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Zufall umd äußeres Eindrücks ſoll man entgegenarbei-
ten, die Einbildungskraft ſelbſt aber, d. h. das Ver-
mögen der erßabenſten Gedanken und Empfindungen
des höheren Lebens und Genuſſes, vorſätlich üben und
ſtärken, beſonders bei Kindern, denen es an Kraft
und Leichtigkeit fehlt. |
-Bisweilen zur Belebung des Fleißes und der Ein:
bildungskraft mag man den Kindern eine wundervolle
Dichtung erzählen, welche mit einer lieblichen Form
einen rührenden Inhalt verbindet. Dadurch giebt
man zu gleicher Zeit den Gedanken die Richtung zum
Gefallenden und Schönen und gewöhnt das Herz an
menſchlich fittliche Gefühle. Auch findet man dabei
Gelegenheit, die ſittliche Urtheilskraft zu üben. Mit
vorzüglicher Sorgfalt ſuche man der Phantaſie junger
Mädchen dieſe Richtung zum Schönen und Sittlichen
zu geben. Bei den Knaben hingegen ſuche man mit
den zunehmenden. Jahren den beſprochenen Hang auf
das Erhaben-Wunderbare zu lenken. Dies wird am
beſten durc) den Religionsunterricht geſchehen, der den
Zwe hat, das Gefühl für das Unſichtbare und Ueber-
ſinnliH erweden, zu ſtärken und vor Verirrungen zu bewah-
ren. Aber aurh bei großen Naturſcenen kann man
die ernſte Stimmung, in welche ſie den Knaben ver-
ſeen, durch Anregung erhabener Ideen befördern.
So auch beim Unterrichte in der Geſchichte und beim
Leſen erhabener Gedichte.
In dem Jünglingsalter freilich geht mit der
Veränderung. der Denk- und Empfindungsweiſe über-
haupt auch eine große Veränderung in den Aeußerun-
gen des Hanges zum Wunderbaren vor. Der ſich:
ſelbſt überlaſſene Jüngling voll Kraft und Feuer fühlt
nämlich ſich von ſelbſt zu allem Ungewöhnlichen und
Außerordentlichen hingeriſſen. Seine Wünſche, Ahnun-
gen und Beſtrebungen werden nicht mehr durch die
Gegenwart befriedigt, es regt ſich vielmehr in ihm. ein
Leben der Phantaſie, das: über die Schranken der
Sinnenwelt hinausgeht. Sie wirft Himmel, Hölle
und Erde untereinander. Das wahrhaft Erhabene
vermiſcht ſich mit dem Abenteuerlichen, Schre&lichen,
Gräßlichen. Neben. Milton's und Klopſto>'*s himm-
liſchen. Dichtungen feſſeln den Jüngling grauſende
Geiſtergeſchichten und Romanzen. Was nur ſeine
Einbildungskraft zum Unermeßlichen oder Geheimniß-
vollen hinzieht und ſeine Bruſt mit heftigen Gefühlen
erfüllt, das Alles reißt ihn unwiderſtehlich hin.“ Da-
her auch. dev mächtigs Zauber, womit ihn die aben-
teuerlichen, mit. dem Wunderbaren gemiſchten Sagen
aus der Heldenwelt ergreifen und ihn oft ſelbſt zü bel:
denmüthigen: Thaten: fortreißen wollen.
Und nun, welc der Behandlung. dieſes Hanges im Jünglinge zu be-
obachten ?
Wir geben dieſe Regeln ohne weitere Auseinander-
ſeßung. an, wie. ſie der am 14. Mai 1835 als Hof-
rath und Prof. der Philoſ. zu Marburg geſtorbene
Dr. Th: A. Suabediſſen (S. Deſſen. Biographie in der
Pädag. R.-E.) angegeben hat. Die weitere Ausfüh-
rung iſt zu leſen. in Deſſeiven. „Aufſäten pädagogiſchen
Inhalt “ (Ceipzig. bei Kummer 1804), and daſelbſt in
em zweiten. Aufſaße, der- mit wahrhaft. philoſophi-
ſchem. Geiſte. gearbeitet iſt. pylofops
1) Es iſt eins große: Vorſicht. nöthig, unv nicht
Wunderbar. = - Wunderkinder.
auf der einen Seite mit dem. Hange des Jünglings
zum Außerordentlihen die Empfänglichkeit für das
wahrhaft Große und Erhabene zu erſtiken, oder zu
ſchwächen, und um nicht auf der andern Seite einen
Hang zum Excentriſchen und Ungemeinen. zu verſtiär-
ken, der für das Leben untüchtig und den. Character
einſeitig macht. -
2) Man beſchäftige daher Verſtand und Urtheils-
kraft, um der Einbildungskraft ein Gleichgewicht zu
ſeen und überhaupt die Geſundheit. und Stärke der
Seele zu. befördern.
8) Man entferne alle Schriften, welche das Äben-.
teuerliche mit Geſchmaloſigkeit und Unſinn vereinigen,
und ſpare andere, worin das Erhabene an's Gräßliche
grenzt, einer ſpäteren Zeit auf.
4) Man lehre den Jüngling dasjenige Wunder-
bare, dem eine Vernunftidee zum Grunde liegt, von
Dem, was blos Product einer regelloſen , erhikten
Phantaſie iſt, unterſcheiden, und gewöhne ihn über-
haupt, mit dem Leſen Bedachtſamkeit und. Beſonnen-
heit zu verbinden. |
9) Man mache ihn mit der Theorie des Erhabe-
nen bekannt und bilde ſeinen GeſchmaEz-=-- die äfthe-
tiſche Bildung führt zum Rein:Menſchlichen hin.
6) Man lehre ihn, daß die wahre- Größe des Cha-
racters niht von unruhiger Wüdheit der Phantaſie,
ſondern von Ruhe und Beſonnenheit, als. dem Be-
weiſe der innern Harmonie, begleitet iſt.
Ueberhaupt ſuche man es. dahin zu bringen, daß
der Jüngling auf dev einen Seite ſeine. Einbildungs-
kraft der Vernunft unterwerfen. lerne und doch auf
der andern bei der Anerkennung. der foſten Regelmä-
ßigkeit der Begebenheiten. in der Sinnenwelt, an eine
höhere Welt glaube und leicht zu ihr erhoben: werdez
daß er bei dem Gefühle und Bewußtſein der Abhän-
gigkeit des Menſchen doch ſeine Größe und Würde
nicht läugnez daß er die Gaukelei, welche betrügen
will, verachte, die erhabene Dichtung aber, die ihn in
der gemeinen Wirklichkeit das Ueberſinnliche ahnen
läßt ,. im Menſchen und in der Natur das Göttliche
oſſenbart, achte und verehre.
Beſonders aber ſuche man durch beſtändige, zwe>:
mäßige Uebungen die intellectuellen, Kräfte des Jüngr
lings zu ſtärken, ſowie im moraliſchen und religiöſcn
Unterrichte ,“ bei großen Naturſcenen und andern feier:
lichen Gelegenheiten, ſeine Vernunft anzuregen und
in- ihm Ahnungen des Ueberſinnlichen zu erwecken 3 ja
man ſuche hauptſächlich durch äſthetiſche und mora:
liſche Bildung Achtung und Empfänglichkeit für das
Ideale in ihm zu ween.
Außer dem obengenannten trefflichen Aufſaße ver:
dient in der verhandelten Angelegenheit no tung die (vom ſel. Oberhofpred. Dr. Reinhaxd het
ausgegebene) Schrift: „Ueber das Wunderbare und
die Verwunderung. Ein pſychologiſcher Verſuch.
1. Th. 1782.“ 10.
LBOunderkinder. Gewöhnlich bezeichnet man
mit. dieſem Worte Kinder, welche dadurch Staunen
und. Bewunderung erregen, daß ſie entweder in körper-
licher Hinſicht (dreh ungemeine Größe: oder Stärke)
oder:in' geiſtiger Hinſicht (durch außerordentliche Talents,
Kenntniſſe, Fertigkeiten) ihren Jahren zuvoreilen.. Die
lezterrw nennt man auch frühreife Genics. Sie
leiſtn aber: ſelten viet: und zeigen: auch wenig Dauet

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