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großem Nuten, ſie gehören mehr der Kunſt als der
Wiſſenſchaft an, Tie daturch weniger gefördert werden
dürfte. Dr. Krug bemerkt übrigens, daß dieſe Schluß-
art ſchon ſehr alt ſei, und im Buche der Weigheit
Cap. 6, 18---20 vorkomme. Hier empfehle der Ber-
faſſer die Weisheit durch folgenden Kettenſchluß:
Wer die Weisheit achtet, läßt ſich von ihr weiſenz
--- Wer ſich von ihr weiſen läßt, hält ihre Gebotez
--- Wer ihre Gebote hält, führt ein heiliges Leben
-- Wer ein heiliges Leben führt, iſt Gott nahez ---
Wer alſo die Weisheit achtet, iſt Gott nahe.
Der lezte Saß bloß iſt dort weggelaſſen, weil er
ſic) als Schlußſas aus den Vorderſäßen von ſelbſt er-
giebt.
So ſuchte auch jener Franzoſe durch einen Goclenia-
niſchen Sorites zu beweiſen, daß er der ſchönſte Mann
auf Erden ſei; er ſchloß alſo:
Curopa iſt der ſchönſte Theil der Erde; =“ Frank:
reich iſt das ſchönſte Land in Curopaz --- Paris iſt
die ſchönſte Stadt Frankreichsz =“- Mein Zimmer
iſt das ſchönſte in Paris; =-- I< bin der ſchönſte
Mann in meinem Zimmerz --- Folglich bin ich der
ſchönſte Mann auf Erden.
Hierher gehört auch folgende Anecdote: Wer ſind
Sie? fragte ein neuer Gutsherr den Sprecher, der ihn
bei ſeiner Ankunft in Verſen begrüßte. „Schulmei-
ſter Walk und Mitherr dieſes Dorfs war die Ant-
wort. Wie ſo? fragte der Gut8herr. Nun antwor-
tete Herr Walk, indem er ſeine Mitherrſchaft durc
folgenden Sorites bewies:
„I< bin Herr der Kinder, =-- Die Kinder ſind
Herren der Mütter, = Die Mütter ſind Herren
der Väter des Dorfesz --- Alſo bin ich Mitherr des
ganzes Dorfes," .
Gegen die Beweiskraft, ſolcher Schlüſſe möchte der
Loziker ſo manches Erhebliche einzuwenden haben, auch
wenn die Wahrheit der einzelnen Säße zugegeben würde.
Dies führt uns zu anderer Art von Schlüſſen, näm-
lich zu Fehl- und Trugſchlüſſen. Fehlſchlüſſe (Pa-
ralogismen) unterſcheiden ſich von den Trugſchlüſ-
ſen (Sophismen) dadurch, daß jene unabſichtliche
falſche Schlüſſe, dieſe aber abſichtlich zur Täuſchung
Anderer erfunden ſind. Das Fehlerhafte des Schluſ-
fes kann in allen ſeinen Theilen enthalten ſein: in
den Prämiſſen, in der Conſequenz und in dem
AusdruFe des Schlußſabes. Ein falſcher Schluß
müßte entſtehen, wenn der Mittelbegriff in den Prä-
miſſen in verſchiedenem Sinne genommen wäre, 3. B.
Wer böſe iſt, der muß beſtraft werdenz = Dein
Finger iſt böſe (krank) --- Alſo muß er beſtraft
werden. .. .
Cbenſo fehlerhaft würde es ſein, von dem Einzelnen
auf das Ganze zu ſchließenz denn hier kann keine
Unterordnung, alſo auch kein Schluß Statt finden.
Fehlerhaft wäre alfo folgender Schluß:
Biele Richter handeln ungerecht; =“ Cajus iſt ein
Richter 3 --- Alſo iſt Cajus auch ungerecht.
Cbenſo fehlerhaft iſt es, wenn man ungewiſſe
Prämiſſen als gewiß aufſtellt, dies nennt man eine
Erſc Alles, was in der Bibel ſteht, iſt Gottes Wort,
alſo unumſtößliche Wahrheit 3 =“- Daß Bileams Eſel
geſprochen hat, ſteht in der Bibelz --- Alſo iſt es
unumſtößliche Wahrheit.
Schluß. -- Sclußvermögen.
Hier müßte erſt gezeigt, aber nicht als wahr vor-
ausgeſeßt werden, daß Alles, was in der Bibel ſteht,
göttliche Wahrheit ſei. Vergleiche übrigens den Art.
Beweis.
Bei dem Mangel an Conſequenz oder der Zuſam:
menfaſſung zum Schluſſe ſpielt beſonders der Sprach:
ausdru> eine wichtige Rolle, indem man oft Einzelnes
als Allgemeines darſtelt. So z. B. in dem bekann:
ten Schluſſe:
Alcibiades iſt nicht Sokrates, --- Sokrates iſt ein
Menſch; -- Alſo iſt Alcibiades kein Menſch.
Hier hat man Verſchiedenheit und Verſchiedenheit
in allen Stü>ken zuſammengeworfen.
Endlich kann das Fehlerhafte ſich auch im Schluß:
ſaße befinden, wenn z. B. ein anderer Schlußſas un:
tergeſchoben wird, als aus den Prämiſſen ſich erzieht.
Falſche Schlüſſe dieſer Art werden Heterozeteſen
genannt, wo etwas Anderes geſucht wird. Dies ge:
ſchieht 3. B. bei dem Schluſſe, welchen die Logiker
»a non Scire ad non esse“ genannt haben, indem
man hier vom Nichtwiſſen auf das Nicht-ſein ſchließt.
Das Fehlerhafte ſolcher Sc - h,
Sclußpkraft iſt niht ſowohl die Kraft zu ſchlie:
ßen, dafür ſagt man lieber Schlußvermögen, ſon:
dern die Kraft des Schluſſes ſelbſt, d. i. ſeine Beweis:
kraft. Sie beruht daxauf, daß der Schluß richtig iſt.
Sclußvermögen. Wie der Menſch kein an:
gebornes Gedächtniß, keine angeborne Vernunft hat,
ſo beſißt er auch kein angebornes Schlußvermögen, d,. i.
Kräfte , Schlüſſe zu bilden.
Schlüſſe entſtehen aus Urtheilen. Kommen nam:
lich im Bewußtſein Urtheile zuſammen, welche ſo be:
ſchaffen ſind, daß das Subject des einen Saßkes das
Prädicat des andern iſt, ſo kann ein einfacher catego:
riſcher Schluß entſtehen. Zu einem ſolchen Schluſſe
gehoren die Begriffe, z. B. König, Menſc<, ſterblichz
und je zwei und zwei bilden ein Urtheil, z. B. Der
Menſc< iſt ſterblich. Der König iſt ein Menſch.
Sind dieſe Begriffe und Urtheile in der menſchlichen
Seele gebildet, ſo iſt auch in den hiervon zurü&geblie-
benen Angelegtheiten (Vermögen, Kräften) ein Shluß-
vermögen gegebenz und es wird ſeine Wirkſamkeit
äußern und einen wirklichen Scluß bilden, ſo bald
dieſe drei Begriffe zum klaren Bewußtſein geſteigert
und ſo lange in dieſem Zuſtande ungeſtört erhalten
werden, bis die Anziehung des Gleichartigen oder der
Combinationsproceß (ſ. d. Art.) wirkſam werden konnte.
Dieſes - ungeſtörte Zuſammenſein der Be:
griffe iſt, wie für das Urtheilen ſo auch für das Sclie:
ßen, das nur ein verdoppeltes Urtheilen iſt, die nöthigt
Grundlage. Da aber ohne Urtheile und Begriffe kein
Schluß möglich iſt, und dieſe ohne die Thätigkeit des
Combinations - (und Abſtractions-) prozeſſes nicht ent-
„ſtehen können: ſo iſt klar, daß dieſer Prozeß die tiefſie
Grundlage für das Schlußvermögen bildet, und ein ſo*
genanntes angebornes Schlußvermögen, das in der
Seele auch gar nicht exiſtirt, überflüſſig gemacht wird-
Vor dem erſten Schluſſe kann der Menſch noh
nicht ſchließen 3; iſt aber durch die Bildung der noth!*
gen Begriffe und Urtheile die Bedingung oder dik
Grundlage zum Schluſſe gegeben : ſo kann dieſer durch
eine einzige Bewußtſeinsſteigerung aus jenem Begriffs?
vermögen entſtehen , wie oben gezeigt wurde. Iſt ei?

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