292 Vollendung des Menſchen.
an den geiſtigen, und die geiſtigen an dem Göttlichen hangen. Wir
haben an einem andern Orte geſagt, was den Menſchen zum Men-
ſchen mache , und dieß iſt dann der Fall, Penn in ihm das Princip
der Religion ſo herrſchend geworden iſt, daß davon Ordnung in die
Sinnlichkeit , Licht in das Erkennen, Leben in das Handeln aus-
geht, und dann die Ordnung im Sinnlichen, das Licht im Verſtän-
digen, das Leben .im ſittlichen Gebiete ſtets neue Zuflüſſe von der
Quelle der Ordnung, des Lichtes und des Lebens von der Religion
erhalten. Das Seyn, und zwar das beſtehende Seyn der Ordnung,
des Lichtes, des Lebens, und zwar des Lebens aus der Religion und
durch die Religion = dieß macht den Menſchen zum Menſchen, =-
Wir haben demnach dem gleich anfangs Geſagten zu Folge eine
Kette, in welcher das Göttliche der erſte, das Geiſtige im Menſchen
der zweite, und das Sinnliche in ihm der dritte Ring iſt. Das
Niedere hängt am Höhern und das Höhere am Höchſten. Wenn
alſo in irgend einem Individuum ſeine edlern, geiſtigen Kräfte vie
in Einigung mit dem Göttlichen kämen; ſo würde die Kette, =--
dieſes bildliche Zeichen == nie ganz; denn entweder würden die
thieriſchen Kräfte herrſchend werden, und dann träte das Niedere
allein hervor, und drängte das Geiſtige zurük, -- der Menſch
ſänke herab in die Claſſe der Thiere, --- oder es würde die bloße
Verſtandesbildung , die ſich in ihrem Forſchen nie zu Gott und zur
Ewigkeit erhebt, und nie von Gott und Ewigkeit Licht zur Erkennt-
niß der Wahrheit holt, obenanſtehen, und dann würde der Menſch,
wie Sailer ſagt, ein bloſſer Begriffskaſten, der zwar die
Spuren und den Regenbogen der Zeit an ſich trüge 3 weil aber die
geheimſten Stätten im Menſchen -- Vernunft und Wille -- unent-
wickelt blieben, ſo müßte die Herrſchaft über das Thieriſche entwe-
der bloß Schein, bloß eine als Schild ausgehängte Selbſtherrſchaft,
vder als ernſtliches Wollen, mehr Verſuch als That ſeyn, Nur
wenn die geiſtigen Kräfte des Menſchen ſtets fort in Vereinigung
mit dem Göttlichen bleiben, und von ihrem einzigen und höchſten
Haltungspunkte nicht abfallen, dann bleibt auch die gedachte Kette
unzerriſſen, und wird ſomit im Schluſſe gehalten. Und ſo ſtellte
ſich. wirklich das ſchönſte Leben des Menſchen dar, welches ſeine
tiefſte Wurzel und ſeine höchſte Krone im Göttlichen hätte, Der
Menſch würde daher ſeine Vollendung , ſo weit es hienieden mdög-
lich iſt, erreicht haben, wenn er ſich zur völligen Einigung mit dem
Göttlichen erhoben, oder was dasſelbe iſt, wenn er die Aehnlichkeit
mit Gott vollſtändig errungen hätte. Da nun aber dieſe völlige
Einigung mit Gott dieſe vollſtändige Gottähnlichkeit hienieden nicht
erreicht werden kann, zumal der ſinnliche Theil dem Menſchen immer
den Genuß des Göttlichen erſchwert, hemmt und unterbricht, ſo iſt
wohl auch begreiflich, warum die höchſte hienieden erreichbare Voll-
kommenheit des Menſchen gegen die vollendete drüben eine Frucht
im Werden genennt werden kann, was ſo lange andauert, bis der
Tod dem von den Feſſeln der Sinnlichkeit losgebundenen Geiſte

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