Perſönliche Neigungen,
ſchaft und-Feindſchaft, Liebe und Haß, Vertrauen und
Mißtrauen gehören hieher.
Angeboren ſind dieſe Neigungen ſo wenig als alle
üpbrigen , ſie müſſen ſicß vielmehr erſt bilden, bilden ſich
aher freilich ſchon früh in Lieſer oder jener Michtung
aus, was wohl auch der Grund geweſen ijt, daß man
nicht ſelten von Gemüthern geredet hat, welche von
Natur zu liebevollem Walten, zu mißtrauiſchem Weſen,
zu wohlwollendem Anſchließen geneigt ſeien. Wie
aber bilden ſie ſich2? Da iſt nun zuvorderſt zu beach-
ten, daß nicht blos die Spuren von Lujtempfindungen
ein gewiſſes Aufſtreben in ſich enthalten, ſondern aud),
obwohl am ſchwächſten, die der Vorſtellungen. Daß
ſolche ſtarker im Bewußtſein ſich ankündigen, dazu ge-
hört allerdings eine größere Zuſammengeſebtheit und
Ausdehnung der Vorſtellungen 3 ſolche aber werden in
ginem- ſehr lebendigen Aufitreben ſich geltend machen
z:nd ein dieſem entſprechendes Handeln bewirken. VWer-
anſchaulichen wir uns dies durc< ein Beiſpiel. Je-
mand hört, es ſei ein Kind ertrunken; doch wem es
gngehöre, erfahrt er noch nict. Sogleich wird er die
unglüFlichen, troſtloſen Eltern deſſelben ſich vergegen-
wärtiger: , und ihren Schmerz ſympathetiſch nachbilden z
die Vorſtellung wird vielleicht lebhaft, aber doch vor-
übergehend ſein, Nun aber denke man, es komme
ihm vervollſtändigend die Nachricht, das Kind gehere
ſeinem Bruder oder Freundez wie wird jekt die Vor-
ſtellung von dieſem ſein ganzes Bewußtſein erfüllen,
ſeine ganze Seele beſchäftigen! Und wenn ihn nun gar
die Kunde träfe, ſein eigenes Kind ſei von den Welien
verſchlungen worden? =- Kurz, alles Intereſſe, das
wir an den Erlebniſſen und Beſtrebungen andexer
Menſchen nehmen, beſtimmt ſich nah der Uusdehnung
und Macht, welche die Vorſtellung eben dieſer Men-
ſchen in unſerer Seele gewonnen hat. Denn noth-
wendig itt es: „je höher geſteigert die Vorſtellung eines
Menſchen von uns aus8gebildet wird, deſto lieder und
öfter Lehren wir zu ihr zurü, deſto mehr ſuchen wir
uns dieſem Menſchen zu nähern, mit ihm zuſammen
zu ſein, von ihm zu crfahren, und mit einer deſto grö-
ßeren Anzahl von Spuren alſo begründet ſich im All:
gemeinen die Angelegtheit für ihn“ z je vielfacher be-
gründet aber die lektere iſt, deſto häufiger wird ſie im
Bewußtſein hervortreten, und unſere Theilnahme für
jenen wird immer mehr ſich erhöhen, unſere Aufmerk-
ſamkeit auf ihn immer geſpannter werden. Jndeß
(äßt es fid) denken und geſchieht es oft, daß unſe. In-
freſſe ganz unabhängig iſt von Annehmlichkeiten und
Forderungen, weiche unſer Vorſtellen allerdings mit
beſtimmten Perſönlichkeiten in Verbindung bringen
Fkann. Jeder Mutter iſt ihr Kind das theuer/te und
erſ für Stunde von demſelben in Anſpruch genommen, in
antdern Arbeiten geſtört, aus dem Schlafe aufgerufen
wird und an ſich geringe Urſache hat, ihren Liebling für
einen Engel zu halten. Einem Parteimanne iſt wahr»
' feheinlich Niemand wichtiger als ſein Nebenbuhler, der
ihn aus ſeiner Poſition zu verdrängen und niederzu-
kämpfen drohtz deſſen Vorſtellung iſt daher immer rege
bder wird es beim kleinſten Aureiz, und obwohl damit
kauſend widerwärtige Empfindungen hervortreten, kann
ex ihn doch nicht, wie man im Alltags8leben ſagt, aus
dem Gedanken bringen. = Hiermit iſt jedoH ſchon
derührt, was wir nun binzuzufügen haben: an die
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Vorſtellungen, welche wir von andern Mettſchen in
größerer oder geringerer Stärke bilden, ſchließen ſich) in
den mannigfaltigſien Modificationen Luſcgebilde und
Unluſtgebiide, Schazungen , Wegebrungen und Gegen-
ſtrebungen, und es konnen dieſelben zuweilen mit ſo!:
ſich geltend machen und im Bewußt-
ſcin ſich ankündigen, daß Tie Perſonenvorſtieitungen
niedergehalten werden. Wiel kommt hierbei varauf «4,
in welcher Ausdehnung umd mit weicher Starte die
Borjtellung unſerer eigenen Perſonliczeeit ſich gebildete
und in welche Verbindung ſie mit jenen Luiilgebitden
und Unluſtgebilden ſic) geſoßt hat.
Die meiſten perſonlicyen Neigungen nun ſind aus
dieſen drei Clemcezaten zuſammengebildet, und es braiht
nicht geſagt zu werden, daß wir es bier mit einer Un-
Überſehlichen Mannigfaitigkeit zu tbün baben. Hier
konnen wir nur auf die allgemeinſten Verhaltniſſe ein-
gehen. Betrachten wir zuerſt näber das VWerhältniß
der auf das eigene Sein ucrichteten Vortieüungsange-
legtheiten zu den auf andere Menſchen bezüglichen.
Cs liegt ganz in dir Natur der Dinge, daß ein Jegli-
Bezügliche ſchon in der erſten Zeit ſciner Cntwikelung
am haufigſten vorſtellt und daß alſo frühzeitig ſchon die
Vorſtellung des eigenen Selbſt in jedem eine ſtarte
Angelegtheit wird. , C8 kommt nun vorzugsweiſe auf
die Bildungsverbäliniſje an, ob dieſelbe zu übergroßer
Stärke anwachſen und in Seibtboſränktheit und
Selbſtſucht ausarten, oder ob ihr, durc Bildung eine
größere, auf andere Menſchen bezügliche Vorſteliungs-
maſſe, ein Gegengewicht gegeben werden wird. Die
Selbſtbeſchränktheit aver kann eine mehr allgemeinc,
oder eine ſpeciellere ſein. Ju erzierer Beziehung denke
man an das Verhältnis der jungen Spartaner zu den
Heloten 3 im leßteren vorgegenwartige man ſich das Ver-
halten eines krafrigen Knaben zu einem ſtets unterwür:
figen Dienſtboten. Vgl. den Art. Selbſibeſchränet-
heit. Aehr.lich bei der Selbſtſücht.
Ie größer nun aber die Gefahr, daß die qu? das
eigene Seibſt gerichteten Neigunzen zu übermäßiger
Stärke ſchon in der erſten Lebensperiode anwacſen,
deito mehr iſt es die Aufgabe des Erzie ers, für ein
hinreichendes Gegengewicht zu ſorzen, d. h. die Vor:
ſteilungen von andern Menſchen, von ihren Schifalen,
Bedürfniſſen und Intereſſen, in angemeſſencr Stärke
bilden zu laſſen. Wie ſelten dieſe Aufgabe mit rechten
Ernſie behandelt wird, zeigt allenthalben die Erfah-
rung. „„So werden überzärtliche Sorge für das Kind,
zu ängſtliche Wartung, Pflege, Bedienung faſt unver-
meidlich eine tiefbegründete Sclbitveſcränfktheit zu Folge
haben. Wo ſich in einem Familienkreiſe A'!cs um das
Kind dreht, alie Andern, nach dem Beiſpiele der Ael-
tern, nur da zu ſein ſcheinen, um ihm ſcine kleinſten
Bedürfniſſe und Wünſche, ſchon « zuſehen und zu befriedigen: da muß das Kind in die-
ſelbe Stimmung hineingezogen werden. Daber die
große Gefahr langer Kränklichkeit in früheſter KindHei:,
wo eine (mehr oder weniger fortgeführte) Entwie-
ſung in dieſer Richtung kaum zu verhüten ſcin möchte.
Auf der andern Seite können tyranniſche Bebandlung,
launiſches, willkürliches Verſagen und Vernachläſſi:
gung ebenfaus ſelbſtſüchtig machen. Da Niemand
anders für das Kind ſorgt, Niemand anders ivm wohl:
wil, [oö muß xs ſhon fiets für ſich ſelbſt ſorgen x3d

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