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ein ausgezeicneter Mann des 18. Jahrhunderts, es
that, der verdient den Pädagogen oder Bildnern ſeiner
Beit zugezählt zu werden. Dies kann man vort Lava-
ker fagen. Wenn gleich dieſer Mann weit mehr durch
liebenswürdtge Perſönlichkeit, dürc mus ,-durch feurige Beredtſamkeit, durch Reifen, Uni-
gang und Briefwechſel mit den ausgezeichnetſten- Per-
ſonen ſeiner Zeit, ſo wie dur< einen ungebührlichen
Hang zum Wunderbären, Uebernätürlichen, Abenteuer-
lichen und Geheimnißvollen - berühmt geworden, :als
durch theologiſchen und philoſophiſchen Fotfchungsgeift;
ſo verdient er doch auch -in der pädag. Real-Encycl.
aufgeführt zu werden wegen ſeines Verſuchs, die Phy-
ſtognomik als einen wichtigen Zweig der Anthropo»-
logie zur Wiſſenſchaft zu erheben. | .
Seine früh ' geübte Beobachtungsgabe und ſeine
Menſchenkenntniß hatten ihn in den Stand geſekt, ſich
von Perſonen jeder Art nach einigem Umgange bald ein
treffendes Bild ihres Naturells und Characters .abzu-
nehmen, und da dieſes- Bild in feinem Alles zur An-
ſchauung geſtaltenden Gemüthe leiht mit der Borſtet
lung ihrer Geſichtszüge zuſammenſchmoölz, fo war es
kein Wunder, daß er ſich allmählig von einer nothwen-
digeren Uebereinſtimmung des äußeren Menſchen mit
dem inneren Überzeugte, als die behutſame Menſchen-
Funde erfahrner Weltleute 5»zunehmen wagt. :: Cs
glückte ihm auch in vielen Fa...n, ſeinen Schluß von
dem erſten Anblike einer Perſon oder ihres Portraits,
ja nur ihres Scattenriſſes,. auf ihre geiſtige und mo»
raliſche Individualität: ber :-näherer Erkundigung be-
ftätigt zu finden. Ueberall gewohnt / vom- Einzelnen
ſchnel aufs Allgemeine zu ſchließen und jede Erſchei-
nung fovicl als möglich zu verallgemeinern, kam er auch
aufden Einfall; -die Linth des Menſchenpröfils- für
zuverläſſige Merkmale des Characters zu erklären, und
die Phyſtognomik, welche bisher, was ſie auch noch iſt,
nur ein Aggregat beſcheidener, auf analoge Falle ge
gründeter Vermuthungen geweſen war, zur'-Wiſſen-
ſchaft zu erheben. Seit 1779 hing L. an dieſer Idee
und ſammelte aus allen Gegenden, die ſeine ausgebrei:
tete, Alles ,-was damals berühmt war, in ven Zauber-
kreis ſeines Unternehmens hineinziehende Correſpondenz
erreichen konnte , Schattentiſſe bekantiter Perſonen -als
Hilfsmittel und Beweisthümer feiner pſychologiſchen
Analyſe des Menſchenangefichts. Beſonders ging er auf
Chriſtusköpfe aus, und jeder-Bekaunte,- der-etwas zeich:
nen konnte, mußte ihm ein ſelbſtetfundenes Chriſtuspro-
fil liefern. Denn mit der“hriſilichen- Grundidee feines
Strebens, die Menſchheit, rit die er kindlich -glaubte,
nach dem fittliczen Vorbilde Jöfu herzuſtellen, hing. in
ſeinem menſchenfreundlichen Herzen bit“ Eharacterkunde
aus den Geſichtszügein/ als "einte -Vorklitbeit zu'“zwee-
mäßigeren Einwirkung aäuf- die- Gemüther/ “eng zu-
ſammen. ' . .* wis n “ .-. .. Ze | |
- Indeſſen mißlang ihm der Verſuch, die Phyſiogno-
mik zur Wiſſenſchaft zu erheben, denn 'er'ſchloß viel
zu raſch vom Einzelnen und- Beſonderen äufs- Allge-
meine und bezog zu einfeitig: den AusdruE des Innern
int Aeußerrt des Menſchen - auf - die Geſichtszüge,
die, wenngleich ſehr bedeutſam, 'do das Naturell und den Character des Menſchen mit ſol-
that. Darum vergriff er ſich auch oft itt feinen phyſio-
gnomiſchen Urtheilen über einzelne Perſonen, deren
Lavatker.
Geſichtszüge ihm nicht einmal nach dem Leben, ſondern
blos nach todten Abbildungen bekannt waren. S. deſ-
fen Schrift: Von der Phyſiognomik. (Leipz., 41772. 8.
Stü 1 u. 2.) und: Phyſiognomiſche Fragmente
zur Beförderung der. Menſchenkenntniß und Menſchen-
Kebe, (Leipzig u. Winterthur, 41775--8. 4 Bde.) oder
Verſuche. Fol. mit vielen Kupfern von ChodowieEy, Lips,
Schellenberg u. A. Augzug von Armbruſter. Win-
terthur, 1783-7. 3 Bde. und eine beſondere Kupfer:
ſammlung aus L's phyſiognomiſchen Fragmenten.
Winterthur, 4806. 4. --- Im Jahre 1829 erſchienen
L.?8 phyſiognomiſche Fragmente zu Wien. in 4 Bdn.
nebſt 4 Bd. Abbildungen auf 120 Kupfertafeln.
- Daß das Studium der Phyſiognomik, wie insbes
ſondere für den Ärzt, ſo auch für den Pädagogen von
Widtigkeit ſei, iſt wohl ünleugbar. S. Niemeyer's
„Grundſäße' u. ſ. w. 14. Th. S. 523. Eben daſ. auch
ein intereſſanter Aufſaß N.?8 unter dem Titel: „Phy-
ſiognomiſche Beobachtungen.“ 6. 3. f. S. 524. Goe-
the nannte L. ein „phyſiognomiſches Genie" und bes
ruft ſich auf die meiſterhafte Characterſchilderung. der
beiden Grafen von Stolderg. Indeß obſchon die
(Grundloſigkeit der Phyſiognomik längſt erkannt iſt, ſo
zeigt doch. L.?8 Phyſiognomik rühmlich von dem Scharf
ſinne , der tiefen Menſchenkenntniß und dem unermüde-
ken Fleiße ihres Ürhebers, NIRRREn
Am ſtärkſten, obwohl mehr ſatyriſch, als ſcientifiſch,
erklärte ſim Lichtenberg dagegen in dem Auffſaße:
„Ueber Phyſiognomik, wider die Phyſiognomen“ (zu-
erſt im Gött. Taſchenbuch vom-Jahre 1778, dann auch
beſonders als 2. Aufl. (Göttingen, 1778. 8.) und
nachher nebſt andern kleinen .antiphyſiognomiſchen Auf«
ſäßen in. Lichtenberg's geſammelten Werken abges
druEt). Im 5. Bd. pon L.'8 nachgelaſſenen Srifs
ten herausgegeben von. Geßner (Züri, 1801--2.
5. Bde. 8.) befinden ſich auch noch; Hundert phyſios -
gnomiſche Regeln mit vielen Kupfern. =-- Eine neuere,
mit vielen Zuſäßen und Verbeſſerungen, auch Zeichnun:
gen, verſehene franzöſiſche Ueberſezüng des großen phys
ſiognömiſchen Werkes L:?8 erſchien unter dem Titel:
L'art de connattre les hommes par la physiono-
mie etc. Paris. 1835. ff. 10 Bde. 8,“ Vielleicht iſt's
aber auch nur: eine verbeſſerke Ausgabe der im- Jahre
1803 erſchienenen Ueberſebun“ + ---- - 1.
Urid nun no blikte- das Licht dieſer Welt zu: Züric< am 15. Novem:
ber 1741. Hier war ſein Vater Arzt und Bürger und
ſtand daſelbſt -in hoher- A lebhafte Frau von gutem Vörſtande und ſtarken Leiden»
ſchaften, hielt das, ohnehin: mehr zarte, als kräftige
Naturell ihres Kindes dureh launenhafte Strenge nie
der, und er wurde- unter “ihrer Ruthe - ein weinerlicher
und furchtſarner Knabe, der, blöde unter ſeinen Ge«
Pielen, ungelehrig in der Schule, am behaglichſten in
ſtillen Träumereien , bei denen 48- immer auf. geheime -
Wirkungen hinauslief, und: in einſamen. Spielen mit
allerlei Wachspüppchen, die er ſich ſelbſt-geſtaltete;- Anla-
gen der Phantaſie utid .dös Bildungstriebes, dü Fonſt
Michts Bedeutendes vörigth.“ ::' Dabei 'nyälhrn fein bilfe«
ſuchendes Herz früh: die-Nichtung- auf Gotts Bibelleſen
und Gebet wurden ihm Bedürfniß, und ſchon als Schü
ler der untern Gymuaſiakclaſſen fingen ſeine: Erfahrun
gen von der Erhörung-feiner beſtimmteſten Bittgebete
an, womit es mtiſt- ſehr natürlich zuging. - Merklicher

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