Krankheiten. 791
men; es bleibt immer nur Werkzeug eines fremden Willens, -- ein
Räderwerk, das von fremder Kraft getrieben wird. Die Kraft, die
es in ſich ſelber trägt, bleibt unangeregt und ungebraucht, und das
iſt eben die Kraft, an die ſich der Charakter , wie Handel ſagt,
gleichſam wie an ſeine Wurzel anſeßt. Lernt es ſie nicht kennen und
üben, lernt es nicht einſehen, daß aus ſeinem freien Wollen das
wahrhaft Gate und Anerkennungswerthe hervorgehen muß, ſo bleibt
es immer geiſtig unmündig, ſchwankend und ſich größtentheils nach
Anderer Willkähr richtend, ohne Entſchluß zu freier That. Dahin
beingen es Eltern, die den Willenöaußerungen des Kindes keinen
Spielraum gönnen, ſie überall nach eigenen Anſichten, Wünſchen und
Neigungen abmeſſen und regeln wollen, und das oft mehr in Neben-
dingen, als in dem, was in ſittlicher Beziehung wichtig iſt. Wie
der Töpfer den willenloſen Thon zu einem beliebigen Gefäße geſtaltet,
ſo wollen ſie das Kind formen und richten, ohne zu bedenken, daß
eine lebendige Kraft zum Selbſtbilden in ihm liegt, die von innen
herauswirkt, und der man in ihrer Entfaltung nur anregend und lei:
tend zu Hülfe kommen darf, ſo daß es ſich bewußt werde, es rede
und handle aus eigenem Antriebe, = aus freiem Entſchluſſe.
Kraftanwendung. (DS. Art. Thätigkeitstrieb.)
Krankheiten. Am meiſten treten Krankheiten der Erziehung
ſtörend in den Weg, weil da ein richtiges Verhalten, insbeſondere
den Müttern, am ſchwerſten iſt. Denn während ſich hier die Sorge
in der leiblichen Pflege verdoppelt, und die theilnehmende Mutter-
ſtimme dem Kinde Troſt gibt, ſoll gleichwohl in der geiſtigen Pflege
nichts verſäumt und den Grundſäßen der Erziehung nicht zuwider ge-
handelt werden. =- Wie nun, ſagt Sailer, der Erzieher die Krank-
heiten des Gemüths, die Leidenſchaften, welche Krankheiten des Lei-
bes entweder ſchon mitbringen, oder nach ſich ziehen, bewachet, ſtillet,
ſenketz ſo verhält er ſich auch auf Krankheiten des Leibes ſelbſt. Er
ſucht den Zögling a) vor denſelben zu bewahren, indem er ihn in
allem Maaß und Diät genau halten lehrt; er ſchüßet ihn bd) vor der
gefährlichſten Krankheit der Kinderjahre, durch Cinimpfung der Schuß-
blattern 3 er nimmt ce) mit ſpähendem Auge die früheſten Spuren
kommender Krankheiten wahr, um das Uebel noch vor dem Ausbruche
entwaffnen zu können; er ruft d) ſobald ſich die Krankheit verräth,
einen bewährten Arzt zu Hülfe; er wachet e) daß der Zögling den
Vorſchriften des Arztes pünktlich nachkomme, und ſuchet f) durch Er-
heiterung des Gemüths, der Arznei ihre Wirkung, und dem Zögling
das Geneſen zu erleichtern. =- Dieſe Sorgfalt beweiſet der Erzieher
in allem, was Fehler in der körperlichen Entwickelung z. B. einen
verſchobenen, ſchiefen Wachsthum , Verkrümmung c. 2c. etwa zur
Folge haben könnte. Er ſucht deßhalb vorſichtig alle Veranlaſſungen
hiezu fern zu halten, und im Falle des Bedürfniſſes frühzeitig dem
drohenden Uebel zu ſteuern durch Anwendung zwe>mäßiger und er-
probter Mittel. (Matth. 8, 5. 6.)
Krug, W. Treugott, (S. Art, Leſelehre.)

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