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werden müſſe. Wir halten dieſe Einwendungen nicht
für ſchlagend. Die Proſodie, recht gehandhabt, iſt
für Schüler nichts weniger als unerqui>lich und nuß-
fo8: der Gang und Klang eines romiſchen Poems iſt,
auch wenn dieſes nicht verſtanden wird, von unwider-
ſtehlichem Zauber, und ig der Betrachtung einer Ode
oder Elegie und ihres kunſivollen Baues, wo jedes
Wort ſeine berechnete Stelle hat, lernt der Schüler
wenigſtens ahnen, von welch" wunderbarer Geſtaltungs-
fähigkeit die Sprache iſt, welche Kraft, welher Schwung
* in einem Hexameter zuſammengedrängt werden kann.
--“ Sodann: wie weit darf man in den Schreib- und
Sprachübungen gehen? Antwort: nur ſo weit, als
es der für Realſchulen in dieſer Beziehung zu ſtellen-
den Aufgabe: Erkenntniß der Eigenthümlichkeit der
Sprache innerhalb beſchränkter Gränzen, gemäß iſt.
Wenn F. W. Klumpp, Beneke, J. W. Neu-
mann in der nzueſten Zeit jene Uebungen mehr oder
kweniger auch für Gymnaſiaſten haben beſchränkt wiſſen
wollen, (ſ. beſonders Beneke*s Erziehungs - und Unter-
richtslehre. Bd. 2. S. 445 ff.), ſo hat denſelben kürz:
ſim Dr. Wilh. Münſc in Hersfeld) wieder mit großer Entſchiedenheit das
Wort geredet, in ſeiner Abhandlung „„über den ſchrift:
lichen und mündlichen Gebrauch der alten claſſiſchen
Sprachen, beſonders der lateiniſchen, in den Gymna-
ſien“ (Hersfeld, 1841). == |
Vor der Hand iſt freilich der Eifer für das Latel-
niſche in den Realſchulen und Realclaſſen nicht ſehr
großz die Zahl der Schüler namentlich, welche einen
vollſtändigen Curſus in der von uns angedeuteten Weiſe
durchmachen wollten, würde ſtets gering ſein. Daß
gar manche Schüler höherer Bürgerſchulen das Latei-
Niſche nur als eine Laſt anſehen, darf man daraus
ſchließen , daß in Preußen dann und wann an die die
Entlaſſungs-Prüfungen regelnde Inſtruction vom 8.
März 4832 und deren Forderungen in Bezug auf das
Lateiniſche erinnert werden muß. Val. Spilleke's
Jahresbericht über die Königl. Realſchule in Berlin
vom Jahre 141839. S. 19. Aber der Unverſtand kann
nie und nirgends über Werth und Unwerth eines Un-
terrichtsgegenſtandes entſcheidenz übrigens beſtredbe ſich
nur Jeder, der mit dem lateiniſchen Unterxrichte beauf-
tragt iſt, durch anregende, feſſelnde Behaudlung ſeiner
Sache Geltung zu verſchaffen, | Kl.
Laune und Launenbhbaftigkeit. Da alle
einmal gebildete Gefühle ſich mehr oder weniger in in-
nern Spuren oder Angelegtheiten erhalten und nach
und nach in verſchiedener Höhe und Ausdehnung zu:-
ſammenbilden, entſtehen nothwendig bald ſtärkere, bald
ſchwächere Gemüthsanlagen, in denen Glülich-ſein
und Unglüdlich-ſein ſich als ſtetige Mächte fixirenz; und
je nachdem nun in einer Seele mehr Steigerungen oder
mehr Herabſtimmungen Statt gefunden haben, iſt die
vorwaltende Gefühlsrihtung entweder eine vorzugs:
weiſe gehobene oder eine im Ganzen gehemmte und ge-
drükte, Sind aber in einer Seele Steigerungen und
Herabſtimmungen unter wechſelnden, ſtoßweiſe wirken-
ken Bildungsverhältniſſen auf einander gefolgt, ſind
eben deshalb Luſt - und Unluſt- Angelegtheiten durch
ginander in ziemlich gleicher Stärke und Erregbarkeit
begründet worden; ſo hat es natürlich zu einer ent-
ſchiedenen Gefühlsrichtung und Gefühlsſtimmung nicht
Fommen fönnen und es hängt nun mitunter von ſehr
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Laune und Launenhaftigkeit,.
geringfügigen Umſtänden, von ſehr ſ kungen ab, ob Luſtgebilde oder Unluſtgebilde erregt, ob
die Seele heiter oder trübe geſtimmt werden ſoll, und
dieſelbe Minute kann dann beiderlei Stimmungen kom-
men und gehen ſehen. Und eben dieſe Geneigtheit
der Seele zu raſchem Gefühlswechſel nennen wir Laune.
Mit Recht reden wir daher auch von guter wie von
böſer Laune. --- Es verſteht ſich übrigens von ſelbſt,
daß auch körperliche Zuſtände zur Laune bringen kön-
nen, da die Erregungen des Leibes oft mit unglaubli-
verhältniſſen, in die Seele hinüberzittern und dieſelbe
"bewegen, wie umgekehrt die Erregungen der Seele auf
den Korper ſich erſtreXenz; und je unſelbſtſtändiger, je
haltloſer die Seele iſt, deſto nachdrü>licher wird jede
leibliche Affection auch ſie afficiren. Daher die Launen
der Kränklichen. Cine wenig ſelbſtſtändige Seele wird
aber auch durc< jeden innern Vorgang umgeſtimmt und
bald in dieſe, bald in jene Richtung gebracht werdenz
daher die ſchwachen Geiſter immer auch launenhaft
ſind. Sehr verwandt damit iſt die Laune, welche aus
Langeweile hervorgeht: der von Langeweile Geplagte
faßt die erſte Kleinigkeit auf, welche ihn zu beſchäftigen
verſpricht und läßt ſich von derſelben in jede beliebige
Richtung bringen. Eine ſtarke, rüſtig und ſelbſtſtän-
dig fortarbeitende Seele wird von der Laune nie oder
doch nur vorübergehend bewegt. Sehr treffend cteriſire Wieland den Launenhaften in folgenden
Worten: |
Voll Eigenſinn , von Launen ſelten frei
Und ſinnreich , ſich aus einer Kinderei |
Bald Stoff zur Luſt und bald zur Unluſt zu bereiten.
Natürlich modificirt ſich die Laune nach den Grund-
beſtimmtheiten der Seele und nach den Lebensverhält-
niſſen in tauſendfaher Weiſe. Welch? ein Abſtand
zwiſchen Nero, der einer Laune zu Liebe die Haupt-
ſtadt der Welt in Flammen aufgehen läßt, und dem
Kinde , das einer Puppe den Kopf zertrümmert! Die
Sittlichkeit und Unſittlichkeit einer Laune aber (es ver-
ſteht ſic), daß auch die Laune unter eine ſittliche Con»
trole fällt) iſt ausſchließlich nach den ſittlichen oder uns
ſittlichen Gebilden zu meſſen, welche ihr gleichſam zur
Grundlage dienenz jene allgemeinen Bedingungen
können wenigſtens nur nebenbei in Rechnung gebracht
werden. Es kann ſehr edle und liebenswürdige Launen
geben (man denke an Heinrich IV. von Frankreich!)z
aber die Laune kann manchmal auh ſehr bsgartig und
abſcheulich ſein: man vergegenwärtige ſich Heinrich VI,
von England! Von der Stärke der zu Grunde - lies
genden Gebilde hängt es ab, ob die Laune blos in
Worten ſich äußern oder zur That werden ſollz viel
kommt dann auch darauf an, ob andere pſychiſche Ge:
bilde daneben unterſtüßend oder hemmend wirken.
Wie aber Alles in dex Seele nach und nach ſich
fizirt , wie auch die leichteſten Erregungen, wenn ſis
öſter ſich wiederholen, ſtetig werden, ſo auch die Lau-
nen. Je weiter Jemand in ſeiner pſychiſchen Entwi>e-
lung gekommen iſt (der Zeit nach), deſto mehr bemer-
ken wir, daß ſeine Laune beſtimmter Anregungen und
beſtimmter Objecte bedarf, daß ſie ſich individuell her:
vorgebildet hat. Manche Menſchen ſind bis zu einem
gewiſſen Puncte ganz liebenswürdijgz wird aber dieſer
Punct berührt, dann ſind ſie auf einmal unausſtehlich.
Ebenſo gibt es ernſte und in ſich abgeſchloſſene Chara-

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