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richtes, den Lehrgegenſtand, an, ſondern auch auf das
zu Unterrichtende JIndividuumz auf dieſes einzuwirken
iſt aber unmöglich, wenn der Lehrer nicht zugleich er-
ziehende Thätigkeit anwendet. Deshalb hat man
Unterricht in dieſem Sinne definirt als ,,die kunſt-
und geſeßmäßige Erregung der geiſtigen Selbſtthätigkeit
zu einer ſol möglich wird, in demſelben ein Wiſſen und Können her-
vorzubringen.“ Von dieſem Geſichtspunkte angeſehen,
iſt der Unterricht kein Gegenſaß der Erziehung, nicht
einmal ein nebengeordneter, ſondern nur ein untergeord-
neter Begriff. Unterrichtslehre .(Didaktik) iſt keine
ſelbſtſtändige Wiſſenſchaft, ſondern ein integrirender
Theil der Erziehungslehre (Pädagogik); ſie tritt in
derſelben auf als Anweiſung zur inteliectuellen Erzie:
hung. (S. d. Artitel „Erziehung =- intellec-
tuelle“. Zh. I. 621.)
In wiefern ver Unterricht dem. Zwee der Erzie-
hung dienen könne und ſolle, darüber iſt ſchon in dem
Artikel „Didaktiſche Grundſäße“ (Th.1. S. 489 ff.)
gehandelt worden. Hier können wir jedoch nicht unter-
laſſen, auf einen gutgeſchriebenen Aufſaß „über den
erziehenden Unterricht“ von J. L. Ludwig (Scul-
lehrer in Bintlac) bei Baircuth) in der allg. Scul-
zeitung 1830. Abth. 1. Nr. 95. --- hinzuweiſen. Der-
artige in Zeitſchriften zerſtreute Aufſäße werden leicht
Überſehen und vergeſſen ; deShalb theilen wir hier das
Weſentlichſte jener Abhandlung mit, die na< Graſer:
ſc Der erziehende Unterricht muß 1) die Kräfte
anregen. Geben kann der Unterricht keine einzige
Kraftz denn alle Anlagen und Kräfte bringt der Menſch
mit zur Weltz aber ſie liegen im Keime ſchlummernd
vorhanden und hatren ihrer Entwielung und Belebung.
Der allgemeine Lebensharacter iſt Erregung. Dieſe
ſeßt ein erregbares und ein erregendes Princip voraus,
Das erregbare iſt die Anlage, das erregende der Unter:
richt.
2) Der erziehende Unterricht beobachtet immer den
erreichten Entwikelungspunct des Zöglings
für das gegenwärtige Lernen. = Das Kind bringt
ſchon beim Eintritte in die Schule eine Menge unge-
vrdneter, undeutlicher, verworrener Vorſtellungen mit:
der erziehende Unterricht prüft, ordnet, berichtigt ſie.
Die Norm, nach welcher er hierbei verfährt, iſt in der
Natur des Erkenntnißvermögens gegründet.
3) Er befolgt weiter das Geſe des allmähligen
Jortſc gange der menſchlichen Kraft erfordert wird. So geht
er vom Leichten zum Schweren fort, und übt; wie die
Natur, zuerſt im äußern Anſchauen und nachher im
innern.
4) Er iſt auch immer Selbſtunterricht: denn
die Kraft, welche angeregt werden ſoll, kann nicht ohne
eigene Thätigkeit bleiben. So wird der Menſch in den
Stand geſeßt, ſich an ohne unmittelbare fremde
Leitung zu unterrichten. Daher geht der erziehende
Unterri extenſive oder materielle Bildung aus.
5) Er lehrt nicht für die Schule, ſondern für das
Leben, iſt alſo praktiſch, weil dem Menſchen die
mannigfaltigſten Kenntniſſe nichts helfen, wenn er ſi e
im Leben nicht anwenden kann.
6) Dabei nimmt er nicht blos das Erkenntniß, ſon-
-. mg wn = rr
- Unterricht. =- Unterrichts - Anſtalten,
dern alle im Menſchen vorhandenen Vermögen
in Anſpruch. Denn der menſchliche Geiſt iſt ein un-
getheiltes Weſen, und nur die Wiſſenſchaft hat ihn in
mehre Vermögen zerfällt. Aechte Bildung der Erkennt«
nißkraft, übt und veredelt auch das Gefühls: und Wil»
lensvermögen. Dem erziehenden Unterrichte iſt es um
gleichmäßige Bildung aller Seckenkräfte zu thun.
T) Endlich behält der erziehende Unterricht auch
Überall den Endzwe> der Erziehung, nämlich Sittlich«
keit und Religioſität vor Augen.
Wichtigkeit der Forderung, daß aller Un-
terricht erziehend ſei.
Ein Unterricht, der die Kraft des Schülers unan:
geregt und unbethätigt läßt, iſt vergeblich : er bringt
dem Menſchen Kenntniſſe bei, die auf der Außenſeite
hängen bleiben und keinen Halt haben. --- Er verſtimmt
die Zöglinge und macht ihnen die Schule zu einem ver-
haßten Zwangsorte. =- Er weicht von der Natur ab
und hat ſchon deshalb nichts Gutes zu hoffen. --- Auch
ſoll ja der Menſch nicht immer am Gängelbande frem»
der Leitung bleiben, ſondern einſt dasjenige für ſich
ſelbſt übernehmen, wozu die Natur in der frühern Zeit
ihm einen Erzieher geſest hat. =- Wenn der Menſch
nicht für das Leben unterrichtet wird, ſo kann er auch
einſt nicht ſo viel Gutes ftiften, als außerdem geſchehen
würde. =- Wo der Verſtand auf Koſten der übrigen
Kräfte gebildet wird, da entſtehen kalte Raiſonneurs,
die wohl vom wahren Leben zu ſprechen wiſſen, aber
mit ihrem Wandel daſſelbe verläugnen. --- Verfällt die
Einſeitigkeit des Unterrichts aber in eine übermäßige
Gefühlsbildung, ſo giebt es ſchwärmeriſche Myſtiker
und frömmelnde Heuchler. =- Ein Unterricht endlich,
der die Förderung der Sittlichkeit und Religioſität zu
ſeinem höchſten Zwc>e macht, iſt ſchon deshalb achtens-
würdig, und kann nicht ohne die wohlthätigſte Wir-
kung für das Leden bleiven.
Denzel ſagt für „erziehender Unterricht“ =3 Er»
ziehungs-Unterricht und definirt denſelben ſo:
Mittheilung und Anleitung zu Erwerbung der noth-
wendigen Schulkenntniſſe und Geſchiklichkeiten, mik
der beſtimmten Abſicht, die Kräfte des Sc lers zu üben, zu ſtärken, zu bilden. ---
Die Forderung, daß. der Unterricht zugleich auch
erziehend ſein ſolle, iſt keine8wegs gleichbedeutend mit
der Forderung, daß der Schullehrer auch Erzie-
her ſein müſſe. Lektere vetlangt weit mehr: denn
zufolge derſelben ſoll der Lehrer nicht blos durch das
Mittel des Unterrichts, ſondern auch dur alle andere
ihm zu Gebote ſtehenden Mittel auf Geiſt und Herz
ſeiner Zöglinge einwirken. Wir erkennen das Begrün:
dete dieſer Forderung an, können uns aber hier, wo
wir es nur mit dem erziehenden Unterrichte
zu thun haben, nicht weiter darüber ausſprechen. Doch
verweiſen wir auf folgende Aufſäke:
Der Schullehrer als Erzicher. NaD DeEgerando --
von E. Schaumann. Allg. Schulzeitung 1840. Nr. 104
-- 106. -- Die Erziehung in der Schule. Ebmn
daſ. 1841. Nr. 132 f. -“-“Ueberdieerzichende Kraft
derS Brandenvurg 1841. Yl. 1. S. 3 -- 15.
Unterricht -- formaler --materialer--
f. d. Artikel „Form“ Th. 1. S. 671 ff. und „Ma»
terie“ Th. I. S. 246 f
Unterrichts : Anſtalten. Obgleich in keiner
Scule das erziehende Princip fehlen darf, ſö ſind doch
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