-264 Vielerlei,
Grönden angenehm, aus welchen es Andern läſtig zu werden pflegt.
Das Jahr vor ſeinem Tode verfiel er zum erſten Male in ſeinem
Leben in eine ſchwere und lange Krankheit. Es war ein-bögartiges
Fieber. Er trug dieſen. Unfall wit Ruhe und Ergebung, ohne je
eine Klage oder einen Laut des Unwillens darüber hören zu laſſen.
Den ſein Lager umſtehenden Klagenden verwies er ihren Kleinmuth
und ermunterte ſie, ſich darüber zu freuen , daß er ſo ehrenvoll an
das Ziel ſeiner Wanderſchaft gekommen. So befahl er ihnen and),
ſein Leichenbegängniß ohne allen Pomp und ohne Aufſehen zu feiern,
damit 'es nicht ſcheine, als ſey er im Tode noch eitel und ehrgeis:
zig, er, der im Leben das Beiſpiel von Demuth und evangeliſcher
Armuth gegeben. Weil er aber, nac nicht abließ von den gewohnten Anſtrengungen des Geiſtes und Kör-
pers, überfiel ihn dieſelbe Krankheit von Neuem. Während er am
2. Februar 1446 in einem Erbaunngsbuche las , ward er plöklich
von einem ſtarken Huſten ergriffen, und verſchied ohne Seufzen und
Stöhnen mit heiterer Miene in einem Alter von ungefähr 68 Jah-
ren. Sein Leichnam ward ganz im Stillen, wie er es verlangt
hatte, auf dem Gottesac>er der heil. Geiſtkirche zu Mantua, an der
Seite der Ruheſtätte ſeiner Mutter, in ein ſchlichtes Grab geſenkt.
Alle Mitglieder des Hauſes Gonzaga begleiteten ihn zu ſeiner leßten
Behauſung, ie er mit keinem Denkſteine geziert wiſſen wollte.
Wäre ihm, dem edlen Manne, eine Grabdenkmal geſeßt worden,
ſo. hätte daſſelbe die Aufſchrift erhalten müſſen: „„Victorin war
das Bild eines vorzüglichen Erziehers und Iugendleh-
vers; würdig der Krone der Augerwählten Gottes!''--
Vielerlei-. Bei dem Jugendunterrichte kommt Alles darauf
an, daß das Behandelte ein ſicheres und unverlierbares Eigenthum
der Kinder werdez dieſes wird es aber nur dur) allſeitiges Erfaſſen
und faſt unausgejeßtes Wiederholen. Zu Beidem gehört jedo< die
erforderliche Zeit, Werden nun aber die Schulleſebücher öfters ge»
wechſelt, dann kann unmöglich ein gründliches und gediegenes Gan-
zes, keine dauernde und nachhaltige Ausbeute erzielt werden, von
der man ſagen könnte, das iſt nun der Kinder ſicheres und unver-
ſierbares Eigenthum geworden, worüber ſie zu jeder Zeit frei verfür
gen können 3; ſondern im Gegentheil haben ſie zwar Vieles geſehen,
gehört, geleſen und geübt, und doch wirkli< nur ſehr wenig ge-
levntz ſie wiſſen vielerlei, und doch nicht viel, von Allem etwas,
und im Ganzen nichts Rechtes; ſie haben mancherlei Kenntniſſe,
aber keine rechten Erkenntniſſe; bei dem Wiſſen fehlt das Können, ---
Es kann in unſern Schulen aber auch nicht anders kommen , ſo
lange man das Vielerlei nicht beſchränkt, dem Geiſte nicht längere
Zeit zur geiſtigen Verdauung gönnt, und durch das ewige Neue und
immer wieder Neue das Frühere und Alte in den Hinkergrund
drängt, bis es endlich ganz und gar verdrängt iſt. == Die Erfah-
rung lehrt von Jahr zu Jahr immer mehr, daß dieſes Drängen und
Treiben mit dem Zuviel und zu Vielerlei ein wahrer Krebsſchaden
des Schulweſens unſerer Zeit iſt. Wer hinblickt auf die Maſſe ver-

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