Wiſſenstrieb. = Wit.
Dinge, die man kennen (wiſſen) lernt, ſteigernd auf
die auffaſſenden Vermögen einwirken, denn auch durch
herabſtimmende Einwirkungen (ſ. Antrieb) ſtumpft
ſich das angeborene Streben jederzeit ab. Dabei iſt es
ganz gleichgiltig , wie der Gegenſtand an ſich beſchaffen
ſei. Auch das, was Tauſende ſonſt gleichgiltig läßt
oder wohl gar verſtimmt, kann mich ſteigern, falls nur
ſonſt die Verhältniſſe dies unterſtüßen, und dann ent-
ſteht und wächſt mit dieſer Steigerung auc) der Trieb
für deſſen Erwerbung. Fühlt man die Kraft erhöht,
gefördert, ſo kann nach der Natur unſerer Seele dieſer
Erfolg nicht ausbleiben. Daher ſehen wir z. B. todte
Sprachen von Manchem mit einem Eifer betrieben,
der Denen unbegreiflich vorkommt, die ihr Wohlgefal-
len nur an Sachen, an den ihnen nahe liegenden
Dingen findenz daher kann die abſtracte Zahl eine Be-
geiſterung erwe&en, die dem des Rechnens Unkundigen
immer fern bleibtz daher liebt Manc kunde , vor welcher ein Anderer als vor etwas Dürrem
und Unfruchtbarem ſich ſorgfältig verſchließt 2c. CEhr-
und Lohnſucht können allerdings ebenfalls zur Erwer-
bung von Kenntniſſen treiben und ſo für das Wiſſen
einen Trieb veranlaſſen. Da aber dieſer Trieb nicht
aus der Sache ſelbſt kommt, ſondern nur ein geborg-
ter, fremdartiger iſt, ſo läßt er ſofort na<, ſobald die
Ehre oder der Lohn wefällt, in ähnlicher Art, wie das
Nad in der Maſchine ſeine treibende Kraft verliert,
wenn das Waſſer, von dem es den Anſtoß bekam,
nicht mehr zuſtrömt. Solche Wiſſenstriebe ſind nicht
zu wünſchen, ſondern als Mißbildungen zu betrachten,
die den Character des Menſchen verderben. Es iſt der
AuSsgleichungsproceß, der dieſe übertragenen Triebe er-
HRärtz; ſie gleichen den hölzernen Beinen, die in ſich
keine Lebenskraft haben, ſondern lediglich von den leben-
den Gliedmaßen in Bewegung geſebt werden. Der
vernünftige Erzieher kann alſo nur wollen, daß jeder
Wiſſenstrieb aus der Sache ſelbſt komme, die gelernt
werden ſoll, und ſo folgt, daß er ſie in ſteigernder
Form mittheilen müſſe, ſonſt erlangt ſie keinen ſelbſt»
eigenen Trieb, auf deſſen Dauer man ſich verlaſſen
kann.
Was gehört nun dazu? Man mache das zu Ler-
nende intereſſant durc; den Ernſt und die Liebe, mit
der man es betreibt, dur< die Klarheit, mit der man
es vorträgt, dur< die Verſtärkung, die man ihm mit-
telſt zwe>mäßiger Wiederholung giebt, durch die wohl«
thätigen Folgen, die man davon aufzeigt, durc; das
Bewußtſein der gewachſenen Kraft, das man dem
Schüler bei jeder paſſenden Gelegenheit verſchafft. So
wachſen die Lerntriebe, und der Wiſſenstrieb wird ſich,
da er nur die Summe derſelben iſt, nach allen Seiten
hin erweitern. .!' D--r.
Lit. So lange das völlig Gleichartige in der
menſchlichen Seele noh in geringem Umfang erworben
iſt. wird und muß das Geſeß der Anziehung =“ das
Combinationsgeſeß (ſ. d. Art.) -- ſich im Bereiche des
blos Aehnlichen wirkſam erweiſen, und da in der erſten
Hälfte der Kindheit blos das in dcr nächſten Umge-
bung Liegende zu Begriffen verarbeitet werden kann,
weil nur dieſes ſich täglich von Neuem der Wahrneh:
mung darbietet --- die Auffaſſung des Uebrigen iſt
noh zu bruchſtüFartig = ſo muß dieſes Alter die Pe-
riode ſein, wo die Combinationen des blos Ächnlichen
mit einer gewiſſen Nothwendigkeit entſtehen, gerade ſo,
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wie ſolches auch im Kindesalter der Menſchheit geſchah,
wo die wibigen und gleichnißartigen Combinationen
vorherrſchten , indem erſt ſpäter das Denken in eigent-
lichen , ſtrengen Begriffen und Urtheilen =-- das philo-
ſophiſche Denken --- hervortrat, eine Erſcheinnung,
welche der Geſchichte zufolge ſich bei jedem zur Bildung
heranreifenden Volke wiederholt hat. Bei Kindern
muß dieſe Zuſammenerregung des Aehnlichen nament-
lich auc) um deswillen leicht eintreten, weil ihre größere
Lebendigkeit und Beweglichkeit dieſen Vorgang unge-
mein begünſtigt, ſo daß nur ſehr ſchläfrige und matte
Köpfe hiervon eine Ausnahme zu machen pflegen. Bei
allen geiſtig gewe&ten Kindern findet ſich vielmehr eine
Periode , wo ſie, auch ohne Anleitung und Vorbild,
mit den erworbenen Vorſtellungen mannigfach ſpielen,
und aus eigener Triebkraft eine Menge von wikigen
Zuſammenſtellungen bilden. Unerfahrene Eltern ſehen
dies gewöhnlich als das Merkzeichen großen Talents
an und werden nicht müde, von den bewundernswür-
digen Einfällen ihrer Lieblinge Andern zu erzählen und
wiederzuerzählen, bis ſie endlich) zu ihrem Leidweſen
entde&en, daß an die Stelle dieſer Erſcheinungen etwas
ſehr Nüchternes und Alltägliches getreten iſt.
Natürlich! Cs iſt bloß die nämliche Anziehungs-
kraft, welche jest das wißig Combinirte und welche
ſpäter die Elemente für die Begriffs= und Urtheilbil-
dung zu einander bringt. Aber eben hieraus ergiebt
ſich, daß wir jene Wikfunken als eine weſentliche Vor-
bereitung für die Verſtandesbildung anzuſehen haben.
Die Begriffe und Urtheile werden auf Grundlage des
gleichen Entwi&elungsgeſeßes eintreten, ſobald ſich eine
größere Anzahl von Vorſtellungen angeſammelt hat,
die einander in höherem Maße gleichartig ſind, als die
bisherigen. Alle wiſſenſchaftlichen Erkenntniſſe haben
ſich ebenſo aus der anfänglichen Zuſammenſtellung des
blo8 Aehnlichen hervorgearbeitetz es waren Cinfaälle,
wie man ſie damals blos haben konnte, und leider muß
man ſagen, daß no<; mehre Wiſſenſchaften dieſen
Kindheitsharacter an ſich tragen; ſie ſteXen noch tie“
in witzigen und Gleichniß:-Combinationen, wie nament:
li< die Philoſophie mit allen ihren Zweigen, und es
wird noch lange währen, ehe ſie zu eigentlichen Wiſ-
ſenſchaften heranreifen, wo man nicht bloße Metaphern
für Begriffe anſieht, die das Wirkliche , was von den
Dingen zu prädiciren iſt, als Nothbehelfe übel genug
vertreten. Metaphern ſind blos ungefähr paſſende
Prädicate, keine wirklich zutreffende (f. bildlich). Cs
hieße jedoch das eigentlic Intellectuelle in dem Kinde
verkümmern, wenn man dieſe Vorſpiele ganz unter-
drüken und nicht vielmehr als Uebergang zu den Bec
griffen und Urtheilen pflegen wollte. |
Möcten nur nicht die meiſten Combinationen des
Wikes ein glänzender Schein ſein, der bei genauerer
Betrachtung in Nichts verſchwindet?! Nur wenige
beziehen ſich auf Cigenſchaften von ſo bedeutendem
Characker, “daß ſie zur Grundlage für die Begriffs:
bildung und ſomit für ein Denken werden können,
Hört doh der Wit meiſtentheils ſogleich) auf, Wik zu
ſein, wenn er mehr enthält, als das blos auf der Ober-
fläche der Betrachtung Liegende. Dabei wird er leicht
noh von einer andern Seite her gefährlih. Er hat
nämlich ſeiner Natur nach etwas Piquantes , deſſen
Wohlgefühl gerade in der kindiſchen, noch überwiegend
leeren Seele gern einen gewiſſen Rauſch erzeugt, wo-

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