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aufgehalten. Nur die Weiber traten nach orientaliſcher
Sitte auch in Perſien zu ſehr in den Hintergrund.
Die Geſchichte der Erziehung im alten Perſien ſtellt
Schwarz in ſeiner „Geſchichte der Erziehung“ (Th.1.
S. 119 f.) in folgende Haupipuncte zuſammen:
1) Nur das männliche Geſchlecht wurde, mit der
orientaliſchen Zurückſchung des weiblichen, der Bildung
gewürdigt. 2) Der Knabe ſtand in den erſten 5 Jah-
ren untcr mütterlicher Pflege, dann trat er aus der
hauslicken Erziehung den ganzen Tag über, und kam
in die öffentliche. 3) Seine Schule beſtand in dem Zu-
ſammenleben mit ſeines Gleichen, wo er an die einfache
Diat und an Selbſtbeherrſchung gewehnt wurde. 4)
Der ganze Unterricht, den er da erhielt =- vom 5. bis
20. Jahre -- war blos auf drei Dinge beſchrankt, auf
Reiten, Bogenſchießen und auf Wahrhaftigkeit,
denn das Lügen galt bei ihnen für die großte Schande.
Ob er in dieſer gemeinen Anſtalt auch leſen und ſchrei:
ben lernte, ijt zu bezweifeln. Seine Aufſcher und Leh-
rer waren bejahrte Manner, welche auf ſeine ſittliche
Denakungsgart durch ihr Beiſpiel wirkten. 5) So wie
er 15 Jahre alt war, trat er als angehender Jüngling
noch mchr aus den bäuslichen Verhaltniſſen in die
oſfentliche Erziehung ein, die aber nunmehr in ſittlichen
und förperlichen Uebungen beſtand. Cs war Uebunz
für Jagd und Krieg, ähnlich den Uebungen der alten
Deutſchen und dem Turnen ſeit Heinrich 1., aber eben
ſs wenig als dieſes eine freibildende Gymnaſtik der Grie-
zu bilden. 6) Hatte der junge Perſer auch hier 10 Japre
zugebracht, und war er alfo 25 Jahre alt geworden, ſ9
wurde er unter die Manner gezahlt, und lebte im ge-
meinſamen Verbande für Staats - und Kriegsdiet:ſte.
7) Der Z50jaährige Mann wurde von dieſen Dienſt-
pflichten fret, mußte aber dem Staate ſich durch jenes
Zuſammenleben, das mit Aufſicht und Beiehrung der
Jugend verbunden war, noch fortwährend widmen. --
8) In Aliem war das gemeine Beſte der Zwe>, und
wer ſich nicht jenen Bildungsgang gefalien ließ, gelangte
nicht zu Amt und Anſehn. Die Geſeke ſoilten. auf
ſelbe Art dem Perfer zur Sitte und andern Natur
werden. So war es alſo eine öffentliche Erziehung.
Nicht klar liegt es indeſſen vor, ob nicht außer die-
ſer Nationäalerziehung der Perſer, etwa für die vornch-
meren Stämme, da dieſe 12 nicht gleichen Nanges waren,
oder auch nur für den vornehmſten, den der Paſarga-
den, welcher bei dem Hoflager der Könige diente, und
aus deſſen edelſter Familie , den Achameniden, die Ks-
nige ſelbjt genommen wurden, zur Zeit ihrer Babyloni-
ſchen Herrſchaft eine höhere Erziehung ſtatt fand. We-
nigſtens berichtet der griech. (Beſchichtsſchreiber Xeno-
phon anderswo und aus der Zeit des jüngern Kyrus,
d. i. gegen 400 vor Chriſtus von einer Hoferziehung,
worin dieſer, der ſich durch Lernbegierde, Anſtrengung,
jene körperlichen Uebungen, und Überhaupt in Allem
und unter Allen als der Trefflichſte ausgezeichnete, mit
ſeinem Bruder und andern Kyaben gebildet worden,
„Alle Knaben der vornehmen Perſer, beißt es da,
werden nämlich in- dem Pallaſt des Königs erzogen,
wo jeder die Selbſtbeherrſchung ſehr gut lernen kann,
und nichts Unanſtändiges ſieht und hört. Denn die
Knaben bemerken da, wer beim Könige Ehre oder Un:
edre erhält, und ſo lernen auch ſie ſchon als Knaben
tezieren und“ regiert worden."“ Siehe über dieſea Prtyct

Perſer. == Perſönliche Neigungen.
und insbeſondere über die Erziehung des Kyrus (in
der Bibel „Kores'' genannt) Cramer's Geſchichte der
„Erziehung“ 1. Bds. S. 80 f..).
Dem Weſen nach wäre alſo dieſe höhere Erziehung
von der gemeinen der Perſcr nicht verſchieden geweſen,
Allein nicht lange vor ihrer Herrſeraft zu Babylon,
fand daſelbjt am Hofe Nevbucadnezars eine Art Pagen:
erziehung ſtatt, wo die Knaben gute Vorköſtigung und
Unterricht, auch in der Sprache, erhielten und davei den
Dienſt bei dem Konige verrichten mußten. Dieſer Er:
obercr nahm ſelbſt aus der jüdiſchen Nation, die ex in
die babyloniſche (Gefangenſchaft geführt hatte, Knaben,
welc>e dur< Schonheit, Anlagen und Geburt ausgze:
zeichnet waren, in dieſelbe aufz unter dieſen war auch
Daniel. (Dan. Cop. 1.). |
Schwarz iſt in ſeinen Mittheilungen dem griech,
Geſchichtſchreiber Herodot gefolgt. Zugleich erfah:
ren wir von dieſem, daß die Perſer Tempel, Bild:
ſaulen und Altäre zu errichten für Thorheit gehal:
ten hatten, weil ſie nicht gleich den Hellenen geglaubt,
daß die Gotter von Menſchenart waren. Welch? eine
bellere Anſicht!
In dem, was Schwarz in Betreff der in Perſien
eingeführten Erziehungsweiſe zuſammenſtellt, ſind leicht
die beſſeren Clemente zu einer tüchtigen Volkserziehung
nachzuweiſen.
In den erſten Jahren wird der Grund zu einer
fetten Anhänglichkeit an die Mutter gelegt und das Ge-
fühl der Schaam, das Überhaupt im Umgange mit Frauen
am betten gedeiht, erweckt und velebt, und darauf kam
es den Perſern beſonders anz dann ſoll der Körper durch
«Gymnaſtik geſtahlt, und daneben der Gei't ſittlich rein
erhalten werden, denn Wahrhaftigkeit iſt die Grund-
lage aller ſittlichen Bildung. Neligisſe Vorſtellungen
practiſch-verderblicher Art ſind nicht vorhanden, ſo daß
die Perſer, ware nur noch ein wiſſenſchaftliches Stre-
ben unter ihnen erwacht, gewiß eine ſehr ehrenvolle
Steie in der Geſchichte der Erziehung und des Unter:
richts einnehmen würden. Allein ſchon unter Kprus
wurde, wenigitens nach Platos Anſicht, der Grund zu
dem nachmaligen Verderben gelegt, indem ſchon unter
ihm an die Stelle der alten einfachen Erziehungsweiſe
des Derſervolkes die verweichelnde der Meder, die Er»
ziehung im Serail, trat, D3 Beiſpicl des Kyrus
ahmten die Großen 28er4-« on oden ergoß ſich dann
das Verderben über d& Natlon. S. Niemeycrs
(des Sohnes und Prof. in Halle) „Ueberblick der all:
gemeinen Geſchichte der Erziehung und des Unterrichts
bis auf die neueſten Zeitenz“ 3. Theil der Niemeyer":
ſchen „„Grundſäße“ u. [. w. in der lebten Aufl. S. 309f.
Perſönliche Neigungen. Anknüpfend an
das. oben in dem Artikel Neigungen Geſagte bemer:
ken wir hier zunächſt über das Weſen der perſönlichen
NN. nur, daß wir unter denſelben diejenigen ge»
müthlichen Bildungen verſtehen, in denen. die Vorſtel?
ſungen von andern Menſchen einen vorwaltenden Bt:
ſtandrheil ausmachen und die Grundlage aller Sympa
rhien und Antipathien bilden. Schon dies deutet an,
daß wir es hier mit denjenigen Neigungen zu thun ha*
ben werden, welche nach ihrer Vielfachheit und na ih-
rem Einfluſſe auf alle menſchlichen Verhältniſſe dit
wichtigſten. ſind: Wohlwollen: und. Uebeltvollen, Freund»

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