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ſebt ſich das Kind am lebendigſten und liebſten in die
Lage der Erwachſenen , weil es niemals Kind zu bleiben
wünſcht, ſondern immer den Blik vorwärts richtet.“
. Zu den Schriften , die vorzüglich moraliſche Erzäh-
kungen geben, gehören: - |
VW. C. LC. v. Türk, der neue Kinderfseund. (Eine neue
Auflage des v. Ro Dr. I. Fr. Wilberg, Leſebuch für Kinder in Stadt - und
Landſc Dr. I. F. S Mädchenſchulen. 4. Aufl. Gießen 1842, 124 Sgr.
Der zweite Theil von Thiem e's Gutmann.
Vogel, deutſches Leſebuch für Schule und Haus.
ders empfehlenswerth.)
4) Von vielen Seiten her fordert man , daß ein
Schulleſebuch zugleich ein Lehrbuch gemeinnükßiger
Kenntniſſe ſein ſoll, Auch die k. ſächſiſche Ges-
ſebgebung fordert, wenigſtens für die Oberclaſſe, ein
ſolches Leſebuch. (Verordn. z. Schulgeſ. 8. 47. 3.) Dieſe
Forderung ſc von aklken: denn die Volksſchule unſrer Zeit ſieht ſich
genöthigt, jene Unterrichtsgegenſtände in ihren Kreis zu
ziehen, Dieſe Gegenſtände ſind aber von der Art, daß
beim Unterrichte darin ein Leitfaden nicht wöhl enttehrt
werden kann. Selbſt die Gegner dieſer Anficht geſtehen
das halb und halb zu. So ſagt Kellner (a. a. O.):
„Die Forderung, in einem Leſebuche zugleich ein Lehr-
buch der Realien zu liefern, weiſe ich gänzlich ab. =-
Wohl können einzelne friſche Zweige aus der Natur-
geſchichte, Geſchichte, mathematiſchen Geographie u. ſ. iv.
vorkommen, wie dies 3. B. in Oltrogge*s und
O. Schulz's Leſebuche der Fall iſt, wie aber ſoll das
Buch einen ganzen zuſammenhängenden Curſus bie-
ten.“ =- (Vergl. auch Dieſterweg?s Anleitung zum
Gebrauche des Schulleſebuchs u. ſ. w. S. 17 f.) Können
wir aber in der Vo'!ksſchule überhaupt viel mehr geben,
als friſche Zweige jenes großen Baume8? und was
ſchadet's, wenn in einem Leſebuche für Oberclaſſen dieſe
Zweige in einen gewiſſen Zuſammenhang gebracht und
in ihrer Verbindung mit dem Stamme nachgewieſen
werden? =-- Viele Schulbücher können wir nun einmal
in die Volksſchule nicht einführen: darum laſſe man
es immerhin geſchehen, daß das eingeführte Leſebuch
zugleich ein Lehrbuch derjenigen Realien fei, die man auch
mit dem Namen der „Weltkunde“ zu bezeichnen pflegt.
Eine lange Reihe ſolcher Lehrbücher iſt in dem Artikel
„Gemeinnübßige Kenntniſſe“ (Bd. 1. S. 753f.)
aufgeführt worden.
Mane jener Leſebücher behandeln die gemein-
nübigen Kenntniſſe mehr vom Standpuncte ſpe-
zieller Vaterlandskunde, wie Otto*s ſächſiſcher
Kinderfreund u. a. =- Aber gleichwohl haben die Ver-
faſſer ſolcher Shriften nicht vermeiden können, auch
Gegenſtände hincinzuzichen, die mit dem Vaterlande
in gar keiner Verbindung ſtehn, z. B. allgemeine Na-
turlehre und Naturbeſchreibung. (Bei Wilmſemn's
Brandenburgiſchem Kinderfreunde iſt das „Branden-
burgiſch““ nur ein Aus8hängeſchild; denn das Buch
nimmt auf das Brandenburgiſche nirgends beſondere
Rüſicht.) Nur in größern Schulanſtalten ſind Lehr-
dücher der Vater'andskunde für irgend eine Mittelclaſſe
drauchbar: in der Volksſchule müßte man neben ihnen
doch noch ein anderes Leſe= und Lehrbuch baben.
5) Einige meinten, allen Forderungen zu gnügen,
wenn ſie das Leſebuch zu einem Factotum , zu einem
(Beſon-
+
Leſebücher.
bunten Allerlei, zu einer Encyclopädie aller nut
möglichen Lehrgegenſtände machtenz darum gä-
ben ſie nicht blos Leſeübungsſtü>ke, moraliſche Erzähe
lungen und gemeinnübige Kenntniſſe, ſondern auch Re»
ligionslehre, Grammatik und Orthographie, ſogar Auf-
gaben zum Rechnen u. ſ. w. == Gerade dieſes Bunto
gefiel, und Schriften dieſer Art haben das meiſte GlüE
gemacht. Nad ſolchem Plane ſind z. B. zugeſchnit-
ten: der deutſche und der brandenburgiſche Kinderfreund
von Wilmſen, der neue deutſche Kinderfreund von
Zerrenner, der Volksfreund von Hempel, Dr.
Sc Volksſchulen, das Lehr- und Leſebuch für Mittelclaſſen
von Reh, das Lehr- und Leſebuch für deutſche Volks»
ſchulen (Leipzig, Baumgartner) u. a. m. =- Die neuere
Pädagogik hat ſich gegen dieſe Bücher erklärt, und faſt
in allen pädagogiſchen Zeitſchriften ſind namentlich die
Wilmſen'ſchen und Hempel'ſchen Schriften in ihrer
Blöße dargeſtellt worden. Schulz ſagt über den Inc
halt ſolcher Bücher: „I< weiß nicht wie es mich an»
muthet, wenn ich in einem Leſebuche Sprachlehre und
Orthographie, Geſchihte und Geographie, Naturge»
ſchichte und Naturlehre, Geſundheitslehre und Münz
kunde, Belehrungen über Obrigkeit und Geſetße, kurz
ein nübßliches Allerlei finde, das in einem Noth- und
Hilfsbüchlein für Mildheim ſich recht gut, aber in einem
Lchrbuche für Schulen ſehr ſchlecht ausnimmt. Das
Uebelſte dabei iſt, daß ſolche Belehrungen meiſt mangel-
haft und oft durch die größten Irrthümer entſtellt ſinds
das Sonderbarſte aber, daß das Leſebuch ſich in ein
Handbuch verwandelt, in dem die meiſten Abſchnitte
gar nicht zu leſen ſind, wie bei Hempel und Zerrenner
die Abſchnitte über Maaße und Gewichte, bei Wilm»
ſen der Abſchnitt über Verdauung, bei Hempel der
Abſchnitt über Rechtſchreibung und über die Wörter
aus fremden Sprachen.
6) Hören wir endlich die eigene Anſicht des Pro»
vinzial-Schulraths O. Sc von einem Leſebuche für Volksſchulen zu fordern ſei.
„„Ein rechtes Leſebuch für Volksſchulen muß in gt-
wiſſem Sinne ein Volksbu ſein: eine reiche und
wohlgeordnetke Sammlung volksmäßiger Gedanken, Er»
zählungen und Betrachtungen, in einer anziehenden
und wenn ich ſagen darf, volksmäßigen Darſtellung,
Es gibt eine Menge ſchöner Denkſprüche. in denen
Männer aus dem Volke ihre practiſche Weisheit nie
dergelegt haben, eine Menge Fabeln, Sagen und Ev
zählungen , die im Volke fortleben, eine Menge welt-
licher und geiſtlicher Lieder, (die geiſtlichen Lieder ſtehen
ja im Gefangbuche, was ſollen dieſe noch im Schub
buche?) die theils Volkslieder ſind, theils verdienen
Volkslieder zu werden; es gibt endlich belehrende Dar-
ſtellungen genug, die nicht für die Gelehrten, ſondern
für die Verſtändigen im Volke geſchrieben ſind; nicht
gerade ſo klar, daß ſie jeder Schulknabe ſogleich verſts-
hen kann, aber doch ſo faßlich, daß die Erklärung des
Leſeſtü>s bei einigem Geſchi des Lehrers keine Schwie?
rigkeit hat. Solche Leſeſtü>ke bilden den eigentlichen
Inhalt eines tüchtigen Leſebuchs für Sc Leſebuch iſt meines Erachtens das beſte, das ſolchen Stof:
fes am meiſten und zugleich in der anſprechendſien
Form gibt. Man follte doch endlic;) von dem Gedan»
ken zurüfkommen, daß- ein Leſebuch für Sulen nzty
ein Kinderbuch ſein ſollz es iſt gewiß auch für Kiw
-.

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