914 Verlangen == Vermäctniß«
nimmt der erziehende Lehrer für dieſelben folgende Moniente in
ſeine Darſtellung auf: a) Der Redlichgeſinnte erkennt die Vorzüge
Anderer, ſtatt ſie zu ſchmälern, willig an, und freut ſich ihrer, wenn
ſie wahre Vorzüge ſind. Gern gönnt er Andern größere Kenntniſſe
und Geſchi>klichkeiten; denn ſo iſt es der Wille Gottes, daß die Ga
ben ungleich ausgetheilt ſeyn ſollten, damit Einer dem Andern deſto
nüßlicher und unentbehrlicher werde. Wer weniger empfangen hat,
und ſolches gut anwendet, gilt deßhalb bei Gott nicht weniger.
b) Er beneidet Keinen, weil er etwa ſchönere Kleider und beſſer zu
eſſen hat, als er, weil ſeine Eltern ein größeres Vermögen beſfiken,
und ſucht ſeinen Vorzug deßhalb nicht durch Aber und Wenn zu
ſchmälern. Es kann ja Jeder auch mit Wenigen zufrieden und
glüklich ſeyn. Denn nicht das Gut drauſſen, ſondern das Gut im
Herzen mächt Lebensfroh, c) Es giebt auf Erden nur eines,
was der Menſch an ſich achtungswürdig nennen darf, und was allen
Menſchen Achtung abgewinnt, und das iſt: der fromme Wandel vor
Gott, Wer Gott gefällt und ſeine Gnade genießet, der hat mehr,
als was die Welt und alle ihre Güter werth ſind. (Jer, 9, 25,
24, 1. Cor. 24 --- 29. Röm, 16, 19. Luc, 10, 42.)
Verlangen. (S. Art. Beſtrebungsvermögen.)
Verläumdung. (S. Art, Zunge.)
Vermächtniß. (Das beſte der Eltern för ihre Kinder.) Wie
gut und Segenbringend für dieſe und die künftige Welt wär es,
wenn Eltern ihren Kindern mit Wort und That den Weg bezeich-
neten, der zum Heil und Leben führt. Dieß wäre mehr werth, als
alle äußern Güter, die ſie für ſie geſammelt hätten, und denſelben
hinterlaſſen würden. Welch ein unverlierbarer überauskdſtlicher Schaß
wäre denn eine ſolche Hinterlaſſenſchaft für die Kinder, und welch
ein Troſt für die Eltern bei ihrem Scheiden von ihnen. Welch, ein
bleibender Eindruck für alle Tage ihres Lebens würde dann das
Wort des ſcheidenden Vaters, oder der ſcheidenden Mutter auf ihre
empfänglichen Herzen machen? und wie ſehr ihre Schritte ſichern
auf der gefahrvollen Reiſe durc das Leben in der Zeit? =- Wie
dieſes Vermächtniß der Eltern für Kinder beſchaffen ſeyn könnte und
ſollte, wollen wir hier an dem thatkräftigen Benehmen des Gemüth-
vollen Matthias Claudius an ſeinen Sohn, und an dem eben
ſo ſchönen und ſtärkenden Beiſpiele einer Mutter für ihre Toch-
ter nachweiſen. 1. Vermächtniß für den Sohn. Die Zeit
kommt allgemach heran, ſprach Claudius zu ſeinem Sohne, daß ich
den Weg gehen muß, den man nicht wieder kommt. I< kann dich
nicht mitnehmen, und laſſe dich in einer Welt zurück, wo guter Rath
nicht überflüſſig iſt. Niemand iſt weiſe von Mutterleibe an ; Zeit und Er-
fahrung lehren hier und fegen die Tenne. Ich habe die Welt länger
geſehen, als du. Es iſt nicht alles Gold, lieber Sohn, was glänzt,
und ich habe manchen Stern vom Himmel fallen, und manchen Stab.
auf den man ſich verließ, brechen ſehen. Darum will ich dir eini-
gen Rath geben, und dir ſagen, was ich gefunden habe, und was die
Zeit mich gelehrt hat. Hänge dein Herz an kein vergänglich Ding,

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