Familien » Erbſänden«, 321
wir hierin alſo ganz die Bedürfniſſe unſers Herzens befriedigen
müßten, ehe uns der Tod übereilt. Die Annäherung eines jeden
Abſchiedes von denen, welche wir lieben , macht uns liebevoller und
zärtlicher gegen ſie. Es ahnet uns, daß ein Wiederſehen in der
Ferne liegt; es treibt und drängt uns in dem Innerſten unſers
Gefühls, jekt noc) Alles aus Liebe hinzugeben, damit wir keine
Schuldner bleiben. So weit Pokels über dieſen wichtigen Punkt.
Könnten nur alle Großeltern dieſe inhaltreiche und ſchöne Stelle
leſen , und würden ſie, ihr Bild darin ſchauend , ſogleich den Ents-
ſchluß faſſen, ihre Liebe zu bewahren, damit ſie nicht in Schwäche
ausarte, welche, wenn ſie auch liebenswürdig genannt werden kann,
doch für ihre Kindeskinder verderblich iſt. (S«,. hierüber Art, häu 8-
liche Erziehung.)
Familien-Ecbſünden, Sinnvoll iſt der Spruch der Alten :
-„mali corvi malum ovum,“ d. i. Sind die Eltern verkehrt, ſo ſind
es (meiſtens) auch die Kinder. Dieſer Ausſpruch in ſeiner Tiefe
aufgefaßt, giebt dem Lehrer bedeutenden Auſſchluß hinſichtlich der
Erziehung. Aus demſelben geht erſtens klar hervor, daß und warum
die Erziehung bei nicht wenigen Kindern oft mit ſo vielen Schwie-
rigfeiten zu kämpfen hat, und dieſer Kampf ſo ſehr erſchwert wird,
Da der Menſchenkeim, wie ſic) Sailer ausdrückt, von einem kran»
fen vergifteten Baume abſtammt , ſo hat der Zögling während ſei-
nes ganzen Lebens einen unangenehmen Krieg wider einen ſiechen
Körper und eine ſiehe Seele, d. i, wider angeborne Anlagen zu
heftigen Leidenſchaften zu führen, er wird die Spuren der Verkrüps
pelung =< ſehr mühſam aus ſeinem Aeußern wegwiſchen, in ſeinem
Innern nie ganz tilgen können. So gewiß es volksthümliche (na-
tionale) Geſichtszüge giebt, ſo gewiß giebt es auch Familien - Ge-
ſichtszüge, und ſo gewiß giebt es auch Familien - Erbſünden. Denn
die Menſchenkeime (die Kinder) nehmen Macht und Ohnmacht, Le-
ben und Tod, Verkrüppelung und Veredlung von den Eltern. =-
Daraus geht zweitens hervor, daß, je mehr die Verweichlichung und
Entnervung der Menſchen in in- und extenſiver Beziehung voran-
ſchreitet, das kommende Geſchlecht verſchlechtert werden müſſe. Da
aber dieſe Verweichlichung und Entnervung von den höhern Stän-
den ausgeht, und ſich mit Allgewalt auf die niedern herab - und in
ihnen fortwälzt ; ſo muß, wenn aus dem entnervten Geſchlechte ein
neues hervorgeht, dieſes nur noch reichlicher, lahmer und beklagens-
werther werden. = Der 4dhriſtliche Schullehrer wird daher auch
Alles darauf anlegen, ſeine Schüler vor Allem, was ſie leiblich und
ſittlich zerrütten kann, ernſtlich zu warnen und ſorgſam zu bewahren,-
da jede Zerrüttung, der ſie ſich hingeben, nicht bloß eine Sünde an
ihnen ſelbſt, ſondern auc) an der Mit- und Nachwelt iſt. Er wird
ſie inöbeſondere vor jenen Anläſſen und Gefahren ſicher zu ſtellen
ſuchen , welche die Zerrüttung ihrer jugendlichen Kräfte begünſtigen
dder unterſtüßen ; er wird deßhalb ihrem Geiſte und Herzen die ge-
hörige Richtung, =“ die Richtung auf das ewig Wahre und Gute
zu geben, und ſie gegen Verführung mit dem Worte des Lebens zu
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