Pädagogiſche Streifzüge. 939

trieben zur Selbſtbildung ſich emporarbeiten, giebt es ſehr wenige. Wir
können aber nicht erziehlich unterrichten, wenn wir die Kinder nicht zu
allererſt ſprechen lehren. Sie verſtehen, was ich mit erziehlichem
Unterricht ſagen will?“ wandte er ſich fragend an den horc „Doc< wohl nichts anderes, al3 das Kind durch den Unterricht zur
Selbſtthätigkeit anzuregen, zur Selbſtändigkeit im. Denken
und Thun zu veranlaſſen, kurz, zur Selbſtbeſtimmung und Selbſtverant-
wortlichkeit ſeines ganzen Seins heranzubilden,“ entgegnete derſelbe.
„Nichts andere3. Wie könnten die Kinder aber thätig ſein, wenn ihnen
das hauptſächlichſte Darſtellungsmittel für ihre Gedanken mangelt?“
„Nicht allein das Darſtellungsmittel für ihre Gedanken,“ unter-
brach ihn der Schulinſpektor, „ſondexn überhaupt das Mittel, Begrifſe zu
bilden, Gedanken zu erzeugen. „Without speech no reason, without
reason no Speech,“ ſagt Max Müller, und tägliche Erfahrung beſtätigt
mir ſein Wort. Es iſt wirklich zum lachen, wenn man die Leute klagen
hört, daß ſie die allerſchönſten Gedanken hätten, nur mangele ihnen der
Ausdruck für dieſelben. „Flunkerei“ nennt Montaigne ſolc< Gebahren und
eitiert als Gewährömänner Horaz und Seneca, von denen der erſte in
ſeinex „Ars poetica“ ſagt: „Einer durchdachten Sache folgen die Worte
gern," und leßterer behauptet: „Wenn ein Ding den Geiſt beſeßt hält, ſind
Worte im Überfluß da.“ Doch ich habe Sie unterbrochen, Herx B., ver-
zeihen Sie, und bitte, fahren Sie fort, meines Freundes Wißbegierde zu
ſtillen, damit er das Wunder begreife, daß Kinder „ſprechen“.
„Ja, ich geſtehe, mir iſt die Ausdru>sweiſe Ihrer Kinder faſt wie
ein Wunder vorgekommen, wenigſtens habe ich in Schulen noch nicht ſo
ſprechen hören, ſo viele ich auch ſchon beſucht. Wohl kann ich in betreff
der Reſultate im allgemeinen mir ſagen, daß dieſelben nux möglich ſind
auf dem Fundament der Anſchauung und auf pſychologiſchem Wege, daß
das Sprechenlehren auch von der Anſchauung ausgeht und pſychologiſch
fortgeführt wird, aber wie Sie bei dieſen Kindern, die doc< ſo dürftig vor-
bereitet ſind, dieſe Gewandtheit im Ausdru> erreichen, das iſt mix
wunderbar.“
„Und doch giebt es nichts Einfacheres, nichts Natürlicheres, als die
Mittel, mit denen ich dieſes Wunder erreicht," ſagte lächelnd der Dorf-
ſc meiſten Kindern ihre großen Schwierigkeiten, die in der mangelhaften Vox-
bereitung odex auch in dem gänzlichen Mangel an Vorbereitung liegen.
Leßteres iſt mix immer noch lieber, denn dann haben die Kinder doch nicht
die Mühe des Verlernens5, die für uns Erwachſene ſchon ſehr unbe-
quem iſt und für die Kinder ein ſchwer zu überwindendes Hindernis wird,
Könnten wir ſie aus der Hand der Natur empfangen, wie viel leichter
wäre unſere Arbeit als jeht, da Haus und Kleinkinderſc viel Verkehrtes, Naturwidriges8, ja manchmal ſogar Böſes in die Kindexr-
ſeelen hineingetragen haben. Doc Kunſt verfährt, dann iſt es immer noch nicht zu ſpät, die Kinder ſprechen
zu lehren, wenn die Schule ſie bekommt, Erſtes Geſez bei der Sprach-
bildung iſt: kein Wort ohne denzutreſfenden Begriſf brauchen
zu laſſen. Nun verfügen die Kinder bei ihrem Eintritt in die Schule

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