Realgymnaflen.
anonym, findet ſich in der alten vergeßnen Zeltſhrift:
Auserleſene Anmerkungen über allerhand wichtige Mae-
terien und Schriften, vierter Theil, Frankfurt und Leip-
zig 1707, S. 271--300, unter der Ueberſchrift: Vor-
. ſchlag und Modell eines deutſchen Kunſtcollegii.
In vielen Paragraphen beſpricht der Verfaſſer die
Mängel, Unzwe&mäßigkeiten und Pedanterieen des da-
maligen Schulweſens, bedauert ſowohl die verlorene Zeit,
als die Kinder felbſt, und behauptet gradezu, daß in
Scuten die nöthigſten und nüklichſten Dinge nicht
gelehrt würden. Von den Reatien halte man ganz
die Kinder ab, denn ſie müßten meiſt mit eitlen Worten
und Gedanken ſich den Kopf zerbrechen, würden dumm
durch beſtändiges Vergleichen und Memoriren, und
durch Müſſiggang oft ſo ungeſchit, daß gewöhnlich un-
ſtudirte Leute klüger und geſchiter wären, als die,
welche von Schulen kämen, Es ſeien allerdings einige
grobe Mängel abgeſtellt, aber damit nicht die Haupt-
mängel gehoben, ſondern nur überkleiſtert. Man müſſe
nicht flifen an den Schulen, ſondern neu ſie ganz ge-
ſtalten, ein Ideal ſich erhalten und es auf eine Probe
ankommen laſſen. "
Nun ſtellt er folgende Principien auf: 1) der Un-
kerriht muß für alle und jede Schüler, arm und
reich, ohne Betrachtung, wozu ſie ſich hernach beſtändig
wenden möchten, eingerichtet ſein. (Hier meint er das,
was wir heute „allgemeine Menſchenbildung'' nennen.)
2) Sie müſſen nichts lernen, als was wirklich nüblich
iſt. 3) Sie ſollen göttliche und menſchliche Weisheit,
Bibel und Natur, zugleich ſtudiren. 4) Herz, Kopf
und Hand müſſen zuſammen informirt werden. 53)'Sie
mäſſen mit Luſt ſtudiren und 6) dabei auch etwas zu
erwerben ſich gewöhnen.
Beſonders empfiehlt der Verfaſſer deutſchen
Eprachunterricht, kurze Schulzeit des Tages, damit
daneben das Kind auc<4 zu Handarbeit ſich gewöhne, ja
ſogar Handarbeit während der Lection, außer wo Bücher
in der Hand ſein müſſen, oder wo die Hand ſchreibt
und auf der Tafel rechnet. Schüler müſſen auch
fragen dürfen.
Um nun ſol pfehlen, mache man den Anfang mit recht fähigen Kin-
dern und die noch nicht in allen Schule, verderbt ſind
und nicht zugleich auch in eine andere Schulen gehen,
Ueber ſie ſind Verzeichniſſe uud Cenſurtabellen zu halten.
Jeder Knabe wird beſonders in dem Geſchäft unter-
tihtet, wozu er das meiſte Geſchi hat. Zum An-
tritt ſchenft jeder Knabe ein Werkzeug zum Schulin-
ventar,
Schulgeld wird nicht verlangt, die Koſten der An-
ſtalt ſind aus dem Erlsös8 von der Arbeit zu beſtreiten.
Da auch des Lehrers Bezahlung davon abhängt, ſo iſt
er gezwungen, ſich Mühe zu geben, daß die Kinder gut
arbeiten und fleißig ſind; ſonſt wäre der Schade ſein
eigen, Der Lehrer muß freilich ein Mann ſein, anders
als ſie bigher waren. Schüler einer ſolhen Anſtalt
werden auch zu Lehrern für ähnliche Inſtitute gebildet
werden können. Beim Lehren ſolcher Handgelahrthelt,
iſt einige Naturwiſſenſchaft , Mechanik und etwas von
Modellen nöthig, Man wähle Arbeiten, wozu Kinder-
hade gnügen, und mache Sachen, die brauchbar, ver-
kaufbar und nicht ſchon zu gemein ſind, z. B. Käſtchen,
Schreibzeuge, Kegel, Schachteln, Futterale, Beutel,
Shreibtafeln, Rahmen, Mäuſefallen, Farbekaſten,
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U. ſ. f. Die Leute, meint der Verfaſſer, würden ſagen,
eine ſol geſehn. Darauf erwidert er: Was kann ich dafür,
daß bisher Alles ſo verkehrt angefangen wurde. Du
würdeſt deine alte Schule tadeln, wenn du meine frü-
her geſehn hätteſt. Wer ſollte auch dawider ſein? Die
Fürſten nicht, denn ſie müßten ſich freuen, wenn Kin-
der ſchon lernen, etwas zu verdienen. Die Aeltern
nicht; denn es koſtet kein Schulgeld mehr, und die
Kinder werden auch für das Haus brauchbar. Die
Kinder nicht; denn gefallen wird ihnen ſol< es. Schul-
weſen.
Wollte man einwenden: wo ſollen ſolche Lehrer here
kommen? J<, ſagt der Verfaſſer, bin bereit, den An-
fang zu machen. Was taugt unverſucht, ich begehre
nur eine Probe. Bei allen Künſten war es ja erſt
nur Einer! Odex ſollten Kinder fehlen? Ueberall wim-
melt es ja von kleinen Jungen! Aber ſind die nicht
ſchon in einer andern Schule? Nun ih verlange nur
Die, welche aus Abſcheu ſo oft hinter die Schule gehn
und die man hineinprügeln muß. Solche gebe man
mir! Am liebſten würde ich ſolche nehmen, die noh
tabula rasa ſind. I< mache mit wenigen die Probe:
geräth es, ſo wird Zulauf ſchon werden. Wo man
Umſonſt die Kinder gebildet bekommt, da wird gern
hingegangen. J< werde vielleicht auch keiner Strafz-
inſtrumente bedürfen. >
Oder für rial erſt nur verderben? Nun, Stü& Pappe koſten nicht viel, der Lehrer iſt ja auch zur Hand,
das Verderben wird wohl nur anfangs ſein, es iſt ja
auch bei Handwerkslehrlingen ſo. Der Handwerker
verſagt die Aufnahme eines Lehrlings nicht deßwegen,
weil er es nicht gleich ſo gut, wie der Meiſter macht.
Oder fürchtet man, die Geiſtlichen würden ſolches nicht
leiden? Aber giebt es nicht auch unter ihnen denkende
Pädagogen. Oder werden die Schullehrer mich ver«
nichten. Nun, dürfen denn die Strumpfſtriker gegen
die Strumpfwirker rebelliren? Sie lehren Worte, ich
Realienz ſie öffentlich, ich privatim. Ucber meine
Lehrart iſt ja noch keiner privilegirt. Wollen ſie mir
Schüler abſpenſtig machen, nun, das muß ich leiden!
Oder werden die Handwerker jene Schulhandarbeit
etwa nicht dulden? Nun, die müſſen ſich ja freuen,
wenn ihre künftigen Lehrknaben ſchon etwas handgec
ſchit ſind. Sie können ja den Kleinen, ihre Hände
zu gebrauchen, nicht verbieten. Erfinde ich einen Weg,
Handgeſchilichkeit ſchneller und fröhlicher zu lernen, fo
iſt es ja gut. Aber wie, wenn dann die Lehrjungen
ſchnell geſchi>t würden, fortführen, und den Meis
ſter überträfen ? Nun, dafür kann ich nichts, daß es bis«
her ſo langſam ging.
Herrlicher noch wäre es, wenn mein Vorſchlag
öffentlich und unterſtüßt würde. Man bilde ein
Kunſtcollegium, ſtelle Profeſſoren der Mechanik,
Naturwiſſenſchaft und Mathematik, Ockonomie und
der Religion an, mit einem Range den Gymnaſiallehs
rern gleich.
Dies waren alſo die Ideen des denkenden Anos
nymus, Aber ſchritt er nicht ſeinem Zeitalter waer
voran? Die 100 Jahre darauf geſtifteten Realctaſ«
ſen, Induſtrkeanſtalten, Gewerbſchulen ſind die
BVöglein, die aus den von ihm vorlängſt gelegten Eiern
die Zeit ausgebrütet bat. M. Peſches.
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