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Zwingli. '
Umfang ſeiner Kenntniſſe, ſondern auch die Arbeitſam-
keit und Leichtiokeit bewundert, mit welcher er dieſelben
fruchtbar zu machen geſucht hat. Seine Schriften
ſind zuerſt von ſeinem Schwiegerſohne, Rudolph Wal-
ther, Prediger zu Zürich, geſammelt und daſelbſt in
den Jahren 1544 und 1545 in vier Foliobänden ge-
dru>t worden. Darunter hat er mehre aus dem
Deutſchen in's Lateiniſche überſeßt herausgegeben.
, Unter dieſen ſeinen Schriften nennen wir hier nur
die Eine, die für die hiſtoriſche Pädagogik eine beſon
dere Wichtigkeit hat und in neueſter Zeit wieder zu
Tage gefördert worden iſt. Sie heißt:
„DerrUlrich Zwingli Lecrbie Knaben Ghriſtlic<; vnterweyſen und erziehen
ſoll, mit kurßer anzange ayvnes ganben Ghriſt-
lichenlebens. MDXXIII. Die älteſte aus der prote-
ftantiſchen Kir der erſten und bisher einzigen Ausgabe auf's neue heraus-
egeben und als eine Stimme ernfier Mahnung für unſere
Zeit dem pädagogiſchen Publikum empfohlen von K. Fulda,
Pf. zu Schönfeld. Erfurt, Körner. 1844, (10 Ngr.)
Zwingli iſt lange Zeit von der pädagogiſchen Welt
unbeachtet geblieben und ſelbſt v. Raumer hat ihn und ſeine
Zeitgenoſſen in der „Geſchic dagegen SHwarz in ſeiner „Geſchichte der Erziehung
nicht unterläßt, ſeinen bedeutenden Einfluß auf die Erziehun
und das Schulweſen ſeiner Zeit namhaft zu machen. Hr. Pf.
Fulda hat ſich daher durc< Beſorgung einer neuen Ausgabe
des Zwingli'ſchen „Leerbiechlein '8' ein Verdienſt erworben,
wenn auch die beigegebenen hiſtoriſchen Notizen nur türfti
zu nennen ſind. (S. Rec. in der A. L.-Z. 1846 Nr. 70.
Ueberdies iſt man nicht dur durch Dr. Glemen's Unterſuchungen (vergl. Pädagogiſche
Zeitung von Gräfe und Glemen Jgg. 1845 Nr. 1.) dar-
über in's Klare gekommen , daß die deutſche Ueberſekung gar
nicht. von Zwingli herrühre. Dicſer ſchrieb vielmehr im
I. 1523 das Buch lateiniſch und widmete es ſeinem nahheri»-
gen Stiefſohne , dem jungen Gerold Mayer von Knonau.
Das lateiniſce Manuſcript kam dur< einen Zufall in die
Hände des Typopraphen Jacob Leporinus zu Baſel , welcher
in Anerkennung der darin enthaltenen allgemein nüblichen
Rathſchläge eine deutſche Ueberſesung beſorgen ließ. Zu dieſer
ſchrieb er ſelbſt eine Dedication an alle „frummen Knaben“,
gab dem Buche den oben angeführten Titel und ließ es im
- 45M druken. Clemen meint zwar, daß die ganze
deutſche Uebcrſebung ein Werk des Jacob Leporinus ſein
möchte 3 es läßt ſich dies aber darum bezweifeln , weil auf dem
Sitel ſteht: „Herr Ulrich Zwingli“, in der nachfolgenden
Dedication an Gerold Mayer aber das „Herr“ vor dem Na-
men weggelaſſen, und der Name ſelbſt dem lateiniſchen Worte
Huldrycho conform ,,Huldrich Zwingli“ geſchrieben iſt.
Nur dur< die Annahme, daß der Titel und die na Reberſebung nicht von einer und derſelben Perſon herrühren,
läßt ſich dieſe doppelte Schreibweiſe erklären.
Uebrigens enthält das Buch kurzgefaßte, auf alle Lebens-
verhältniſſe eines vornehmen jungen Mannes ſich beziehende
Lehren und Winke, wie man ſchon aus den Worten der Dedi-
cation an Gerold Mayer erſehen kann, welchem Zwingli
ſchreibt: „Nu hab die erſte leere , wie man das jung gemüt
aynes Adelichen menſchen in den dingen die Got belangen,
unterweyſen ſoll. Die andere wie in den Dingen die in ſelb
betreffen. Die dritten, wie in den ſachen dic andere leüt an*
geen.“ In Bezug auf den erſten Punct verlangt Zwingli
unter Anderem: „Der halkT ſoll man den glaube mit den
allerrainſten worten, un die auß dem mund Gotes am ubliſten
feind eingieſſen.“ Auc< will er zur Begründung eines feſten
Slaubens und Gottvertrauens die Naturanſchauungen des
Jünglings mit benußt wiſſen , yzährend er ſonſt als das we-
ſentlichſte Mittel der Erziehung ein fleißiges Studium der
heiligen Schrift anempfiehlt, natürlic; in der Urſprache,
weshalb er neben dem Latein an< auf Erlernung des Hebräi-
ſchen und Griechiſchen dringt. Jedoch ſoll der Zun ling, be-
vor er ſim; an das Leſen der römiſchen und griechiſchen Pro-
fanſ dem glauben beveſtet haben 3 dann cs wurdT ſunſt vil verderb-
liger Ding gelernt werden.“
Auch was Zwingli über das zu frühe dffentliche Hervor
treten der Jugend ſagt, über ihre Bildung zur Wohlredenbeit,
über Einfachheit der Koſt und Kleidung, über die gründliche
Erernung der Künſte mit Einſchluß der gymnaſtiſchen , über
Scweigſamkecit und Achtſamkeit auf das äußere Benehmen,
über Anwendung von Strafen und Erziehung zur Wahrbheite-
liebe , ſind alles Puncte, die noM immer vollc Beherzigung
verdienen. .
Nicht weniger läßt uns das Büchlein manchen Bli> in
das Leben der damaligen Zeit thun und macht uns mit Zwing-
li's Geiſt und Geſinnung bekannt, die hier, im Gegenſaße
zum damaligen NRigorismus Vieler, in freundlicher Milde
uns entgegentritt. Selbſt ſeine im Vergleich mit Luther
in mandher Beziehung freiere Anſigt kommt hier in dieſem
und jenem Puncte zum Ausdruk. Wir theilen noh folgende
Stellen daraus mit, wie ſie Glemen am obenangeführter
Orte giebt. Zuerft die Worte über Strafen S. 30: „Wenn
man ain andern ſtrafen (objurgare) ſoll, ſo ſoll es ſo weiß-
lich , ſo ſ tam Salse, tamque feztiviter et consulte) geſchehen, das wir
das laſter vertreyben. Aber den menſchen gewinnen , vnd
vns freuntlicher vnd genaygter machen (ut vitivm propella-
mus, bominem autem lucrifagiamus arctiusque nobis
Jungamus).““ A':< dürfte es in unſerer turnſüchtigen Zeit
wohl von Intereſſe ſein , was Zwingli auf derſelben Seite
von Leibesübungen ſagt: „„,Den leyb werden uben vnd ge-
ſchi>t machen das lauffen, ſpringen, ſtainwerffen, ringen
vnd fechten. Do ſoll man des fechtens meſſig brauchen,
dann es ift offt ernſt daraus worden , ſonſt ſeind berürte ſpil
faſt bey allen völkern vblic fordern , das ift bey den Shweybßern, auffs vbli<ſt vnnd zu
mandherlay ſachen auffs nußlichſt. =“ Schwimmen ſyhe ich
wenig leütten dienen. Wiewol es zuweglen dem lcyb gut iſt,
das man ſ ſchwimmen vnderweylen zu etlichen fellen gutt geweſt. Alfo
iſt etwa ainer auß dem Gapitolio geſwummen der dem Cay
millo der Römer obriſten Feldthauptmann von dem erberms-
lichen zuſtandt der ſtar Rom botſchaft bracht. So iſt die edel
Romiſch Jun>Efrau Elclia auch wider zu den jren geſc men. Ausgezeichnct iſt eine der Letzten Stellen S, 32:
„Dahin ſoll man allen fleoß eylent wenden , das ain jüngling
den Herren Chriſtum auf's allerraynſt in ſich ſ wenn er Chriſtum geſchepfft hat, ſ9 wirt er ſein ſelbs Regel
ſein. So wirt er re faciendo nunquam concidet) , ſo wirt er ſich nymmer erhe-
ben , ſo wirt er teglich mer vnd mer zunemen, ſo wirt er ſich
dunken laſſen er nem allezeyt ab, er wirt zunemen, vnd ſich
doch für den geringſten halten , er wirt guts gegen vedermann
wirken, wirts aber nycmants auffru>en, dann Chriſtus hat
au< alſo gethan , darumb wirt der vollkommen werden , der
fich auffs höchſt befleiſt dem Herren Chriſto na . Son aus dieſen wenigen Stellen werden Freunde der
hiſtoriſchen Pädagogik erſehen, wie das inyaltsreiche Leer -
biec zu werden verdient.
Lebensbeſchreibung Ulr. Zwingli's von I. EC. Heß, aus
dem Franzöſiſchen nebſt einem liter. hiſtor. Anhange von
L. Uſteri. 1811, =- Zwingli's Leben von Dr. Tiſcher
1800. --- Urkunden über Ulrich Zwingli's öffentliches
und häusliches Leben. Schwyz (Augsburg , Koll
1845. (5 Nar.)
> renn wens amen 8 rem een
1238

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