166 Urtheilen , Urtheilsfraft.
dann hat es auch ſchon viele Begriffe geſammelt, viel geutrtheilt,
manche Regel erlernt und ſich eingeprägt, Aber mit der Schule er:
öffnet ſich ihm eine neue Welt. Der Kreis ſeiner Begriffe , Anſich:
ten und Urtheile erweitert ſich. Sein Geiſt, der aus der häuslichen
Erziehung meiſt nur eine dürftige Einſeitigkeit mitbringt, wird nuns-
mehr vielſeitig angeregt, theils durch den Unterricht des Lehrers
ſelbſt , theils durch ſeine Mitſchüler, mit denen es bekannt wird.
Es lernt ſeine Urtheilskraft üben, ſchärfen und berichtigen an den
neuen Gegenſtänden, die ihm vorgeführt, und an den neuen Erkennt-
niſſen, die ihm beigebracht werden. (Bildung der Urtheils-
fraft.) Da alle Vermögen des Geiſtes genau miteinander zuſam-
men hängen, ſo iſt mit den vorausgegangenen Anſchauungs - und
Denkübungen auch für die Urtheilskraft ſchon viel geſchehen. Denn
wenn Kinder gewöhnt ſind, die einzelnen Gegenſtände mit den Sin-
nen richtig aufzufaſſen, mit jedem Worte einen deutlichen Begriff
zu verbinden, dieſe Begriffe auf das Einzelne richtig anzuwenden,
und in ihren verſchiedenen Beziehungen zu überſchauen, dann ſind
auch darin theils ſchon wirklich richtige Urtheile enthalten, theils
begründet und vorbereitet. Da nach dem oben Bemerkten die Kin-
der eher urtheilen als ſprechen, ſo muß der Lehrer bezüglich auf
vollſtändigen ſprachlichen Ausdruck lange Nachſicht haben, und dieſe
nicht eher verlangen, als bis ihr Geiſt die Kopula. die Perſonen
und Zeiten aufgefaßt hat. Dabei halte ſich der Lehrer unverbrüch-
lich an das Geſeß, den Kindern ſo wenig als möglich vor- zu ur-
theilen, ſondern ſie ihre Urtheile ſelbſt finden zu laſſen, Ihm
liegt nur ob, anzuregen, zu leiten, zu berichtigen , und dieß unver-
merkt, daß der kindllc mehr die Kinder an Sprachfertigkeit gewinnen, auf deſto größere
Beſtimmtheit im Urtheilen wird der Lehrer halten. Er wird dieje-
nigen Lehrgegenſtände , die das Denkvermögen beſonders in Anſpruch
nehmen, als: Rechnen, Sprachunterricht 1c., großentheils kateche-
tiſch behandeln, ſo daß die Kinder, wo möglich, die geſuchte Wahr-
heit ſelber finden, und ſich der Regel bewußt werden , nach der ſie
ſolche gefunden haben. Auch wenn der Lehrer erzählt oder beſchreibt,
wird er öfters Gelegenheit haben, ſich an die Urtheilskraft der Kin-
der zu wenden, ihre verſchiedenen Urtheile vergleichen und ſie ſo
das richtigſte herausfinden laſſen. =- Ein vorzügliches Mittel , die
Urtheilskraft zu üben und zu ſchärfen, ſind die vielen bildlichen
Ausdrü>ke, welche in der Sprache ſelbſt vorkommen, und die Bil-
der und Gleichniſſe, die der Urtheilende ſelbſt ſchafft und hervorruft.
Das lektere iſt insbeſondere Sache des Wikes , der hier ein großes
Gebiet findet ſich zu üben, theils dadurch, daß er die Aehnlichkei-
ten verſchiedener zuſammengeſtellter Begriffe aufſucht (z- B. zwiſchen
einem Weinſtock und ſeinen Rebzweigen und Chriſtus mit ſeinen
Gläubigen), theils dadurch , daß die Kinder zu aufgegebenen Be-
griffen ſelbſtähnliche finden, mit welchen ſie, oder welche mit ihnen
verglichen werden können, wie z. B. Blume, Feuer, Thau, der
wolkenloſe Himmel 26. Ferner die Erklärung dieſes oder jenes

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