Sculverſäumniſſe.
Ein anderer Grund vieler Sc in dem Vorurtheile der Eltern, daß die Kinder
in der Schule Dinge lernen, die ſie nicht gebrauchen
können, und daß ſie in der Welt auch ohne jene Schul-
kenntniſſe fortkommen würden. Viele Eltern haben
wirklich noch eine zu geringe Meinung von der Wirk-
ſamkeit der Scule und vom Nußen des Sc Durch bloße Belehrungen iſt ſolchen Eltern nicht im-
mer beizukommen; man muß ihre Vorurtheile durch
die That zu widerlegen ſuchen. Das vermag zum Theil
ſchon der Lehrer ſelbſt. Darüber ſagt eine Bekannt-
machung der k. preuß. Regierung zu Cöln (die Regel?
mäßigfeit des Schulbeſuchs betr. v. 3. Febr. 1830)
unter Anderm (s. 19 u. 8. 20) folgende ſehr wahre
Worte:
„Das wirkſamſte Mittel, die Eltern in das In-
tereſſe der Schule zu ziehen, liegt in den Leiſtungen
des Lehrers in Hinſicht einer tüchtigen , ſicher zum
Ziele führenden Vorbereitung der ihm anvertrauten
Jugend für die unmittelbaren und unerläßlichen An-
forderungen ihres Berufs im bürgerlichen und ihrer
Stellung im kirc bei einem ſorgſamen Haushalten mit der Zeit, bei einer
weiſen Beſchränfung auf das Weſentliche und Unerläß-
liche, bei einer ſorgfältigen Vermeidung alles unklaren,
in leeren Worten ſich gefallenden Weſens und eines
darauf gegründeten geiſttödtenden Unterrichts erreicht
werden. =- Den guten Willen der Eltern, ihre Kin-
der in die Schule zu ſchien, hat der Lehrer beſonders
dadurch zu begründen and zu erhalten, daß er die Kin-
der zum Fleiße und zur Anwendung des Erlernten,
zur Ordnung und Zucht, zur Gottesfur Ucbung der Kindespflichten mit allem Ernſte und yvol-
ler Liebe anhalt.“
Gelingt es dem Lehrer, die Kinder ſelbſt in ſein
Intereſſe zu ziehen und ihnen die Schule ſo lieb zu
machen, daß ſie keine Stunde gern verſäumen, ſv hat er
viel gewonnen: denn nun werden die Kinder ſelbſt auf
regelmäßigen Schulbeſuch halten, und ſo weit das in
ihrer Macht ſteht, jedes Hinderniß deſſelben beſeitigen.
Von ſehr großem Nuten wird es auch ſein, wenn
die Regierung eines Staates durch anderweite Geſeke
zu erkennen giebt, welch! einen hohen Werth ſie auf
Schulbildung lege. In Norwegen 3, B. darf Nie-
mand den Beſiß eines Grundſtückes antreten oder ſich
verheirathen , der nicht leſen und ſchreiben kann. Auch
im nordamericaniſchen Staate Columbia ſoll vom Jadre
1840 an jeder Bürger, der nicht leſen und ſchreiben
kann , ſeines Bürgerrechtes verluſtig ſein. Solche Be-
ſtimmungen müſſen natürlicher Weiſe auf den regel:
mäßigen Beſuch der Schule zurü&wirken.
Beugt man endlich auf geſeßlichem Wege auch der
Ueberfüllung der Schulclaſſen vor, ſorgt man für ge-
raumige Schulſtuben, ordnet man eine foſte Begren-
zung der Schulbezirke an, wobei darauf zu ſehen iſt,
daß kein eingeſchultes Dorf oder einzelnes Haus zu
weit vom Schulhauſe abliegez ſo räumt man dadurch
ebenfalls Hinderniſſe hinweg, wodurch biber an nicht
wenigen Orten der Schulbeſuch geſtört worden iſt.
Man hat auch gemeint, den Schulverſäumniſſen
durch ſogenannte Prämien zu ſteuern, die bei den
jährlichen Schulprüfungen zu vertheilen wären. Doch
hat die Vertheilung der Prämien in der Bölksſchule
ſo viele Nachtheile , daß wir dieſelbe durchaus nicht zu
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dem vorgeſchlagenen Zwe>e empfehlen mögen. Cher
zu entſchuldigen möchte es ſein, kleine Belohnungen,
vielleicht Schreibebüher an jedes Kind zu vertheilen,
das im Laufe eines Halbjahrs die Schule auch nicht
einen Tag verſäumt hat. Ganz wird jedoch auch diez
ſes Mittel nicht zum Zweke führen: denn da die Ver-
ſaumniß eines einzigen Tages ſchon den Verluſt auk
Anſpruch einer Prämie herbeiführt, ſo wird ein Kind,
das einmal gefehlt hat, mit andern Verſäumniſſen nun
nicht mchr ängſtlich ſein, weil es ohnehin keine Aus-
ſicht hat, die Prämie zu erhalten. Uebrigens iſt's
auch mißlich, Handlungen zu belohnen, die an ſich be-
trachtet keinen moraliſ davon, daß die Schulverſaumniſſe nicht immer durch
die Kinder ſelbſt verſchuldet ſind.
Erſt wenn auf die angegebene Weiſe den Sul:
verſaumniſſen mittelbar vorgebeugt worden wäre, erſt
dann ſollte die Geſebgebung denſelben unmittelbar
entgegenwirken: denn cs liegt immer eine Härte und
Ungerechtigkeit darin, dem Wolke Geſeße zu geben,
deren ſtrenge Uufrehthaltung unter vorliegenden Ver-
haltniſſen nicht möglich iſt. Wenigſtens muß der Ge-
ſebgeber im Voraus- darauf verzichten, dergleichen Ge-
ſehe durchzuführen. Wie ſevpr aber dädurch die Auto-
ritat des Goſekzes ſelbſt gefährdet wird, iſt klar.
Die Ge“ceße zur Verhütung der Schulverſäumniſſe
müſſen vor allen Dingen eine genaue Controle des
SchulbeſuHs jedes einzelnen Kindes anordnen.
Die Führung einer ſolchen Controle iſt nur durc) das
Halten eines beſondern Verſaumnißbuces möglich,
wobei der Lehrer mit Genauigkeit und Unparteilichkeit
zu verfahren hat. Ueber die Art und Weiſe, wie ein
ſolches Verſaumnißbuch am zwekmäßigſten eingerichtet
werden könne, haben wir ſchon fruher geſprochen.
(Val. d. Art. „Claſſentabellen“ Th. 1. S. 416).
Ferner muß, um jeder Willkür vorzubeugen , ae:
nau beſtimmt werden, welche Schulverſaumniſſe
zu entſchuldigen und alſo nicht ſtrafbar ſind. Als
ſtatthafte Entſchuidigungsurſachen läßt die k. ſächſiſ.
Geſebgebung (Verordn. z, Elementar-Bolksſchul-Geſeß
S. 142) folgende gelten: 1) erwieſene Krankheit des
Kindes; 2) eine ſolche Krankheit des Vaters oder der
Mutter, welche bettlägrig macht, jedo< bloß in dem
Falle, wenn das Kind nur no Mutter am Leben hat, das älteſte unter ſeinen im
elterlichen Hauſe ſich aufhaltenden Geſchwiſtern iſt,
und weder eine Wirthſchafterin no< Geſinde im Hauſe
vorbanden iſtz 3) eine Krankheit derſelben Art eines
Bruders oder einer Schweſter --- unter ähnlichen Be-
dingungenz; 4) für Kinder entferntliegender Häuſer
eine durch Witterung erſchwerte Communication, --
(Natürlicher Weiſe hat ſic) der Schullehrer in jedem
einzelnen Falle möglichſt davon zu Überzeugen, ob die
vorgebrachten Entſchuldigungen wirklich begründer. ſind).
Ob außerdem noch andere, von beſonderen Familien-
verhältniſſen hergenommene Entſchuldigungen ſtatthaft
ſein ſollen, hat vorkommenden Falles der Sculvor-
ſtand, insbeſondere der Localſchulinſpector zu beurtheilen.
Sehr viel iſt daran gelegen, daß die ſtrafbaren
Sculverſaumniſſe möglichſt ſchnell zur Kenntniß der
Behörden kommen, weil es bei zu langem Hinaus»
ſchieben der Anzeige immer ſchwer fällt, den Grad der
Strafbarkeit zu unterſuchen. Die meiſten Schulge-
ſeze ordnen daher ein monatliches Eingeben der Ver:

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