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worden ſind, und wir ſagen daher z. B. mit Recht:
du haſt dir die Juno, die Gemahlin Jupiters, unz
richtig vorgeſtellt, wenn du ihr das Prädicat des Zor-
nes abſprichſt oder nicht klar zuſprichſt, oder wenn du
ſie als die dritte Göttin dem Range nach denkſt 2c.
Die Norm flir die logiſche Wahrheit beſteht alſo eben-
falls in einer gewiſſen pſy daß nämlich die Beſtandtheile der Erkenntniß klar
und vollſtändig gebildet und mit einander verbun-
den ſind, wie dies in allen Menſchen durch die logi-
ſchen Entwikelungsgeſeße bedingt iſt. Was dieſer
Norm entſpricht, iſt logiſch wahr, was davon abweicht,
logiſch falſch (ſ. analytiſches Urtheil).
Man ſieht: an ſolchen blos logiſch wahren Urthei-
len war ehemals die Welt viel reicher als jekt; die
immer mehr zunehmende Summe des reell Wahren
verdrängt jene Urdheile mehr und mehr, und je erfah-
rungsgemäßer ſich die Wiſſenſchaften ausbilden, deſto
mehr ſchrumpft die Anzahl der blos logiſch wahren
Anſichten zuſammen. Man denke an die unter uns
ganz verſchwundene alte Mythologie, an die Fabeleien
der ehemaligen Aſtrologie, an die falſchen aber logiſch
denkbaren Hypotheſen der bisherigen Pſychologie, und
dergleichen.
Die metaphyſiſche, d. h. vollſtändigſte Wahr-
heit endlich beſteht in der vollen Uebereinſtim-
mung der Erkenntniß mit dem erkannten Ge-
genſtande. Sie kann nur da vorkommen, wo das
Sein des Gegenſtandes ſelber in die Vorſtellung ein:
geht, wo Sein und Vorgeſtelltwerden Eins iſt, und
das iſt nur möglich bei der Vorſtellung unſerer See-
lenthätigkeiten. Hier allein kündigt ſich das Scelen2
gebilde durch ſich ſelbſt, durch ſein eigenes Bewußtſein
an, d. h., es wird das Sein zugleich Vorſtellen, ohne
daß fremdartige Clemente hinzuzutreten brauchten oder
hinzutreten könnten. Bei der Vorſtellung einer Pflanze
können wir nicht verlangen, daß dieſe Vorſtellung zu:
gleich auch der in ihr vorgeſtel:te Gegenſtand , d. h.
die Pflanze ſelber ſei, ſondern nur, daß ſie gewiſſe.
Elemente derſelben (auf unſre Sinnenvermögen ein-
wirkende Reize) in ſich trage, wodurch wir allerdings
eine vollkommenere Auffaſſung der Pflanze, als eine
blos logiſch wahre, nämlich . eine empiriſch wahre er-
hatten, die aber von der metaphyſiſch wahren noch
ſehr verſchieden iſt. So weit es uns nun gelingt,
die pſychiſchen Thätigkeiten eines Andern vollkommen
in uns nachzubilden, weil wir dieſelben Elemente,
woraus ſie in dem Anderen beſteht, auch -in uns tra-
gen, ſo weit ſtellen wir auch das pſychiſche Sein des
Andern metaphyſiſch wahr vor, ſo weit jene Bedin-
gungen nicht gegeben ſind , ſo weit iſt das leßtere Vor»
ſtellen für uns unerreihbär. Den Schmerz über den
Tod eines geliebten Gatten kann Derjenige unmöglich
in ſich nachbilden, der wohl ähnliche Schmerzen , aber
nicht gerade dieſen empfunden hat, folglich nur ähn-
liche, aber nicht ganz gleiche Spuren in ſich bewahrt.
Hieraus erhellet , daß: wir die untermenſchlichhen Weſen
eben ſo wenig metaphyſiſch wahr vorzuſtellen verm0ö-
gen, als die übermenſchlichen, . wie höhere Geiſter und
Gott. Das Sein jener iſt unvollkommner, als unſer
' eignes Sein, das Sein dieſer dagegen weit vollkomm:-
ner, als unſer Seelenſein , und daher gewinnt die.
-Borſtellung von Gott inimer ein anthropomorphiſti-
ſches Gepräge in uns (ſ. Anthropomorphismus).
'Geſangbuch verdanken.
v
Wahrheit --- Wahrhaftigkeit. =- Walther.
Die Norm für das metaphyſiſch Wahre beſteht daher
in der Congruenz des Vorgeſtellten mit der
Vorſtellung; was von dieſer Norm abweicht, kann
noch ſo logiſch und reell wahr ſein, metaphyſiſch wahr
iſt es noh nicht (f. Erkennen, Erfahrung und
Real). |
Sonah können wir die Wahrheit, ganz allgemein
genommen, definiren als den Inbegriff derjenigen
Crkenntniſſe, die in ungeſtörter, folglich un-
verfälſchter Entwikelung nah den allgemein»
menſchlichen Erkenntnißgeſeßzen gebildet ſind,
uud deshalb die allgemein-menſc dungsform (die gleiche Form des Gebildet-
ſeins) an ſich tragen.
Wie der Menſc< die Wahrheit ſuchen ſoll, ſo ſoll
er ſie auch Andern unverſtellt mittheilen. Dies führt
auf die Pflicht der Wahrhaftigkeit, und es fragt
ſich nun, ob die Mittheilung des als wahr ECrkannten
gewiſſe Grenzen habe, oder ob ſie, wie von Manchen
behauptet worden iſt, eine unbedingt gebotene ſei, von
der es alſo keine zuläſſige Abweihung gebe. Man
wird ſich aber nur für eine bedingte Pflicht dieſer Art
erklären können, wenn man bedenkt, daß ſie jederzeit
die Fähigkeit bei Andern vorausſest, die Wahrheit
wirklich zu faſſen, ſo wie -auf der andern Seite die
Geneigtheit, ſie den Forderungen der Sittlichkeit ge-
mäß anzuwenden. Wo Beides wegfällt, kann die
Wahrheit nicht unbedingt mitgetheilt werden, weil ſie
dann verderblic) wirken würde, und dazu iſt ſie nicht
da. Man darf alſo die Wahrheit verſchweigen, oder
geradezu verdeFen, wo ſie offenbar Schaden brächte,
und in der Erziehung kommt dieſer Fall oft vor.
Wahrheitsliebe wird man aber gewiß dem Zöglinge
anbilden , wenn man ihm darin als Muſter vorangeht
(Vorſchriften nüßen in dieſer Beziehung ſchr weniz),
und man hat nicht zu fürc guten Gründen beruhende Abweichung von der Mit-
theilung der Wahrheit zur Liebe der Unwahrheit in
ſich nachbilden werde, wenn man nur vorſichtig zu
Werke geht und ihm ſobald als möglich die Gründe
bekannt werden läßt, die uns die Moral und das all-
gemeine Wohl in dieſer Hinſicht vorſchreiben. Aller
dings iſt die Forderung richtig, der Erzieher ſolle nie,
auch nur ſcheinbar, von der Wahrheit vor dem Zög-
linge abweichen z dies kann aber nicht heißen, er ſolle
. ihn Alles hören laſſen, auch was er nicht zu faſſen
vermag, ſondern es gilt jene Vorſchrift nur von den
Fällen, wo nach der Bildungsſtufe des Zöglings die
VerdeFung der Wahrheit dieſen zu einer fehlerhaften
Nachahmung verleiten müßte. Vergl. Lügen. Uebri-
gens giebt es von der Pfliht, wahr in ſeinen Auslaſ:
ſungen zu ſein, viel weniger Ausnahmen, als die
meiſten Menſchen zuzuſtehen geneigt ſind. D---r.
Wahrnehmung ſ. Anſchauung und Auf-
faſſen.
I8alther (Johann). Dieſer Mann verdient
wohl darum ein Andenken in der Päd. R.-E., weil
wir ihm das erſte deutſche , proteſtantiſch lutheriſche
Er war überhaupt ein ſehr
verdienſtvoller. Contrapunctiſt des 16.- Jahrhunderts;
Anfangs, d. h. um's Jahr 1524, Capellmeiſter zu
Torgau , von woher ihn Luther nach Wittenberg bs-
rief, um mit Conrad Rumpf gemeinſchaftlich dit
deutſche. Meſſe daſelbſt einzurichtenz nachher aber Ma“

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