Wunderbar.
Anſchauung näher zu bringen; au nur da, wo es
ſich, wie in der Poeſie, in wahrhaft idealiſcher Weiſe
in Worte faſſen läßt. Der wahrhaft Gebildete hütet
ſich freilich dabei, Geiſt und Körper dadurch mit ein-
ander zu vermiſchen und an einen wunderbaren Zu-
ſammenhang ſeiner Schiung zu glauben, und daher
dem Aberglauben zu huldigen , verführt durch den
Zauber von Vorbedeutungen, Weiſſagungen, Träumen,
Eingebungen, Erſcheinungen der Verſtorbenen und
dergl., wodurch leicht die Phantaſie getäuſcht und in
die Irrgänge des Myſticisömus geführt werden kann.
GlüFliche Menſchen, welche dur; Begünſtigung der
Natur oder der Erziehung zu einer harmoniſchen
Wirkſamkeit aller ihrer Seelenkräfte gekommen ſind,
ſind zwar einer erhabenen Gemütchsſtimmung fähig,
aber ſie lieben doh mehr das Aeſthetiſch = Wunderbare,
wodurch die Sinnenwelt nicht ſo ſehr vernichtet, als
vielmehr idealiſirt, das Endlice und Beſchränkte zum
Unendlichen erhoben , das Unendliche aber verſinnlicht
wird. Die wunderbaren Dichtungen Homer's, Taſſo's,
Arioſt's, Wieland's und Anderer, nicht weniger die
Meiſterwerke der Bildhauerkunſt und Malerei werden
* dieſe Gemüthsſtimmung vor andern für ſich empfäng-
lic; finden. Selbſt den ſchönen und gütigen Feen
geiſt= und geſchma&voller Mährhen verſagt ſie ihr
Intereſſe nicht.
. Bei einer weit zahlreichern Claſſe von Menſchen,
bei Menſchen von ſchwachem, trägem, niedrigem Geiſte
äußert "ſich leider der Hang zum Wunderbaren durch
die Neigung zu völlig geſeß- und verſtandesloſen Ver-
knüpfungen der ſinnlichen Dinge, ſo wie fie nur eine
regelloſe Phantaſie, oder die ängſtlihen Wünſche und
Begierden des Herzens eingeben mögen. Man denke
an die Anhänger des Fetiſchdienſtes und des Schamaz
nismus und andere Völker, deren Cultur nur auf
das Aeußere berechnet. Doch auch bei Männern von
einer gewiſſen Cultur und Gewandtheit in Geſchäften,
ja zuweilen dei ſonſt klugen, kenntnißreichen, ſcharfden-
kenden Menſchen findet er ſich, und ſo auch bei Wei-
bern, beſonders, wenn ſie in Verlegenheiten gerathen.
Bei dieſer Claſſe von Menſchen iſt recht oft Aber-
glaube mit Unglauben verbunden. Gott, Unſterblich-
keit, Cwigkeit u. f. w. ſind einem ſol nur Worte, an denen er doch gewöhnlich, ſo lange
ſein Prieſter ihn beherrſcht, eben ſo wie an Amuleten
und Zauberworten hängt, die er aber, durch Umſtände
und Beiſpiel kühn gemacht, wegwirft, ohne übrigens
feine abergläubige Meinung zu verbeſſern. Er glautt
nicht an Gott und fürchtet ſich vor dem Teufel, oder
zittert vor Geſpenſtern, oder läuft zu dem Wahrſager.
Daß aber bisweilen Menſchen von erhabener Ge-
ſinnung, die eben deswegen für das Erhaben-Wunder-
bare ein ſtarkes Intereſſe haben, eben auch nicht ganz
frei von Aberglauben im weiten Sinne find, d. d.
von der Geneigtheit, etwas zu glauben , was nicht mit
den Naturgeſeßen beſtehen kann, iſt durch Erfahrung
begründet. Dergleichen Menſchen mögen wohl nie-
mals dem Begriffe der Natur eine unbefangene Erör-
ferung gewidmet haben. Site zweifeln, ſie wollen in
vielen Fällen nicht entſcheiden, weil ſie die feſte Grenze
nicht kennen, die das Sinnliche und Ueberſinnliche
ewig ausßeinander hält. . SEIEN
- Uebrigens verſteht es ſich von ſeldſt, daß es nicht
immer ein Beweis von Aberglauben iſt, wenn man
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an dem Abergläubigen Intereſſe findet. Denn auch
der vernünftige und verſtändige Mann bedarf zur Er-
holung bisweilen eines regelloſen Spiels der Phan-
taſie, und wird Geiſtergeſchichten und Mährchen lie-
ben, ſind ſie nur nicht ungereimt und abgeſchmadt.
Und enthalten ſie nur liebliche Dichtung und irgend
einen Sinn. -
Aber wie iſt der Hang zum Wunderbaren in
Rückſicht auf die Erziehung zu betrachten?
Vor Allem iſt hierbei zwiſchen dem Kindesal»
ter und dem Alter des Jünglings zu unter-
ſc beſchränktes Spiel der Phantaſie und zugleich ein im-
mer reges Leben, das ihnen lebhafte und ſchnell wech:
ſelnde Gefühle zum Bedürfnig macht. Daher findet
ſich bei ihnen ein ſtarker Hang zu der Gattung des
Wunderbaren, welche die Phantaſie in eine lebhafte
Thätigkeit ſekt, ohne ſie zu überſpannen, und welche
zugleic?m) eine ſtarke Rührung der Gefühle dewirkt.
Dieſer Hang äußert ſich vorzüglich durc< das außer:
ordentliche Intereſſe, womit ſie an Feenmährc Geſpenſtergeſchihten hängen. Sn
Wichtige Vorſchriften, welche in dieſer Beziehung
bei der Erziehung zu beobachten ſind, dürften folgende
ſein:
1) Man begünſtige dieſen Hang nicht, ſon:
dern arbeite ihm nielmehr entgegen. Er nährt
und ſtärkt die Gewohnheit des regelloſen Umherſchwei-
fens der Gedanken, und ſchwächt die Geiſteskraft, in-
dem er die beſtimmte Selbſtthätigkeit hindert. Er
giebt der Phantaſie eine zu große Herrſchaft, ohne ihr
innere Stärke zu geben; er legt auch, beſonders durch
Geſpenſtergeſchichten, den Grund zu einer Furcht vor
Phantomen, wovon man ſich oft das ganze Leben
hindurch nicht befreien kann und die Unzufriedenheit
mit dem wirklichen Leben erregen. Daher ſuche man
dieſem Hange ſoviel als möglich entgegen zu arbeiten
durch hinlängliche Verſtandesbeſchäftigung, die bald
leichter, bald ſchwerer mit einander abwechſelt, immer
aber ſo beſchaffen iſt, daß ſie die Aufmerkſamkeit ns-
tbig macht und das Umherſchweifen der Gedanken ver-
hindert. Auch ſuche man die Kinder an Dunkelheit
zu gewöhnen, ſowohl im Hauſe (wozu man ſich, nach
Rouſſeaus Vorſchlag, dieſer und jener Spiele bedienen
kann), als auc: im Freien, beſonders im Walde.
Man mache ſie hiernächſt auf die Natur und ihre all:
gemeinſten Geſeße recht aufmerkſam und ſuche fie
durch Erzählungen zu feſſeln, welche dem Verſtande
und Herzen zugleich Beſchäftigung geben, wie der in-
tereſſante --- Robinſon.
2) Man erſti>e aber nicht die Einbil-
dungskraft, noh die Ähnung des Ueberſinn-
lichen, und ſei beſtrebt, jenen Hang zur Er-
we&ung und Bildung moraliſcher, äſtheti-
ſcher und religiöſer Gefühle zu benußen.
Wohl iſt die Jugend vor Augartung der Einbil-
dunzskraft in Schwärmerei und Aberglauben zu be-
wahren, aber die an ſich ſchäßbare Anlage ſelbſt darf
nicht vertilgt werden. Mit ihr würde man nicht al-
lein zugleich das Vermögen, ſich über die immer be-
ſchränkte, oft leere, oft ängſtliche Wirklichkeit zu erhe-
ben, vertilgen, ſondern auch alle wahre Selbſtthätig-
keit des Gemüthes unmöglich machen. Dem paſſiven
Hingeben der Gedanken und ihres ange an den
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