188
als Vorſtellungen, oder Begehrungen, oder Gefühle,
odder als Begriffe, Urtheile u. ſ. w. bezeichnet werden.
Die Seelenlehre iſt eine Erfahrungswiſſenſchaft
durch ihn geworden, wo man nicht mehr, wie früher;
im Finſtern tappt und ſich nur mit Vermuthungen be-
hilft, ſondern wo der, der die Elemente und die Ent-
wi&elungs8geſeße kennt, im Voraus beſtimmen kann,
was unter gegebenen Verhältniſſen in einer Pſyche ent-
ſtehen wird und muß. Man vgl. den Art. Erfah-
rung in der Real-Encycl., wo Näheres hierüber zu
ſeſen iſt (die daſelbſt citirten andern Artikel nicht zu
überſehen!)
Natürlich erſcheint die Seele nag Beneke's Pſy-
Hologie als ein ganz anderes Weſen, als man ſie frü-
her anſah. Nicht einfach iſt ſie, ſondern ſehr zuſam-
mengeſest (vollſtändig erklärt ſich darüber der Artikel
Einfachheit in der Real-Encycl.), nicht bei der Ge-
burt ſchon begabt mit Kräften, die nur ſchlummerten,
wie Verſtand, Urtheilskraft, Gedächtniß, Wille u. ſ. w.,
ſondern blos mit Vermögen, die dreierlei Eigenſchaften
beſigen und fünferlei Entwielungsgeſeße in ſich tragen,
Übrigens aber gänzlich leer ſind (ſ. Angeboren, An-
trieb, Begehren u.ſ.w.). Alles Spätere entſteht
nad der Geburt in ihr, iſt Product. aus Factoren, die
nach ſtrengen Entwi&elungsgeſeßen ſich von einander
ableiten, ſic) auf- und übereinander bilden (man denke
hierbei an nichts Räumliches), ſich als Spuren erhalten
(Spur == unangeregt, gleichſam pauſirend fortdauerns
der Seelenact) und ſpäter nur reproducirt, nie wieder
von Neuem gebildet zu werden brauchen (ſ. Angelegt:
Heit, Bildungsvermögen u, [ſ. w.). “Was man
zeither Verſtand, Wille, Geſühlsvermägen u. ſ. w.
nannte, ſind nur Formen dieſer Entwielungspro-
ducte, gleichſam an denſelben ſich vorfindend, folglich
das Bewußtſein ſo ſtark einnehmend, als ſeien ſie für
ſich beſtehende pſychiſche Subſtanzen (hinlänglich erörtert
in dem Art. Form). Die Entſtehung des Bewußt-
ſeins hielt die frühere Pſychologie für rein unerklärbarz
Beneke hat ſie erklärt, daß alle Räthſel wegfallen (ſiehe
Bewußtſein); die Freiheit hat durch ihn klares
Licht bekommen, iſt für immer gegen alle Zweifel ges
rettet (worüber ſich vorzüglich der erſte Theil von Bes
neke's Sittenlehre verbreitet) und auc< die Unſterb-
lichkeit iſt dur< dieſe Pſychologie feſter geſtüßt, als
jemals. Man ſ. Beneke's Metaphyſik.
Kein Wunder, daß alle die vorgenannten Wiſſen-
ſchaften, deren Begriffe Begriffe von pſy ſchen Producten ſind, durch die ſo reformirte Pſy-
müſſen. Sehr gut erklart ſich im Allgemeinen hierüber
Beneke ſelbſt in ſeiner Schrift: Die Philoſophie
in ihrem Verhältniſſe zur Erfahrung, zur
Speculation und zum Leben dargeſtellt von Dr.
Fr. Ed. Beneke, Berlin, Poſen und Bromberg, Siegfr.
Mittler. 1833. 25 Ngr., und ganz hiether gehörige
Bemerkungen findet man in dem Art, Beneke in der
Real:Encycl. auf S. 262, wo auch eine Characteriſtik
ſeiner bis dahin erſchienenen Werke gegeben iſt.
Um dieſe- Characteriſtik fortzuſeßen und zu ergänzen
(mehr bedarf es hier nicht) bemerken wir Folgendes.
Für ſein Hauptwerk nächſt den „„pfychologiſchen
Skizzen“ erklärt Beneke ſeine „Grundlinien der
'Sittenlehre'“' 2 Bde. (Berlin u.ſ. w., Verlag von
Leiſtungen,
Mittler 1837 und 1841)- Und in der That bricht -
dieſe Schrift für die Probleme ſittlicher Natur eine ganz
neue Bahn. Die Fragen: Was iſt ſittlich re ni ſie angeboren, oder ſelbſt ein EntwiFelungsproduct?
Wie ſteht es mit den Gütern und Uebeln, die von
Manchen als die alleinigen Beſtimmungsgründe des
menſchlichen Thuns und Laſſens bezeichnet worden ſind?
Was iſt das Gewiſſen? Wonach beſtimmt ſich die
Zurechnung? Was iſt ſittliche Freiheit und wie kann
ſie mit den als unabänderlich wirkenden Naturgeſeken
der pſychiſchen Entwikelung beſtehn? Wie entſtehn
die menſchlichen Neigungen (Zu- und Abneigungen)?
Wie kann das, was insgeſammt in der menſchlichen
Seele anfangs indifferent gegen das Moraliſche iſt, ſich
doh allmählig zu moraliſchen Producten entwi&eln?
Welche Kunſtlehre iſt aufzuſtellen, um die moraliſche
Entwikelung des Menſchen zu fördern, die Hemmune«
gen derſelben zu beſeitigen? =- Dieſe und viele andere
Fragen ſind mit einer Entſchiedenheit beantwortet, daß
für den, der die neue Pſychologie kennt, nichts zu wün:
ſchen übrig bleibt. -
Eben ſo trefflich iſt ſein neuerdings erſchienenes „Sy-
ſtem der Logik“ --- ein Werk, das den alten Sauere
teig von Irrthümern, die auf dem Gebiete der Denk»
lehre biSher das Wahre ſo ſehr verkümmert haben, bis
auf den Grund ausfegt und ſich namentlich durch eine
größere Gemeinfaßlichkeit der Darſtellung auszeichnet,
als ſich dies ſonſt von Beneke's ſtreng wiſſenſchäftlichen
Schriften (die kleinen Schriften deſſelben ſind ſehr vers
ſtändli<) ſagen läßt. Das „Lehrbuch der Logik,“
das früher erſchien, iſt wegen ſeiner großen Gedrängt«
heit ſehr ſchwierig. Der vollſte Titel von jenem beißt:
Syſtem der Logik als Kunſtleögre des Denkens
von u. f. w. 2 Thle. Berlin, Dümmler, 1842. 3 Thlr.
Hier iſt Alles, wie auch ſchon in ſeinem „Lehrbuch,“ ſtreng
genetiſch) behandelt, ſo daß man klar mit Augen ſieht,
wie aus den Anſchauungen die Begriffe, aus dieſen die -
Urtheile, aus dieſen die Schlüſſe, aus dieſen die Ein-
theilungen, Erkläxungen u. ſ. w. hervorgehn; was bei
jedem folgenden Producte zu den früheren, als deren
TJackoren, hinzukommk?, welche Entwielungsgeſeße über»
all den Ausſchlag geben u. ſw. Zugleich iſt auf jeder
Entwielungsſtufe eine practiſche Betrachtung -angs-
ſtellt, -wie das vorher Erörterte zu begünſtigen, Sts-
rungen und Hemmungen abzuwehren, und ſo eine alls
ſeitige Vervollkommnung des Logiſchen zu erzielen fei,
was Beneke die Kunſtlehre des Denkens nennt, und
wo man gänz andere Rathſchläge gegeben findet, als in
unſeren zeitherigen Lehrbüchern der Logik. Namentlicy)
iſt.auch das ein großes Verdienſt dieſer Schrift, daß
ſie ſtreng das Denkliche von dem ſcheidet, was den
Denkacten vorangeht und zur Seite liegt, gleichwohl
aber im Denken verarbeitet und zu Begriffen, Urtheis
len u. ſ. w. erhoben wird, ſo daß alſo die Grundlage
(Grundverhältniſſe) des Denkens von dem Denken ſelbſt
ſcharf ſich abſondert (m. ſ. d. Art. Denken in der Reale
Encycl.). Sodann iſt beſonders hervorzuheben der
dritte Haupttheil, wo das Denken und Erkennen in
ſeinem Geſammtleben betrachtet und beides wieder in
ſeinem Zuſammenwirken mit dem Aeußern und Innern
beleuchtet iſt. Gleich das erſte Capitel: das Denken
als Erkennen, oder in wiefern es beſtimmt iſt, das Obs
Jective in ſich darzuſtellen, iſt hier eine neue logiſchs

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.