Stillſtand. -= Stipendien,
ind Schwarz,*) noch fo tüchtige practiſche Lebens-
weer wie Peſtalozzi nnd Dinter wieder erſcheinen:
zweifle nur Keiner an dem Fortgange der Entwickelung
des Lebens und der Wiſſenſchaft. Die Epochen der
Wiſſenſchaft pflegen mit den Cpochen der Geſchichte
zuſammenzufallen. Die franzöſiſche Revolution be-
zeihnet darum Epochen der Wiſſenſchaft, auch der
Pädagogik. Seit 1815 iſt der Gang unſerer Ge»
ſchichte ein ruhiger geworden. Cs iſt eine langſame
Evolution. Die PFagogik iſt ein concretes Bild dies
ſes allgemeinen Ganges. Mit einer neuen Epoche
wird auch die Pädagogik einen neuen Aufflug nehmen.
Je weiter ſich die Bildung nac unten verbreitet 3 je
bewegter das Leben wird 3 je mehr die von einander
entfernten Menſchen durch ECiſenbahnen einander ge-
nähert und in Friction geſeßt werden 3 je mehr die
Paſſivität und Receptivität des Volkes in Activität
umſchlägt : deſto mehr nähert ſie ſich dem Ziele, das
ihr beſtimmt iſt, eine Königin der Wiſſenſchaften zu
ſein, das Augenmerk Aller, welche auf den Gang der
EntwiEelung der Nation von Cinfluß ſind 3; ſie, welche
die Friſche der Volkskraft zu ſichern und dem Leben
eine vollfräftige Jugend zuzuführen die große Beſtim-
mung hat. Cs wird ein großer Tag ſein, auch für
die Lehrer und Erzieher des Volks 3; ein Tag, der ihnen
den Einfluß und die Stellung giebt, die ihnen gebüh-
ren. Daß ich mit dieſer prophetiſchen Meinung nicht
die Hoffnung oder gar den Wunſch ausſpreche, daß die
Volksſhullehrer jemals zu äußerer Macht und zu
Reichthümern gelangen, weiß derjenige, der Anderes
von mir geleſen hat. . Beides, Macht und Reichthum,
iſt der Sarg für rüſtige, fortſtrebende Wirkſamkeit
eines jeden Standes 3 Stillſtand heißt fortan Schi-
boleth. Darum wolle der Genius der Pädagogik uns
vdr dieſem lebendig Begrabenwerden behüten. Luther
wirs die ihm dargebotenen Schätze der Großen ſeiner
Zeit zurü&, weil dergleichen Beſiß ſich für ihn als
Geiſtlichen nicht ſchie. Cin Wort und eine Anſicht,
die uns zu denken geben. Schwere Gedanken! Cine
ſolche Anſicht, treu befolgt, offenbart den Demant in
der Bruſt eines Menſchen.“
Stipendien. Unter Stipendien verſteht man
Unterſtüßungen, welche jungen Leuten gewährt werden
als ein Beitrag zu den Koſten, die ihnen durch die
Ausbildung für ihren künftigen Beruf verurſacht wer-
den. --- Sie beſtehen größtentheils in baarem Gelde,
kisweilen aber auch in Naturalien, wie freie Koſt,
Wohnung, Kleidung, Holz, Bücher u. f. w. Die
meiſten dieſer Stipendien werden auf einen Zeitraum
von mehren Jahren in feſtgeſesten Terminen an den
Empfänger vertheilt 3 andere derartige Unterſtüßungen
werden nur ein- für allemal vergeben, ſo daß der
' Percipient überhaupt nur Ein Mal zum Genuſſe der-
ſelben gelangen kann. Alle Stipendien beruhen auf
Stiftungen (Fundationen), die entweder von der Lan-
deSregierung, oder von Privatleuten ausgegangen ſind.
Die Verleihung derſelben ſteht unter der Oberaufſicht
inet der höchſten Landesbehörden (in Sachſen z. B.
des Cultminiſterii) 3 doch liegt die jedesmalige beſondere
EZEEE, .
-) Bekanntlich hat Niemeyer , der Sohn (Prof. in Halle)
wt „Grundſäße“ u. ſ. w. ſeines Vaters in einer neuen
Auflage erſcheinen laſſen und Dir. Curtmann iſt auf
< warz's Schultern getreten durch eine neue Bearbei-
tung ſeincs „Lehrbuchs.“
-.
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Vertheilung in verſchiedenen Händen, je nachdem die
Stiftungsurkunden darüber beſtimmt haben. |
Die . zur Erlangung eines Stipendii nöthigen Er-
forderniſſe ſind verſchiedener Art.
Hinſichtlich des Geburtsortes wird entweder nur
das Indigenat (die Eigenſchaft als Landeseingeborener)
gefordert, oder der Genuß der Unterſtüzung iſt an eine
beſtimmte Vaterſtadt oder an das in einem gewiſſen
Orte erlangte Bürgerrecht gebunden.
Bei Vertheilung einiger Stipendien wird auch auf
die Abſtammung der Percipienten geſehen: denn
manche ſind nur für Söhne der Staatsbeamten, oder
der Geiſtlichen, oder der Schullehrer u. ſ. w. geſtiftet.
Bei ſogenannten Familienſtipendien muß na-
mentlich die Verwandtſchaft mit dem Stifter nachge-
wieſen werden.
Die meiſten Stipendien ſind an eine gewiſſe Be»
rufsart gebunden: ſie ſind entweder für Studirende
überhaupt, oder nur für das Studium einer beſondern
Facultätswiſſenſchaft beſtimmt. Bei weitem weniger
hat man bei Stifung derſelben auf andere Berufsar-
ten, am wenigſten auf die des Volksſchullehrer8 Rü>-
ſicht genommen. -- Viele derſelben ſind überdies an
den Beſuch „eines gewiſſen Gymnaſii oder einer be-
ſtimmten Univerſitätsſtadt geknüpft. =“- Für junge .
Künſtler werden hier und da auch Reiſeſtipendien
ertheilt. =- Bei etlichen Unterſtüßbungen haben die
Stifter den Empfängern derſelben no< ganz eigene
Bedingungen aufgelegt, z. B. das Beſtehen einer be:
ſondern Prüfung, das Eintreten in irgend einen wiſ-
ſenſchaftlichen Verein, die Haltung einer öffentlichen
Rede 2c.
Bei ſehr vielen Stipendien müſſen ein testimonium
paupertatis, ( Armuthszeugniß, -- womit aber viel
Mißbrauch getrieben wird,) und ein Sittenzeugniß bei-
gebracht werden.
- Da dieſer Gegenſtand das Volksſchulweſen nur
wenig berührt, ſo verweiſen wir diejenigen Leſer, welche
ſich genauer darüber unterrichten woßen, auf foigende
Scriften :
Ziegler de stipendiis et Stipendiariis. Viteberg. 1683. --
Zaunschliffer dissertatio de jure stipendiorum aü
ztudia. Lubec. et Francof. 1688, --- Reinhardt do
eo. quod circa stipendia ad stundia justum est. Erfurt.
1712. -- Hofmann de ev, quod justum est circa 8ti-
pendia studiorum cansa constituta, Francof. 1731. --
I. CG. Siebenkees Abhandlung v. Stipendien und deren
* Rechten. Nürnberg, 1786, 10 Ngr. --- H. I. Heinze
über d. zwe>mäßige Ertheilung u. Anwendbarkeit d. acade-
miſchen Stipendien, =-- in Hennings Reſultaten, Be-
merkungen u. Vorſchlägen genannter und ungenannter
Sctiftſteller aus dem Gebiete der Pädagogik u. ſ. w-
Altona, 1810. 1 Thlr. 15 Ngr.
Mit beſonderer RüFſicht auf das K. Sachſen:
Dr. L. I. Neubert Handb. des im K. Sachſen geltenden
Kirchen -, Ehe- u. Schulrechts u. ſ. w. Leipz., 1837. Th.
IL-S. 408 ff.
Stipendien für Shulamtszöglinge (Prä-
paranden und Seminariſten) hat erſt die neueſte Zeit
begründet und dieſelben ſind immer noch in nur gerin-
ger Anzahl vorhanden. Dem Mangel derſelben wird
einigermaßen dadurch abgeholfen, daß (wenigſtens im
K. Sachſen) alle Seminarien den Zöglingen freien
Unterricht, zum großen Theile auc< freie Wohnung
gewähren. Mit der freien Wohnung iſt dann zugleich
auch ver Gebrauch des vorhandenen Inventars an
Scränken, Bettſtellen, Waſchgeräthen u. ſ. w. ver-
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