen zu vergleichen?
kleine, mit dem Auge wahrgenommene Abstände mit solchen,
die durch den Tastsinn wahrgenommen werden, zu vergleichen und
umgekehrt?
lückenhafte Eindrücke schnell und richtig zu ergänzen?
sich an einmal oder mir selten gesehene Orte für längere Zeit
genau zu erinnern?
kleine (Finger-) Bewegungen fein abzustufen oder vorgeschrie
bene Bewegungen sicher und ruhig auszuführen. Handgeschicklichkeit?
gleichzeitig mit verschiedenen Gliedmaßen verschiedene Bewe
gungen auszuführen?
dem Arbeitsprozeß lange Zeit hindurch eine gleichbleibende Auf
merksamkeit zuzuwenden, nicht merklich zu ermüden oder die Auf
merksamkeit infolge der Ermüdung nicht herabzusetzen?
gleichzeitig mit verschiedenen Sinnesorganen (Auge und Ohr)
zu beobachten und auf Reize des einen Sinnesgebiets rasch zu rea
gieren, ohne die Aufmerksamkeit für die Reize des anderen Sinnes
gebiets sinken zu lassen? —
Daß durch derartig beantwortete Fragebogen die Anforderun
gen an einen Beruf auch mächtig übertrieben werden können, beweist
die Zusammenstellung über den Jugenieurberuf, in der Dr. Wey
rauch ein Idealbild zeichnet, das nur das Genie erfüllen könnte.
Bis zum Vorliegen einer vollständigen Bernfskunde ist noch ein
weiter Weg! Wenn so die Anforderungen an die einzelnen Berufe
festgelegt sind, ist beim Bewerber das Vorlnndensein der geforderten
Eigenschaften zu dem gewünschten Beruf nachzuprüfen. Da der
Lehrer auf dem Laude heute noch vielfach genötigt ist, wegen der
weiten Entfernung des Kreisbern;samtes selbst Berufsberatung zn
treiben, müßte er derartige berufSkundliche Unterlagen besitzen. Die
Kieisstelle oder das Laudesberufsamt werden ihn gerne mit Rat
und Tat unterstützen. Für derartige Falle hat der rührige Schulrat
F. Weigl eine berufskundl. Kartei gefordert. Jedes Blatt soll entlxllten
a) erwünschte Schulkenntniffe und Fertigkeiten, b) allgemeine Eigen-
sck-aften, c) Gesichtspunkte der differentiell-psychologischen Analyse,
d) ethische Voraussetzungen, e) körperliche Anforderungen. Greifen
wir aus dieser nach Berufen alphabetisch geordneten Kartei ein
Blatt heraus:
Diese Art, Berufsforderungen festzulegen, ist allerdings das
mindeste, was verlangt werden kann. Mit Recht wird darum in
dieser Zeitschrift (1922, Nr. 63, S- 989) die mangelhafte Belehrung
über geistige Berufsanforderungen tiefer gehängt, wie sie ein Be
rufsamt Lehrern gegenüber versucht hat. Im übrigen wollen
wir dem Lehrer zu den vielen Unterrichtsfächern nicht auch noch
Unterricht in BerufZkunde zumuten. Es bedarf gar keines neuen
Faches: der arbeitsschulmäßige Unterricht wird sich zwar an sich
stärker bernfs-erzieherisch einstellen und Gelegenheit nach all
gemein bcrufskundlichen Erörterungen bieten. Ich denke
da an Kalkulationen des handwerklichen Rechnens, Wirt -
schaftsgeographie, Materialienkunde, stärkere Anwendung des
technischen mid Projektiven Zeichnens u. dergl. Der Lehrer.kann
bei all seinen Aufgaben nicht auch noch die Arbeitsmarktlage und
die tieferen Zusammenhänge des Wirtschaftslebens verfolgen
Dazu ist das Berufsamt da, auf dem Berufsamt wird der Schüler
endgültig beraten. Die Schule gibt dem Berufsamte die nötigen
Unterlagen zur Berufseignung, ihre Tätigteit ist nur vor
bereitender Natur. Dabei soll nicht verkannt werden, daß inter
essierte Lehrer, besonders auf dem Lande, sich mit großem Erfolge
der Berufsberatung ihrer Schüler widmeten und vielfach auch weiter
widmen muffen. Der Berufsberater weiß zu gut. daß seine Tätigkeit
ohne Mittviknng der Schule erfolglos bleiben wird.
Es erhebt sich nun die eingangs gestellte Frage: Ist der Lehrer
imstande, derartige psychologische Beobachtungen, wie sie schon das
Weiglsche Schema fordert, bei seinen Schülern anzustellen?
Ein führender Vertreter der angewandten Psychologie im
Rheinland, Profeffor Poppelreuter-Bonn, entwickelte kürzlich fol
gende Gedanken über die Eignung der Schule zur psychologischen
Beobachtung: Es ist kaum verständlich, daß die Pädagogen sich
bisher den Vorwurf ruhig gefallen ließen, sie feien nicht genügend
psychologisch geschult, ein abschließendes Urteil über die jugendliche
Gesamtpersönlichkeit zu geben. Soweit diese Behauptung sich aus
das fertige Psychogramm eines Schülers bezieht, das nach den
neuesten Methoden der experimentellen Psychologie erarbeitet wurde,
mag sie zutreffen. Es wäre aber Vonseiten der experimentell-psycho
logischen Wissenschaft eine Ueberheblichkeit sondergleichen, damit die
Schülerbeurteilung durch den Lehrer überhaupt diskrÄntieren zu
wollen. Gerade die Schule könnte in idealer Weise alle Möglich
keiten in sich vereinigen, ein Individuum nach seinen physischen
(Turnen, Spiel) und psychischen Qualitäten kennen zu lerneir (In
telligenz: Schulleistungen; Affekt- und Willensleben: Bewährung
in und außer der Schule). Ter Lehrer hat oft mehrere Jahre
hindurch Gelegenheit, den Schüler auf Lebensbewährung
hin zu verfolgen. Dabei ist aber folgendes zu bedenken: Die Schule
hat die Möglichkeit der Beobachtung. In Wirklichkeit jedoch
wird der Lehrer in sehr vielen Fällen nicht in der Lage sein, bei
50 oder gar mehr Schülern bestimmte Einzelfähigkeiten ohne weiteres
genauer zu umgrenzen. Eingehender kennt er in der Regel nur
seine Hoch- und Minderbefähigten. Bei der Beobachtung kommt
es nämlich vor allem ans die Einstellung an. Was ich nicht
besonders beobachten will, sehe ich in den meisten Fällen auch
nicht! Zur Erläuterung diene folgendes Beispiel: Nach einem
Spaziergange durch die Straßen der Stadt wird auf Befragen meine
Aussage über bestimmte Dinge sehr unsicher, wenn nicht völlig un
möglich sein. Fragt mich etwa nach einem Zigarreneiukanf ein
Freund (der sich auf die neuen Preise einstellen will), was der
„Strangtabak" kostet, so kann ich ihm keinen Bestheid geben, weil
ich nur Sorgenbrecher rauche. Die Sicherheit meiner Aussage ist
eben nur zuverlässig, wenn sie auf intcresse- und willensbetonter
Beobachtung beruht.
Bei dem Urteil des Lehrers ist aber noch etwas anderes zu
bedenken: Der Lehrer beurteilt in erster Linie den Schüler, nicht
dm Menschen! Es werden wohl viele Leser aus ihrer eigenen
Schülerzeit in der Volksschule — und erst recht im Seminar — mir
bestätigen —, daß mancher Lehrer von ihrem Eigenleben, von ihren
Sonderneigungen, ihren heimlichen Wonnen imd Nöten, nichts
geahnt hat — und doch hat dieser Lehrer später dem „Schüler"
seinen Stempel aufgerückt als „dem Menschen". Hierhin gehört das
tragische Kapitel der „Verkannten", vieler Schülerselbstmorde und
der Unzufriedenheit mit den Semester- oder Entlaffungszeugniffen
Besonders der letzte Hinweis gibt manchem Lehrer — auch bei Volks
schülern — häufig Anlaß zur Stachprüfnng seines Urteils.
Die Einordnung des Schülers in die Wertskala einer Klaffen
gemeinschaft wird dämm im allgemeinen vom Stimmungsbarometer
der Klasse beffer gehandhabt, als vom Lehrer selbst. Die Kinder sind
in der Einstufung ihrer Mitschüler nach Begabung und Leistung
unbarmherzig gerecht. — Bei der Verteilung der Eisernen Krmze
bin ich in der Front immer gut damit gefahren, daß ich die ver
sammelten Gruppenführer bestimmen ließ, „wer an der Reihe war".
— Ich muß allerdings derartige Wertrmgen durch die Klassen-
gemeinsckxrft aus ethischen Rücksichten für die Volksschule ablehnen
(Bloßstellung, Schadenfreude, Ueberheblichkeit), wie sie etwa in der
Aufforderung zur Beantwortung folgender Fragen liegen: Wer ist
der fleißigste, der faulste, der tüchtigste, der bravste, der lügnerischste
usw. Schüler? Man soll nie den einzelnen Schüler offen gegen
den anderen ansspielenl Für jeden Lehrer dürfte es allerdings
aufschlußreich in bezug auf seine Wertungsobjektlvität sein, etwa
einmal folgende Frage von der Klasse beantworten zu laffen (Zettel
ohne Namennennung, verstellte Schrift gestattet): Welchen Schüler
mag der Lehrer am besten Ictoen? Schreibt, ob dieser Schüler deffen
würdig ist, wer hätte eS eher "verdient, warum? — Dabei dürsten
sich dem denkenden Pädagogen mrgeahnte Ueberraschungen und
Zweifel in die Sicherheit seines Urteils ergeben. Gestehen Uni
ehrlich, daß für manchen Großstadtlehrer die Beschäftigung mit
seinen Schülern aufhört, wenn die Schulstubentür ins Schloß ge-
schnappt ist. Wissen wir, in welchen Schlupfwinkeln rmsere Jungen
ihre Freizeit verspielen, wie oft sie im Kino die Lehre für ihr
Chauffeur.
a) Karten- und Planlesen.
b) Geistesgegenwart. Unerschrockenheit.
c) Umfangreick)e Aufmerksamkeit. Gedächtnis. Ohne Hem
mungen und Dispositionsschwankungen. Widerstands
fähigkeit^
d) Gewissenhaftigkeit. Alkoholgefahr.
e) Körper gegen Witterung widerstandsfähig. Nicht far
benblind.

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