Tekbner.
Theile niht unſchuldig ſein moc hatte mehr an Gelde gehofft und die Frau wurde ---
eiferſüchtig. So kam Zank über Zank in das Haus,
und es konnte nicht fehlen, daß auch Tebner in die
Streitigkeiten hineingezogen wurde.
Um allen dieſen Unannehmlichkeiten zu entweichen,
ging er deßhalb zu Oſtern 1815 auf das halliſche
Waiſenhaus und nahm hier ſo viele Unterrichtsſtunden,
daß er, bei ſeinen geringen Anſprüchen an das Leben,
von dem Ertrage derſelben ſic wohl ernähren konnte,
Er unterrichtete als Hilfslehrer an der lateiniſchen
Hauptſchule, an der Realſchule, den Bürgerſchulen
und dem Königl. Pädagogium. Das Leben geſtaltete
fic) immer freundlicher. Zwar fehlte es niht an Ar-
beit, doch blieb noch ſteks ſo viel Zeit übrig, daß man
die eigenen Studien dabei nicht zu vernachläſſigen
brauchte. Der waere Wegſcheider hatte damals
„eben ſeine theologiſche Geſellſchaft errichtet und Tekner,
ein treuer Anhänger der rationaliſtiſchen Anſicht, trat
derſelben bei. Hier wurden Aufſäte geliefert und re-
cenſirt, da wurde disputirt und docirt, daß es eine Luſt
war , und mancher tüchtige Theolog mag wohl erſt in
dieſem Vereine die Weihe für ſeinen Beruf erhalten
haben. Erſte Mitglieder waren die jeht in Göttingen
fungirenden Profeſſoren Gieſeler und Lä>e. Au-
ßerdem wurden noch die. philologiſchen Vorleſungen ei-
niger jüngeren Männer beſucht, und namentlich die
des (nun auch heimgegangenen) Prof. Jacobs, der es
ganz beſonders verſtand, Luſt und Liebe für die claſſi-
ſhen Studien zu beleben.
Ueberhaupt herrſchte zu jener Zeit auf dem hal-
liſchen Waiſenhauſe unter den angehenden Lehrern ein
rühmlicher Geiſt des Fleißes. Waren die Unterrichts-
ſtunden ertheilt, ſo ging es entweder an das Studiren,
oder man verſammelte ſich in den weitläufigen Gärten
der Anſtalt, wo oft über die wichtigſten Angelegenbei-
ten haarſcharf disputirt wurde. Hier, auf einer ein-
ſamen Gartenbank, las Tebner viele der ſpätern latei-
niſhen Schriftſteller, ingleichen den ganzen Homer z
zugleich Überſeßte er unter Anderm auch die Schiller»
ſ ganz ſo, wie fie ſpäter in der Hildesheimer kritiſchen
Bibliothek abgedruEt erſchienen ſind.
Ein Mann trat ihm jekt näher, der auf Tekners
nachmalige Lebensſchiſale beinahe wundervollen ECin-
fluß gehabt hat, nämlich Dr. Wilhelm Bernhardt,
Inſpector des Waiſenhauſes und der Bürgerſchulen.
Dieſer war es, der des zwiſchen Pädagogik und Theo-
logie Schwankenden Neigung gänzlich auf das Erzie-
hungs- und Unterrichtsweſen lenkte, mit Rath und
That zur Hand ging und kurz darauf (im Jahre 1816)
ſeinem jungen Freunde eine Lehrerſtelle in dem berühm-
ten Salzmannſchen Erziehungs-Inſtitute zu Schnepfen-
thal verſchaffte. |
So verließ Tekner das liebe Halle und die Män-
ner, welche ihm ſo theuer und werth geworden, mit
wehmüthigem Herzen z doch auch Scnepfenthal zog
ihn gar bald freundlich an. Zwar wollte das Abge:
ſ behagen , dafür- gefiel die naturgemäße Lebensweiſe, die
reiheit von allen ökonomiſchen Sorgen, der nähere
Umgang mit der unverdorbenen Jugend um ſo mehr,
uad dankbar hat Tekner. es ſtets erkannt, daß an
Praktik in der eigentlichen Erziehungskunſs er Schne:
pfenthal mehr verdanke, als allen Theorieen.
Im Unterrichtsweſen herrſchte hier übrigens große
Licenz 3 jeder Lehrer konnte ziemlich treiben, was er
wollte und wie er es wollte. An Uebereinſtimmung
des Lectionsplanes war nicht zu denken und für Bil-
dung des Gelehrten geſchah faſt gar nichts. Trefflich
war die körperlicge Erziehung, woran Tetzner insbe-
ſondere ſolchen Gefallen fand, daß er den ehrwürdigen
Beteranen Guts Muths (Gotthilf Salzmanns treue-
ſter Gefährte ſchon in den erſten Tagen ſeines dortigen
Aufenthaltes) erſuchte, die gymnaſtiſchen Uebungen mit-
machen zu dürfen. Er fand ſic; bald in die Sache,
ſo daß ihm zum Theil dieſer Unterrichtszweig ſelbſt
übertragen wurde. In Schnepfenthal vereinigte ſich
Tebner au< wieder mit ſeinem Bruder Wilhelm (jetzt
Pfarrer im Hannöverſchen und bekannt als Heraus:
geber einer Naturgeſchichte), der im Herbſt 1816 ſeine
Hausßlehrerſtelle aufgab und gleichfails Lehrer an dieſer
Anſtalt wurde.
' Was Tebner hier hatte lernen können, mochte er
wohl nach anderthalb Jahren begriffen haben 3 deßhalb
erſuchte er ſeinen väterlichen Freund Niemeyer, der
ihn immer ausgezeichnet wohlwollend behandelt hatte,
um irgend eine anderweitige Cmpfehlung. Wie groß
war nun die Freude, als jener herrliche Mann den
Schnepfenthal8müden im Herbſte des Jahres 1817
nach Halle zurück berief, damit er als Oberlehrer an
die lateiniſche Schule treten, zugleich das Amt eines
Aufſeher8 in der mit dem Gymnaſium verbundenen
Penſionsanſtalt verſehen und die gymnaſtiſchen Uebun:
gen des geſammten Waiſenhauſes und Pädagogiums
leiten ſollte! Mit einem guten Gehalte und freier -
Station , einer beneidenswerthen Muße und der ſchön-
ſten Gelegenheit zur eigenen Weiterbildung begannen
die ſchönſten Jahre in Tekbners Leben. Das Zuſäm:
menwirken vieler jungen Leute an einer und derſelben
Schule brachte eine Regſamkeit unter das Ganze, wo-
von man an andern Inſtituten kaum einen ſchwachen
Begriff hat. Auf der einen Seite war man zum fro-
hen Lebensgenuſſe aufgefordert, auf der andern trieb es
Untviderſtehlich zum Studiren. Selbſt die jüngſten
Lehrer bekamen, wenn es nur ſonſt anging, die Cr»
laubniß, auch in den oberſten Claſſen zu unterrichten,
und hier mag wohl erft Mancher (auch Tekner) die
Wahrheit des Wortes „docendo discimus“ im vollſten
Umfange erkannt haben. In dieſer Zeit entſtand ſeine
„Voltigirſchule,'' ingleichen die „Geſchichte der Hellenen
und Römet /' welche Werke erſt mehre Jahre nach-
" her im Buchhandel erſchienen ſind. '
Es liegt am Tage, daß der Aufenthalt in einer
Univerſitätsſtat dem wiſſenſchaftlich Gebildeten mehr
bietet, als jeder andere Ort. Wie anregend wirken die
berrlihen Muſter, die man täglich vor Augen hat?
An Aufmunterung, Rath, Unterſtüßung kann es Kei-
nem fehlen, wer es nur ſfuc jüngern Lehrern hatten Zutritt in den Häuſern der
Profeſſoren 3; die Univerſitätsbibliothek nebſt der bedeus-
tenden Schulbibliothek ſtanden Jedem offen 3 dabei das
fröhliche Zuſammenleben, ' die milde und doh ſo eins
flußreiche Herrſchaft von oben herab, eines Niemeyer,
eines Knapp =- alles Dieſes konnte faſt nichts zu
wünſchen übrig laſſen. Es war eme ſchöne Zeit ! Die
ältern Lehrer, zum Theil academiſſt Docenten (Lange,

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