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kommen iſt, auch wieder gegen das goldene Ne quid
nimis laufen); ich denke beſonders an die ergänzenden
Sprachſtunden. Geſchäftsmänner, denen die Erler-
nung des Franzöſiſchen von beſonderer Wichtigkeit zu
ſein ſcheint, laſſen ihre Söhne zu einer Zeit franzöſiſche
Stunden geben, wo dieſe im Deutſchen vielleicht noch
keine regelrechte Periode bilden können und vielleicht
doh auch ſchon das Lateiniſche angefangen haben. Der
Sprachmeiſter weiß vielleicht anfangs die Sache recht
ſc ihre Alters8genoſſen ſehen dies , bitten die Eltern, ihnen
auch ſol<& raſcht durch dieſes Zeihen von Lernbegierde, willigen
ein, um nach einigen Jahren zu erleben, daß die Lecn-
begierigen il und lui, ces und ceux, avoir und ekre,
Futur und Conditionnel noch nicht unterſcheiden können.
Das ſind nicht Annahmen, ſondern Erfahrungen.
Kurz, man darf behaupten: zwei Dritttheile der ge-
wöhnlich) gegebenen Privatſtunden ſind überflüſſig, ja
ſchädlich. Nachhilfeſtunden find nur dann zwe>mäßig,
wenn Schüler nach dem Uebergange in eine höhere
Claſſe, zu dem ſie im Allgemeinen fahig geweſen ſind,
in einem einzelnen Unterricht8sgegenſtande zurügeblie-
ben, oder dann, wenn längere Kränklichkeit ihnen es
unmöglich gemacht hat, mit ihren Mitſchülern gleichen
Scritt zu halten, hinter denen man ſie doch, weil ſie
entmuthigt werden würden, nicht wohl darf zurüblei-
ben laſſen, oder dann, wenn Schüler in eine neue An-
ſtalt eintreten, wo ihnen das Meiſte noch fremd iſt
und ſchwer fällt. Aber dann iſt auch zu einem guten
Erfolge Berathung und Uebereinſtimmung mit der
Schule vnerläßlich. Deren Vernachläſſigung rächt ſich
unausbleiblich auf die empfindlichſte Weiſe. Eben ſo
vorſichtig muß man bei den Ergänzungsſtunden ſein.
Wollte man doh recht ernſtlich erwägen, wie viel dar-
auf ankommt, daß nur dann ein gedeihliches Lernen
iſt, wenn die Unterrichtsgegenſtände möglichſt in einans
«der greifen und an das bis zu einem gewiſſen Grade
feſt Angeeignete ſtetig das Neue ſich anſchließt!
Eltern, welche auf dem Lande oder ſonſt in iſolir-
ten Verhältniſſen leben, und ihren Kindern doch gern
in einzelnen Fächern Höheres zuführen möchten, als
ſie in einer niedern Volksſchule finden können, werden
aflerdings im höhern Maße Ergänzungsſtunden für
nothwendig halten müſſen. Auf Fabrikdörfern machen
ſich ſolche Bedürfniſſe ganz beſonders fühlbar, und es
können ſich da fähige Schullehrer, wenn ſie nicht viel-
leicht durch amtliche Arbeiten ſchon zu ſehr in Anſpruch
genommen worden, viel Verdienſt erwerben. Im All-
gemeinen iſt freilich nicht wünſchenswerth, daß öffent-
liche Lehrer durch Privatſtunden ſich die Zeit, welche ſie
für die eigene Fortbildung nöthig haben, allzuſekr be-
ſchränken. Zu Nachhilfeſtunden, welche oft nur Re:
petitionen zu ſein brauchen, können auch ſchwächere,
ungeübtere Lene, Schufamitscandidaten, Gymnaſial:
ſchüler oberer Claſſen, verwendet werden; n1ux müſſen
dieſe Stunden ſich) treulich an den Gang der Schute
binden , in der oben angedeuteten Weiſe.
Noch eine dritte Art von Privatſtunden würden
dieſenigen ſein, welche die Kinder über den Elementar*
unterricht der 'Schnle hinwegheben ſollen und darauf
derechnet ſind, die Kleinen gleich für hölere Claſſen in
den traufichen Umgebungen des Hauſcs vorzubereiten.
Man könnte dieſciben Voxbereitungs ſtunden nen:
-gentheil der Receptivität.
Privatſtunden. == Productivitär.
nen. Aber dieſe bilden einen ſelbſtſtändigen Privat,
Unterricht für ſich und ſind hier nicht weiter zu be:
rüFſichtigen. Vgl. die Artt. Haus und Informa.
tor, beſonders auc Erziehung des Hauſes und
der Schule. Kämmel.
Productivität iſt diejenige Thätigkeit der Seele,
welche die aufgenommenen Anſchauungen und die gebil.
deten Vorſtellungen, Vorſtellungsreihen und Vorſtel.
lungs8gruppen ſo frei verwendet und ſo eigenthümlich
geſtaltet, daß das Erzeugte das Gepräge des Neuen,
Originellen an ſich trägt. Wir nennen daher einen
Dichter nur dann productiv, wenn ſeine Dichtungen
aus der Fülle feiner Anſchauungen und Gedanken als
ſolche Entwikelungen hervortreten, die mit jenen zwar
dem Stoffe nach verwandt, durch ihre Form ater
etwas Anderes ſind und eine Ausprägung erhalten ha;
ben, wozu weder das in ſeiner Seele Aufgenommene
und Gebildete mit Nothwendigkeit hindrängte, ne<
Anderer verwandte Thätigkeit vorher geführt worden if,
Es braucht nicht erſt entwielt zu werden, daß dieſe
Thätigkeit der Seeie die höchſte iſt, und die Erfahrung
zeigt, daß ſie ſehr ſelten iſt. Nachäfferei und Nachbe:
terei iſt die Regel. Die aufnehmende und verarbeitende
Thätigkeit der Seele iſt bei den Meiſten eine ſo matte
und mechaniſche und das innerlich Gebildete ſo lü&en:
haft, ſo unbeſtimmt, ſo wenig aufſtrebender Natur,
daß ein freies und friſches Geſtalten ja ganz unmöglich
iſt, und wenn nun obendrein die urſprüngliche Be:
ſchaffenheit der Seele weniger kräftig und von geringe:
rer Lebendigkeit iſt, ſo kann von productiver Thätigkeit
nicht einmal der Schein gewonnen werden. Die wahr
haft productiven Geiſter bewirken überdies durch das:
jenige, was ſie ſchaffen, in engern und weitern Kreiſcn,
daß die Andern, welche ſie umgeben, auch wenn ſie viel:
ſeicht ſelbjt in einem gewiſſen Grade productiv ſein
könnten, den Muth hierzu verlieren und dann will;n:
[os in die von Stärkeren gebrochenen Bahnen ſich zit:
hen laſſen.
Indeß werden wir Productivität auch in einer we
niger idealen Faſſung zu nehmen häben. Wir werden
darunter auch diejenige Thätigkeit der Seele verſtehen
können, welche irgendwie freier combinirt und das in-
nerlich Angeeignete mit einer gewiſſen Fertigkeit in
Anwendmig bringt. Dann iſt Productivität das Ge:
In dieſem Sinne hat min
auch die Pädagogik ſie zum Gegenſtande ihrer Auf-
merkſamkeit zu machen, ja es iſt für das Gelingen ihrer
Beſtrebungen von höchſter Wichtigkeit, daß ſie das
Verhältniß derſelben zur Receptivität, die erſten Regun“
gen productiver Thätigkeit in der kindlichen Seele, wit
ſie etwa die Wit: und Gleichnißcombinationen zeigen, die
allmählich individueller ſich hervorbildenden Neigungen
zu produetiver Thätigkeit, den Zeitpunct des Eintritts
höherer Productivität u. ſ. f. ſorgſam beachte. Man
darf vielleicht der Pädagogik unſerex Tage den Vor:
wurf macken, daß ſie über dem Streben, ihre Zögling
viel auffaſſen und . lernen zu lafſen, die Pflicht, das
Aufgefaßte und Gelernte auch immer wieder verarbei
ten zu laſſen und durchgängig mit dem Einprägt"
das Ausprägen zu verbinden, mehr als billig vet!
ſaume. Es hat ſogar nicht an ſolchen gefehlt, welch!
den in der Gegenwart ſo häufig bemerkbaren Mangtl
an friſcher Productionskraft auf allen Gebieten des 9

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