Wahrheit --- Wahrhaftigkeit,
die Geſundheit, die Jugend, die Freude, der Tod 2c.
nie als Dinge vorkommen, ſondern nur als Etwas
an oder in den Dingen, als eine Eigenſchaft (Beſchaf-
fenheit, Zuſtand) derſelben z wie es nur gleiche, ge:
ſunde, junge, freudige, todte 2x. Dinge (Sachen oder
Perſonen) giebt, ſo verhält es ſich auch mit der Wahr-
heit. Cs giebt nur wahre Vorſtellungen , wahre Ge-
finnungen (Schäßungen), wahre Gefühle, wie es auch
unwahre oder falſche giebt, und heben wir alle Vor-
ſtellungen 2c. in Gedanken auf, ſo iſt auch alle Wahr-
heit, wie umgekehrt alle Falſchheit oder Unrichtigkeit,
aufgehoben. Dem herrſchenden Sprachgebrauche ge-
mäß bedient man ſich des Ausdru>es Wahrheit vor-
zugs8weiſe für die Vorſtellungen, während man von
wahren Geſinnungen, Handlungen, Gefühlen 2c. ſel-
kener redet und ſich dafür lieber der Ausdrü>e gut,
richtig 2c. bedient, womit im Grunde jedoch das Näm-
liche bezeichnet werden ſoll, - wie mit dem Ausdru>e
wahr. Denn alle dieſe Wörter kommen darin über:
ein, daß ſie eine Richtigkeit deſſen ausdrü>en. worauf
ſie bezogen werden, eine Angemeſſenheit deſſelben
zu einem Maßſtabe, einer Norm, eine Uebereinſtim-
mung damit.“ Wir haben es hier nur mit der Wahr-
heit der Vorſtellungen, alſo mit der Wahrheit im en-
gern Sinne zunächſt zu thun, und verweiſen für die
übrigen Gebiete des Wahren oder Richtigen auf die
Artikel Moralität, moraliſche Neigungen, Ge-
müths- und Characterbildung, Antrieb, Ge-
fühl, äſthetiſche Bildung und Vernunft.
Es laſſen ſich aber bei den Vorſtellungen drei Ar-
ten des Wahrſeins oder der Wahrheit unterſcheiden ;
die reelle, die logiſche und die metaphyſiſche Wahr-
beit. Da die Vorſtellungen theils Wahrnehmungen,
theils Begriffe, theils Ideen ſind (ſ. Vorſtellun-
gen), die in Urtheilsform ausgeſpro verſteht es ſich von ſelbſt, daß die Wahrheit der Ur-
theile zulebt auf die Richtigkeit jener Gebilde zurü-
kommt, und eben ſo iſt klar, daß auch der Ausdru>:
wahre Erkenntniſſe, darauf hinausläuft, denn alle Er-
kenntniſſe haben es mit Vorſtellungen zu thun (ſ. Er-
kennen).
Welche Vorſtellungen oder Erkenntniſſe nennt man
nun reell-wahre, oder, wie der gewöhnliche Sprach-
gebrauch des alltäglichen Lebens lautet, empiriſch-
wahre? Bekanntlich ſolche, bei deren Erwerbung un-
ſere Sinne normal thätig waren, ſo daß wir nicht
nur die einzelnen Eindrüke, ſondern auch ihr Zuſam-
men und ihre Folge richtig auffaßten, wozu noc< ihr
vollſtändiges Aufbehaltenwerden und ihre Ungeſtörtheit
kommt, welche Ungeſtörtheit wegfällt, wenn Einbildun-
gen, Leidenſchaften und andere fremdartige Elemente
in das Aufgefaßte ſi einmiſchen. Wahr in dieſer
Bedeutung heißt dann eben das, was durch dieſe Bil-
dungsproceſſe hindurc Form oder Beſchaffenheit an ſich trägt, welche ein
nokhwendiges Reſultat dieſer Proceſſe iſt. Man ſieht,
: daß hier die Norm des Wahrſeins in nichts Anderem
beſteht, als in den allen menſchlichen Seelen ge-
meinſamen Urvermögen und Entwi>elungs-
geſehen, in Verbindung mit den für alle
menſchlihen Seelen gemeinſamen Entwi-
Telungsverhältniſſen (ſ. Bildungsmomente).
Was in der einen oder der andern dieſer Beziehungen
abweicht, heißt unwahr. So nennen wir die Wahr-
nehmungen derjenigen -Menſchen unrichtige, welche
Alles in Einer Farbe ſehen, oder welche gewiſſe Far-
ben (z. B. die blaue) nicht ſehen, und wir haben zu
dieſem Ausſpruche keinen andern Grund, als weil dieſe
Unempfänglichkei in den Sehvermögen deß bei weitem
größten Theiles der Menſchen nicht vorkommt. Sä-
hen alle Menſchen nur Cine Farbe, ſo würde uns
dieſes Sehen das wahre ſein, das vielfarbige würden
wir als eine Unregelmäßigkeit verwerfen. Eben ſo be»
zeihnen wir die Wahrnehmungen und Urtheile des
von einer fixen Idee eingenommenen Wahnſinnigen
als falſch , weil be? ihm zu den ſinnlichen Empfindun-
gen, die er vielleicht vollkommen richtig gebildet hat,
nicht das aus ſeinem Innern hinzukommt, was bei
anderen Menſchen Hhinzutritt, nämlich -die gleichar-
tigen Spuren, die von den nämlichen frühern Em-
pfindungen zurügeblieben ſind. Hierdurch erſt hät-
ten die Empfindungen zu wahrhaften Wahrneh-
mungen geſteigert werden könnenz es floſſen aber
fremdartige Empfindungsangelegtheiten hinzu, welche
übermächtig die neugebildeten Empfindungen verdun-
kelten, und die ſinnlichen Reize dieſer Empfindungen
für ſich ſelber in Beſchlag nahmen und ſich aneigne-
ten. Aehnliches kann bei jeder Erkenntniß geſchehen.
Indem ſie ſich entwielt, kann bei jedem Gliede der-
ſelben der Erfolg, der in den allgemein - menſchlichen
Entwikelungsgeſezen und Entwielungsverhältniſſen
begründet iſt und unter günſtigen Umſtänden nie aus-
bleibt, verhindert und der entgegengeſekte herbeigeführt
werden, ſobald nur die Umſtände ungünſtig gegeben
ſind. Cs muß dann die Bildungsform der Erkennt-
niß eine andere werden, als es ſonſt geſchehen wäre,
das Wahre verkehrt ſic in ein Unwahres. Mithin
beſteht hier die Wahrheit in derjenigen Form der
. Erkenntniß, welche durch die allen Menſchen ge-
meinſamen Bildungsprocoſſe (ſf. d. Wort) bedingt iſt,
die Unwahrheit in einer davon abweichenden Form,
welche ihren Grund darin hat, daß ſich individuell-
unregelmäßige Bildungsproceſſe einmengten, als die
Erkenntniß erworben ward.
Am ECinfachſten verhält es ſich mit der logiſchen
Wahrheit. Für ſie wird nur erfordert, daß der Prä-
dicatbegriff in der Subjectvorſtellung enthalten, oder,
bei negativen Urtheilen , der erſtere aus der lekteren
ausgeſchloſſen ſeiz nach der Wirklichkeit des Subjectes
oder nach der Bedeutenheit des Prädicgtbegriffes wird
nicht gefragt. Die Urtheile, in welchen wir die Eigen-
ſchaften eines Fabelthiers ausſprechen , ſind nicht weni-
ger logiſch wahr, als diejenigen, welche die Eigenthüm-
lichkeiten eines Pferdes angeben, und die Lehrſäke einer
Botanik, welche alle Pflanzen nach den Farben ord-
nete, würden eben ſo logiſch wahr ſein können, wie
die Lehrſäße des tiefſinnigften botaniſchen Syſtems.
Wir nennen ferner die Urtheile über den Character
eines Menſchen unwahr, wenn die dieſem Menſchen
beigelegten Prädicate in ihm nicht gegeben ſind, oder
wenn die ihm abgeſprochenen in ihm liegen. Das lo»
giſch richtige Urtheilen herrſ jectvorſtellung und Prädicatbegriff vollſtändig und
klar neben einander gedacht werden, es bedarf eines
Weiteren nicht; das logiſche Urtheilen wird nur man-
gelhaft, wenn jene Vollſtändigkeit . und Klarheit man-
gelhaft iſt, weil entweder zuſammengehörige Vorſtels
lungbelemente ausgefallen, oder ungehörige verbunden

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